Dadurch, dass ich im (fast) äußersten Westen unseres Landes wohne, ist das „Blaue Land“ für mich nicht nur geistig, sondern auch geografisch weit weg und sehr, sehr fremd. Zwar gibt es natürlich auch in meiner Heimat Menschen, die die AfD wählen, jedoch kann man hier (noch?) von einer deutlichen Minderheit sprechen. Olaf Sundermeyer berichtet uns, gekonnt und professionell, aus dem nun scheinbar „Blauen Land“, aus dem Osten Deutschlands, wo die AfD seit ihrem Bestehen immer mehr Zulauf bekommen hat. Seit 20 Jahren berichtet er von dort, lange bevor es die Partei gab und hat die Entwicklungen der heutigen Strukturen, hautnah, miterlebt. Pegida, die großen Proteste gegen die Flüchtlingspolitik (gegen das „Wir schaffen das“), die Proteste gegen die Coronamaßnahmen, Auswüchse der irregulären Zuwanderung, Angst vor Krieg und Inflation, Proteste der Bauern – ja, es zeigt sich im Rückblick deutlich der große Nährboden der Unzufriedenheit, des Pessimismus, des Unverständnisses und der daraus resultierenden Wut. Sundermeyers Buch ist ein gutes Buch für alle, die den Aufstieg der in Teilen als rechtsextrem rechtlich angesehenen Partei, besser verstehen wollen und gleichzeitig ist es ein deutlicheres Plädoyer, sich inhaltlich mit den Beweggründen der Wähler dieser Partei auseinanderzusetzen. Die Parolen der Partei fielen vor allem dort im Osten (aber nicht nur dort) auf einen vorbereiteten Boden.
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Brandmauer | Herausgegeben von Stefan Aust und Rafael Seligmann
Frei nach der Gretchenfrage ist die aktuelle Frage in der Bundesrepublik 2026 „Wie hältst du`s mit der AfD?“ Und die Dauerantwort aus vielen politischen Ecken Deutschlands heißt: „Brandmauer!“ Aber wie wirksam ist diese angeblich demokratische „Brandmauer“, wenn wir erkennen müssen, dass die AfD immer mehr Wählerstimmen erhält. Drei große Wahlen stehen direkt vor uns: In Sachsen-Anhalt, in Berlin und in Mecklenburg-Vorpommern. Und gerade in Sachsen-Anhalt kann die AfD die stärkste politische Kraft werden.
Einer der bekanntesten Journalisten Deutschlands, Stefan Aust und Redakteur Rafael Seligmann haben sich Schwergewichte der bundesdeutschen Politikszene für ein besonderes Buch dazugeholt. Darunter vielfach Personen des öffentlichen Lebens, die nicht noch Karriere machen wollen (und denen es daher vielleicht auch nicht um ihre Person geht), sondern die sich durch Kontinuierlichkeit in ihren Ämtern und/oder durch konsequentes Handeln einen wirklich positiven Ruf in der deutschen Bevölkerung erarbeitet haben. Ein Typ Mensch, den man ansonsten auf der politischen Bühne zurzeit (scheinbar) schwer findet.
So hören wir hier z.B. den langjährige SPD-Vorsitzenden (2009 bis 2017) Sigmar Gabriel, Reiner Haseloff, den ehemaligen Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt (2011 bis 2026), Christian Ude, der über 20 Jahre lang als SPDler Oberbürgermeister von München war oder Margot Käßmann, die ehemalige EKD-Vorsitzende, die einst Konsequenzen aus einem Fehlverhalten zog und eindrucksvoll von ihrem Amt zurück trat. Sie gilt daher, nach wie vor, als moralische Instanz. Aber auch viele, viele andere interessante Menschen, die nun ihren – durchweg spannenden – Blick, erklären. Ein großer Rundumschlag verschiedenster Perspektiven auf das als „Brandmauer“ benannte Verhalten der Parteien, die man – je nach Sichtweise – etablierte Parteien, demokratische Parteien, Parteien der Mitte oder Altparteien nennt, und ihrem Umgang mit der Partei (oder dem Phänomen) AfD, die unsere Demokratie in den Grundfesten zurzeit herausfordert.
Deutschland ist es wert | David Matei (Simon Biallowons)
Es ist einfach gegen etwas zu sein, denn man muss dies (fast) nicht rechtfertigen. „Ich mag das nicht“, „Kommt für mich nicht in Frage“ oder „Ich bin grundsätzlich dagegen” beenden schnell alle Diskussionen, ja, lassen sie einfach nicht zu. Wie schwer ist es dann öffentlich für etwas zu sein, was vom Grundsatz immer in die Diskussion geht, denn es geht im wahrsten Sinne des Wortes um Leben und Tod. Es geht darum, wie wir weiter in Frieden leben können und Krieg vermeiden. Wir, der wir in der – mit Abstand – längsten Friedensphase Europas leben und uns die umfänglichen Konsequenzen von Krieg, Terror, Vernichtung, Zerstörung, höchste Verluste materieller und menschlicher Art und absolute Unfreiheit nicht mehr vorstellen können.
Aber nach über 80 Jahren Frieden und großem Wohlstand, gibt es wieder eine spürbare Kriegsgefahr. Verteidigen wir uns? Wer verteidigt uns? Es ist mutig dann zu sagen: Ich bin für eine Armee und ich werde dort auch dienen.
David Mateis Anliegen klingt ehrlich. Er wirkt authentisch und er ist engagiert. Engagiert für unser Land. Daher sollten wir ihm zuhören, egal welche eigenen Auffassungen wir erst einmal haben. Wer bereit ist unser aller Freiheit zu verteidigen, hat unser aller Aufmerksamkeit verdient.
Ein absolut aktuelles Buch. Ein Buch mit Haltung, was zu Diskussion und zum Zuhören auffordert. Gerade daher tut es der Diskussion so gut.
Eine Deutsche im Ukraine-Krieg – Das Fronttagebuch der Savita Diana Wagner |
Dies ist bei weitem kein alltägliches Buch. Wir wissen definitiv bereits vor der ersten Zeile: Das ist kein normales Sachbuch. Unsere Erzählerin wird ihren Einsatz in der Ukraine nicht überleben – sie wird sterben. Da es aber ein Sachbuch ist, wissen wir auch: Dies ist keine Fiktion. Es sind die Darstellungen der Realität von Savita Diana Wagner, die ausgezogen war, das in die Tat umzusetzen, was viele Politiker Europas propagieren, nämlich die Demokratien Europas in der Ukraine zu verteidigen. Und somit wird uns – bezogen auf dieses Buch – deutlich: Dies wird keine leichte Lektüre. Aber eines möge vorweg gesagt sein: Es wird eine sehr eindrucksvolle Lektüre, denn es ist bei weitem nicht vergleichbar mit den Nachrichten, aus dem mittleiweile seit über vier Jahren gequälten Land, das unter dem Angriffskrieg Russlands so sehr leidet. Mit Nachrichten, die vielleicht aufgrund des Täglichen, mittlerweile fast emotionslos an uns vorbeigleiten. Wir erleben hautnah, was Krieg in den 20er Jahren des 21. Jahrhunderts bedeutet, welche Folgen er für die Menschen dort hat und wie der Krieg (wenn er einmal begonnen hat) alles im Leben beherrscht. Und: Es gibt keine natürliche Gerechtigkeit. Krieg kennt keine Gerechtigkeit, er ist Brutalität, Zerstörung, unerbittlich, fordert alles von uns ab. Er hat hunderte Gesichter und kennt vor allem kein Happy End.
All das geht tief unter die Haut. Savita Wagners Buch ist ein Manifest, ist wie ein Testament, ein besonderes Erbe, eine wertvolle Hinterlassenschaft. All dies macht es mehrfach kostbar und zu einem ganz anderen Leseerlebnis.
Kanakenkind | Luigi Toscano
Es liegt in der Natur der Sache, in der Professionalität eines guten Fotografen, sehr genau, scharf und klar zu fokussieren. Und dies gilt nicht nur für die bloße Optik. Nein, es gilt für den Blick auf den Menschen, der mehr als den physikalischen Gesetzen unterliegt. Das wird so deutlich, wenn wir die Zeilen im Werk Luigi Toscanos lesen. Fotografieren ist das intime Kennenlernen von Menschen. Es ist das Erfahren von und über Menschen, ist der Austausch, ist das tiefe Verstehen von Schicksalen und so viel mehr. Aber wer ist dieser Mensch, der es schaffte und immer wieder schafft, so tief verletzte Menschen, wie die Überlebenden des Holocaust, vor seine Kamera zu bekommen. Was bringt er mit? Was verbindet sie eventuell, so, dass er ihr Vertrauen gewinnen kann? Eine seiner Antworten (neben anderen) liegt in der Frage: Wo komme ich her, wo will ich hin?
Und „Kanakenkind“ bietet uns eindrucksvolle, aufwühlende, manchmal schwer zu ertragende, aber ehrlich klingende und authentische Antworten dazu, wo Toscano herkommt. Ein Buch, das nach seiner Beendigung im Kopf, im Verstand bleibt – weiter wirkt. Denn es sagt nicht nur etwas über die Vergangenheit, sondern seine Wahrheiten; über Ausgrenzung, Intoleranz, offenen und versteckten Rassismus und Antisemitismus. All diese Dinge sind 2026 in der deutlichen Gesellschaft im Wachsen begriffen. Sie sind scheinbar in Gestalt der Wahlerfolge von rechten Gesinnungen gesellschaftsfähiger geworden. Darüber und dazu hat die außergewöhnliche Persönlichkeit des Fotografen Luigi Toscano uns nun einen tiefgreifenden Beitrag geschenkt.
Erinnern heißt Handeln | Ruth Weiss
Die Autobiographie der eindrucksvollen Journalisten und Schriftstellerin Ruth Weiss, ist bei weitem nicht die „normale“ Lebensgeschichte, die viele in der Öffentlichkeit stehenden Personen zum Ende ihres Lebens schreiben. Ruth Weiss, jüdisches Kind, aufgewachsen im Nazi-Deutschland, Journalistin im apartheitsgeprägtem Südafrika und dann im vereinigten Deutschland, setz ihr Leben in ihrer Autobiographie – fast wie interdisziplinär – in Verbindung mit ihrer Herkunft, ihrer Prägung als deutsche Jüdin, ihrem Anspruch als engagierte Journalistin und vor allem als Demokratin, die sich für die Unterdrückten und Rechtlosen einsetzte. All das ist für uns als Leser eindrucksvoll. Eindrucksvoll, wie diese, über einhundertjährige Frau, klar Stellung – auch zu aktuellen Themen – nimmt und Haltung zeigt. Ihr Lebensmotto hat sie zu ihrem Titel gemacht: „Erinnern heißt Handeln“. Und nach dieser deutlichen Aufforderung, hat sie ihr eigenes Leben gestaltet.
Der Krieg der Worte
Es herrscht Krieg in vielen Teilen der Welt – nicht nur militärisch. Es ist ein verbaler Krieg, um Bedeutungshoheiten. Wer die Bedeutung besetzen kann, kann die Massen beeinflussen, kann Narrative und Fakes produzieren, Demokratien destabilisieren, Territorien einnehmen, da er das Denken der Menschen dort einnimmt. Wir verwenden großkalibrige Worte nicht nur als Angriff, nein, sie kommen in einer Politik, die oft keine Kompromisse mehr kennt, wie ein Flächenbombardement daher. Diesen Krieg der Worte entflechtet der großartige britische Historiker Harold James in seinem neusten Werk umsichtig, geschickt, filigran und bringt – auf sehr klare Art – Transparenz in die oft nebulösen, kompakten, ja uns fast erdrückenden Kampfbegriffe vieler Politiker, Meinungsmacher und Ideologen.
Harold James hat uns damit ein sehr aktuelles Buch in die Hand gegeben. Ein Buch über die Kluft im Denken, die jeder von uns täglich erfährt und die bestimmt ihre aktuellen Höhepunkte im amerikanischen Wahlkampf oder in den Landeswahlkämpfen in unserem Land in diesem Jahr hatte, und die auch im kommenden Bundestagswahlkampf auf uns zukommen wird. Aber diese Zerrissenheit wird sich dadurch nicht lösen, sondern wahrscheinlich eher steigern. Sie wird uns mindestens in diesem Jahrzehnt, wenn nicht Jahrhundert weiter begleiten. Die Welt zwischen Weltoffenheit, Globalismus, Kosmopolitismus etc. und geschlossenen Systemen, wie Nationalsozialismus, Partikularismus, etc. Aber all diese und andere große politische Kampfbegriffe haben einen großen Wandel erfahren. Diesen gilt es zu kennen, um nicht zu schnell für irgendwas zu applaudieren. Harold James schafft es sehr gut und umfassend dies darzustellen, und zwar ausgehend von Wittgensteins „…die Grenze meiner Sprache bedeutet die Grenze meiner Welt“. James gibt uns auf beeindruckende Art Hilfe, diese Grenzen zu erweitern.