erschienen bei C.H.Beck
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Ein wissenschaftliches, akademisches Werk
Deutschlands Rolle als Kolonialmacht wurde lange, lange Zeit sehr heruntergespielt, d.h. man stellte sie als relativ belanglos gegenüber den großen Kolonialmächten wie England oder Frankreich dar. Schließlich war man als (in vielfacher Hinsicht) verspätete Nation, erst spät auf dem „Weltmarkt“ der Verteilung der Kolonien angekommen. Und dann mussten die Deutschen auch „früh“ ihre Kolonien – nach dem 1. Weltkrieg – wieder abgegeben, so dass die Rolle als Kolonialmacht doch nur wie ein kleines Intermezzo in der Geschichte erschien. Nichtsdestotrotz zeigt gerade der Umgang mit dem als „Hereroaufstand“ in unseren Geschichtsbüchern betitelten Krieges, gegen eine fast schutzlose Bevölkerung in Namibia, die menschenverachtende Brutalität, mit der unsere Vorfahren der einheimischen Bevölkerung gegenübertraten. Das Vorgehen des deutschen Militärs zwischen 1904 bis 1908, war der erste Genozid des 20. Jahrhunderts. Wir haben – und dies geschieht glücklicherweise endlich auf vielen Ebenen in den letzten Jahren – die deutliche Aufgabe uns dieser Geschichte zu stellen.
Matthias Häussler hat uns dazu ein klar wissenschaftliches, akademisches Buch geschrieben. Und dies in dem Gedanken (wie er es in seinem Vorwort ausdrückt), dass eine anzustrebende Erinnerungskultur nur durch das Zutun vieler kulturschaffender Zweige erschaffen werden kann und dass dieses Buch, einen Teil dessen dazu einbringen soll, was die Wissenschaft in den letzten Jahren schuldig geblieben ist. Ein hoher Anspruch also, den der Autor an sich selbst stellt und dem er in akribisch recherchierten Kapiteln nachkommt.
Voraussetzungen und Genese zum Konflikt
Häusslers Werk über das Schicksal der OvaHerero (im Singular OmuHerero, die Eigenebezeichnung aus der Bantusprache Otjiherero des Volkes, das wir bisher im allgemeinen als Herero bezeichneten) und der oftmals in der Geschichtsschreibung vergessenen Nama, verfolgt daher auch interdisziplinäre Ansätze. Somit erhalten wir (speziell zu Beginn des Buches) nicht nur einen nüchternen Blick auf die politisch-historischen Geschehnisse, sondern auch z.B. Erklärungen aus der historischen Soziologie oder auch kulturhistorisch. Es geht Häussler oft mehr um das „Verständnis“ (oder man müsste eigentlich das „Unverständnis“ sagen), mit dem sich die Völker Afrikas und die sich zur „Schutzmacht“ erklärten Deutschen begegneten. Dieser Blick beginnt vor allem erst einmal auf die Zeit, bevor das heutige Namibia Kolonie wurde und verdeutlicht damit, dass die Deutschen in ein sehr dynamisches Land kamen. Diese Dynamiken unter den Völkern zeigen deutlich, dass sie sehr eigenständig waren. Eine Eigenständigkeit (und oftmals auch mit klarer machtpolitischer Intellektualität), die die Deutschen den Bewohnern Afrikas nicht zutrauten. Dazu kam – so Häussler – dass die Besiedelung des südwestafrikanischen Territoriums nicht (wie die Besiedelung Nordamerikas) mehrheitlich aus privaten Projekten bestand, sondern ein staatliches Projekt war. Ein Agieren gegen die Interessen der Siedler, war also ein Agieren gegen das Deutsche Reich und fordert dies zutiefst heraus. Das Verhalten der Siedler war aber geprägt durch den Rassismus jener Zeit und äußerte sich z.B. in Ausbeutung, Betrügereien bis hin zu Vergewaltigungen. All dies war der Kern der späteren Gewaltexzessen
Weiter ins Bewusstsein der Öffentlichkeit
Mit der Darstellung des Ausbruchs des eigentlichen Konflikts, der politischen Überlegungen und Entscheidungen, sowie der kriegerischen Handlungen, präsentiert Häussler dann, dass er auch sehr gut Geschichte spannend erzählen kann. Das tut dem Buch sehr gut. Die Dramatik der Geschehnisse bekommt eine große Wirkung.
Ein sehr aktuelles Buch zu Wahrnehmung und Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus und seiner schrecklichen Folgen für die Völker Namibias. Es gilt, das Thema weit mehr ins öffentliche Bewusstsein der Deutschen zu bringen.