Erschienen im Herder-Verlag
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
„Wie hältst du`s mit der AfD?“
Frei nach der Gretchenfrage ist die aktuelle Frage in der Bundesrepublik 2026 „Wie hältst du`s mit der AfD?“ Und die Dauerantwort aus vielen politischen Ecken Deutschlands heißt: „Brandmauer!“ Aber wie wirksam ist diese angeblich demokratische „Brandmauer“, wenn wir erkennen müssen, dass die AfD immer mehr Wählerstimmen erhält. Drei große Wahlen stehen direkt vor uns: In Sachsen-Anhalt, in Berlin und in Mecklenburg-Vorpommern. Und gerade in Sachsen-Anhalt kann die AfD die stärkste politische Kraft werden.
Einer der bekanntesten Journalisten Deutschlands, Stefan Aust und Redakteur Rafael Seligmann haben sich Schwergewichte der bundesdeutschen Politikszene für ein besonderes Buch dazugeholt. Darunter vielfach Personen des öffentlichen Lebens, die nicht noch Karriere machen wollen (und denen es daher vielleicht auch nicht um ihre Person geht), sondern die sich durch Kontinuierlichkeit in ihren Ämtern und/oder durch konsequentes Handeln einen wirklich positiven Ruf in der deutschen Bevölkerung erarbeitet haben. Ein Typ Mensch, den man ansonsten auf der politischen Bühne zurzeit (scheinbar) schwer findet.
So hören wir hier z.B. den langjährige SPD-Vorsitzenden (2009 bis 2017) Sigmar Gabriel, Reiner Haseloff, den ehemaligen Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt (2011 bis 2026), Christian Ude, der über 20 Jahre lang als SPDler Oberbürgermeister von München war oder Margot Käßmann, die ehemalige EKD-Vorsitzende, die einst Konsequenzen aus einem Fehlverhalten zog und eindrucksvoll von ihrem Amt zurück trat. Sie gilt daher, nach wie vor, als moralische Instanz. Aber auch viele, viele andere interessante Menschen, die nun ihren – durchweg spannenden – Blick, erklären. Ein großer Rundumschlag verschiedenster Perspektiven auf das als „Brandmauer“ benannte Verhalten der Parteien, die man – je nach Sichtweise – etablierte Parteien, demokratische Parteien, Parteien der Mitte oder Altparteien nennt, und ihrem Umgang mit der Partei (oder dem Phänomen) AfD, die unsere Demokratie in den Grundfesten zurzeit herausfordert.
Die Klarheit eines Stefan Aust
In seinem Vorwort sieht Stefan Aust den Erfolg der AfD nicht in irgendwelchen sinnigen Forderungen der Partei, sondern ganz klar im Versagen der anderen Parteien. Versagen z.B. in der Asylpolitik und Außenpolitik (z.B. die langjährige Praxis der Aufnahme aus sicheren Drittländern). Aust analysiert wie immer klar, benennt Wahrheiten, die vielleicht einige in den etablierten Parteien überfordern. Aber durch diese, von ihm gewohnte Klarheit, ist seine Sicht auf die Situation immer nachvollziehbar. So analytisch war er auch schon zu Zeiten des Baader-Meinhof-Komplexes oder bei Spiegel-TV. So spricht Aust (provokant, wie immer) vom „rot-grün-schwarzen Aufbauprogramm“ für die AfD. Mit solchen bitteren Wahrheiten leitet er ein gedanklich umfassendes Buch mit hochkarätigen Autoren ein.
Was glücklicherweise all diesen bekannten Autoren gemein ist: Keiner Ruft nach der „guten, alten Zeit“ (selbst der ehemalige Finanzmister Theo Waigel nicht, auch wenn er die Erfolge der Kanzler der Bundesrepublik ins Gedächtnis ruft), sondern es ist deutlich zu merken, dass jeder auf seine Art versucht das Phänomen AfD, seine Entstehung, seine Entwicklung und die möglichen zukünftigen Konsequenzen zu erfassen und zu analysieren.
„Skrupellosigkeit und Regellosigkeit sind Zwillinge“
Was an diesem Buch gut tut ist, dass es konkret um die Auseinandersetzung mit der AfD geht und sich keiner der Autoren zu festbetoniertem, parteiideologischen, pseudo-intellektuellen Gefasel herablässt. Allen Autoren scheint klar zu sein, dass dies den Bürgern und Bürgerinnen in ihrem Alltag nicht hilft und dass wahrscheinlich diese ideologischen Verblendungen, die oft zu politischen (sei es wirtschaftlichen oder auch außenpolitischen) Fehlentscheidungen beitrugen, mit zum Wachsen des Phänomens AfD führten.
Und die Brandmauer? Nach Raphael Seligman ist sie gescheitert. Nach Sigmar Gabriel (hier jetzt stark verkürzt) hat sie die Wähler der AfD (mit denen man sich nicht mehr auseinandersetzte) immer mehr isoliert. Aber so ziemlich alle stellen fest, dass Mauern in der Politik, in der man flexibel auf tagespolitsche Entwicklungen reagieren muss, schädlich sind.
Dieses Buch ist keines der Bücher, bei denen man denkt: „Das sollten AfD-Wähler einmal lesen!“ Es ist vor allem für die, die sich dauernd auf der richtigen, moralischen Seite fühlen und/oder Stammwähler/Mitglieder der etablierten Parteien sind. Es geht um Selbstkritik und Verständnis, um dem Phänomen AfD begegnen zu können. Ein guter Ansatz! Denn es geht um nichts weniger als die Zukunft unseres Landes – unseres Zusammenlebens, unserer Werte. Es geht um Angst und Wut vieler in unserem Land und dem Zerstörungswillen vieler gegenüber allem Etablierten, sei es politisch, kulturell, wirtschaftlich oder staatlich. Und wie wir diese Angst und Wut hinter uns lassen können.
Zum Abschluss ein wunderbares Zitat von Sigmar Gabriel:
„Skrupellosigkeit und Regellosigkeit sind Zwillinge. Nur die Akzeptanz von Regeln kann zum gesellschaftlichen Frieden führen“. Dies sollten alle Seiten wieder berücksichtigen.
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