Als ständiges Mitglied des National Trust liebe ich es, jedes Jahr durch die Herrenhäuser Englands zu streichen und das Flair der englischen Upper-Class vergangener Jahrhunderte nachzuempfinden, die Dekadenz zu belächeln und mich selbst ein wenig herrschaftlich zu fühlen. Aber ich habe auch große Ehrfurcht vor den wunderbaren architektonischen Leistungen und natürlich vor den fabelhaften Gartenanlagen, die so viel Kreativität widerspiegeln. Jetzt erhalten wir in „Der Gastgeber“ unsere Einladung zu einem Krimidinner der besonderen Art. Wir begleiten Colin Alcott, der die Rolle des ungebetenen Gasts erhalten hat, hinüber zu einer Insel, auf das Herrenhaus Brighton Manor. Tja, wer geht nicht gerne zum Krimidinner? Autorin Alex March bringt uns das Krimidinner quasi nach Hause. In Form dieses Thrillers werden wir Zeugen eines makabren Spiels und vielleicht sind wir auch Teil des Spiels? Alles halt wie beim Krimidinner! Gerne würde ich schon mehr verraten, aber wer hier öfter vorbeischaut weiß: Hier wird nicht gespoilert. Das Spiel muss schon jeder selbst durchleben.
Kategorie: Krimi/Thriller
Vier Minuten Stille – und dann kam der Sturm | Chris Warnat
Ist das ein Thriller? Oh, ja! Auch, wenn wir doch sprachlich und im Storytelling eigentlich etwas anderes erwarten. Thriller kann auch leiser, Thriller kann auch langsamer und all dies nimmt ihm nichts von der Spannung, vom Thrill. Zwar erfindet Chris Warnat den Thriller nicht neu, aber sie definiert ihn in vielen Nuancen anders. Und das macht ihren Thriller nicht zur Fast-Food-Lektüre, wie wir sie in diesem Genre, aufgrund des Überangebots, so oft finden. Nein, ihr Thriller besticht durch eine ungewöhnliche Mischung. Ein Thriller, der sich die Zeit nimmt in wohlplatzierten Worten und wohltemperierten, ausgefeilten Sätzen, die uns gekonnt mit einer ganz spezifischen Atmosphäre umgarnen, langsam einspinnt. „Vier Minuten Stille“ ist nicht nur ein Spannungserlebnis, sondern auch literarisch ein Leseerlebnis. Eine Fundgrube für alle, die Spaß an Sprache haben. Und in dieser sprachlichen Raffinesse erinnert das Werk manchmal doch eher an einen Roman. Und das mag den ein oder anderen Leser, der die Geschwindigkeit des klassischen anglo-amerikanischen Thrillers sucht und mag, vielleicht etwas holprig durchs Buch führen.
Das unsichtbare Abkommen | Pedro Pérez-Iruela
Eine überwundene Diktatur ist für ein Volk wie ein kollektives Trauma, denn sie ist wie ein Sammelbecken der persönlichen Traumata der einzelnen Menschen aus diesen Zeiten. Schrecken, Angst, Mord, Folter und Totschlag geschehen und nur sehr wenig wird aufgeklärt, da nicht alle Informationen zugänglich sind. Vieles geschieht quasi hinter unsichtbaren Vorhängen. Nachfrage kann gefährlich sein. Alles liegt in diesem großen Dunkel, ein klarer Blick auf die Geschehnisse dieser Jahre ist unmöglich. Aber diese Schicksale, die hinter diesen Vorhängen liegen, lassen die Menschen nicht los, verfolgen sie ihr ganzes Leben, treiben sie an, um die ungelösten Ereignisse aufzuklären.
Pedro Pérez-Iruela hat mit „Das unsichtbare Abkommen“ einen fabelhaften historischen Politthriller in die 30er Jahre der Franco-Diktatur in Spanien gesetzt. Ein Land, das nach dem Bürgerkrieg unter dem Druck der kriegerischen Erwartungshaltungen der anderen faschistischen Regime in Deutschland und Italien steht und zutiefst beäugt wird, von den einflussreichen Demokratien, wie zum Beispiel dem britischen Staat. Ein Land, gezeichnet durch die Leiden dieser Zeit, in einer bedrückenden Atmosphäre des Wechsels und der sich immer weiter ausbreitenden Unfreiheit. Ein Land in Angst.
Home before Dark | Eva Björg Ægisdóttir
Der Markt der Thriller ist groß und oft erscheint es uns, dass er zu groß geworden ist. Eine herrliche Sache ist es da, wenn sich ein Werk herauskristallisiert. Die erzählerische Raffinesse ist hier über dem Niveau, was man herkömmlich von Thrillern zurzeit gewohnt ist. Und das auf so vielen Ebenen: Atmosphäre, Charaktere, Geschichtsführung und -entwicklung und vieles mehr. Um es gleich zu sagen: Hätte es mein Zeitplan zugelassen, so hätte ich „Home before Dark“ an einem Stück durchgelesen – ohne abzusetzen. Eva Björg Ægisdóttir hat einen Schreistil, der alles so herrlich normal und klar darstellt, so dass wir alles wie selbstverständlich annehmen, egal wo sie uns hinleitet. Wir ziehen absolut nichts in Zweifel, ja haben das Gefühl, natürlich mitten in der Realität zu sein. Dabei wird diese immer unheimlicher und unklarer (Was ist hier wirklich passiert?).
Mysteriös entfaltet sich das Geschehen in der Welt dieses Werkes und ohne zu viel Schrecken, aber natürlich im düsteren Island-Setting. Die Spannung ist wunderbar schleichend-subtil und zieht uns so durchs Buch, so dass es wie ein innerlicher Kampf ist, dieses Buch zur Seite zu legen. So muss ein Thriller sein! Wir leben mit, wir leiden mit – die inneren Fragen wollen beantwortet werden. Aber so einfach macht es uns die Autorin dann doch nicht.
Dein ist die Sühne | Maria Höfle
Wie schön ein Buch zu lesen, das sich zwar im großen Markt der Regionalkrimis findet, jedoch nicht durchzogen ist mit allem, was uns als Klischees so dazu einfällt. Man gewinnt das Gefühl, dass Autorin Maria Höfle wirklich die Story, der Krimi, wichtiger war und weniger (so wie bei anderen Kriminalromanen dieses Genres) die touristische Vermarktung einer bestimmten Gegend. Zwar sind wir deutlich in Kufstein und somit im wunderbaren Tirol und Höfle nutzt gezielt Plätze oder z.B. Lokale, aber der Schwerpunkt beginnt bei ihr erst einmal bei ihren Figuren. Ihr erscheint es wichtig, diese plastisch, mehrdimensional zu konstruieren und somit den Grundstein für einen soliden Krimi zu legen, der uns Stück für Stück durchs Buch zieht. Dies ist also keine reine Umarmung des Klischees. Das macht das Buch zu einem interessanten Kriminalroman. Es geht wirklich um den Fall und der ist gut konstruiert.
Ermittlerin Dorothea Keusch ist ein wenig die junge Form einer Jane Marple, die mit dem nötigen Dickkopf, auch bei Gegenwind, auf ihrem Weg bleibt, ihrem Instinkt mehr glaubt als den Menschen ihrer Umgebung und auch nicht davor zurückschreckt, gegen Autoritäten aufzubegehren (und zu ermitteln). Es geht darum der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Grundlagen einer schönen Krimiunterhaltung.
The Mailman – er liefert. Immer. | Andrew Welsh- Huggins
Eins ist dir garantiert, wenn du dieses Buch gelesen hast: Du wirst deinen Postboten, du wirst jeden Lieferanten eines Paketdienstes mit vollkommen neuen Augen sehen. Die Welt ist nicht mehr wie zuvor. Rechne mit Fähigkeiten, die du ihm oder ihr zuvor niemals zugetraut hättest. „The Mailman“ ist ein Buch über die sonst so unauffälligen Dienstleister in unserer Welt, die wir mehr als Statisten in unserem Leben wahrnehmen. Aber wer weiß schon, was hinter diesem Statisten steckt?
Andrew Welsh Huggins hat einen Thriller geschrieben, der ab seinem Auftakt, immer schnell bleibt und uns wenig Zeit gibt, die Situationen zu reflektieren. Wir werden – wie seine Protagonisten Rachel und Glenn – gejagt und schaffen es nicht umsichtig die Welt zu überblicken.
Ich liebe solche Thriller, die wie ein Sprung in den kalten Pool sind, die dir keine Zeit geben irgendetwas zu überlegen. Die mit ihrem Rhythmus – fast unbemerkt – die Geschwindigkeit des Lesens erhöhen und gleichzeitig die Aufmerksamkeit auf unsere Umgebung fast vollkommen ausschalten. Dann ist es wirklich ein Thriller, der seinen Namen verdient. Und von diesen erscheinen nicht viele in Deutschland. Durch das erschlagene Überangebot mit zeitweise unterirdischem Niveau, ist der Begriff leider viel zu oft zur Mittelmäßigkeit verkommen. Da gilt es die Werke herauszusuchen, die wirklich faszinieren, den Thrill wirklich spüren lassen, denn zu oft erleben wir die immer wiederkehrende „Masche“. Das ist hier anders. Es brilliert das Unerwartete, ohne zu obskur zu werden.
Die Einladung – Mord nur für geladene Gäste | Kelly Mullen
Welch ein Lichtblick zwischen den zeitweise vielleicht etwas zu vielen neuen britischen Krimis auf dem deutschen Buchmarkt oder vielmehr den Krimis, die vor allem im englischen Cosy-Crime Stil versuchen daherzukommen. Ich liebe die Kultur Großbritanniens, die Literatur, den ironisch-sarkastischen Sprachwitz. Aber nein, ich bin bei weitem nicht der Cosy-Crime-Fan und es bedarf schon weitaus mehr als eine „tüdelige“ Hauptperson und überzogene Klischeecharaktere, um mich von einem „Krimi“ mit englischem Witz, Charme und Leichtigkeit zu überzeugen. „Die Einladung“ kann man als leicht Cosy angehaucht sehen, sie ist aber glücklicherweise viel mehr im Stil der Altmeisterinnen wie Agatha Christie oder Ruth Rendell. Und das ist wunderbar guttuend, unterhaltsam und spannend.
Kelly Mullens Ermittlerduo, Großmutter Mimi und Enkelin Addie sind bei allem, was vielleicht klischeeartig wirkt, sehr realitätsnah, mehrschichtig und sympathisch. Daher fiebern wir mit ihnen. Das ist mehr als das überstrapazierte, trendige und überproduzierte Cosy-Crime-Gewäsch, das uns vor allem rund um Urlaubsorte mit unübersehbarer Präsens überfällt. Es gibt also eine kreative, intelligente Zukunft für den klassischen englischen Krimi, ohne ins übertriebene Cosy-Klischee zu verfallen. Danke, Kelly Mullen!
Kampf gegen die Alb | Claire Edwards
Erschienen im Gmeiner-Verlag (Rezensionsexemplar, also Werbung) Menschen aus dem Alltag Eine wilde, bunte Mischung von…
Knochenkälte | Simon Beckett
Es braucht nicht zu viel Vorstellungskraft, wenn man bei aller Bekanntheit und Popularität des Autors nur ansatzweise durchdenkt, wie hoch wohl der Druck auf Simon Beckett gewesen sein muss, nun, nach sechs Jahren einen weiteren Band der David-Hunter-Serie zu schreiben (Kurzgeschichte zum Thema nicht mitgerechnet). Wie mutig darf man da sein und neue Wege einschlagen, ungewohnte Wendungen? Und wie sehr sollte man in den gewohnten Gefilden eines “normalen “Thrillers bleiben, um das Publikum „mitzunehmen“. Zumindest mit der Wahl des Settings des Thrillers „Knochenkälte“ war Beckett weniger mutig. So lässt er Dr. David Hunter in einem Closed-Circle-Setting (oder Isolated Setting) recherchieren, einem Setting, das wir schon in klassischen Kriminalfällen von Agatha Christie und Steven King kennen. Der Held muss in einer räumlich von der Außenwelt abgeschnittenen Umgebung, auf sich alleingestellt, im Kreise einer sehr übersichtlichen Anzahl an Tatverdächtigen, ermitteln. Ständig ist er somit selbst gefährdet. Die Idee ist also wahrscheinlich so alt, wie das Krimi/ Thrillerschreiben überhaupt (und trotzdem lieben wir es immer wieder). Aber Beckett wäre nicht Beckett, wenn er dies nicht im Besonderen nutzt. Hier zeigt sich, dass ein Meister des modernen britischen Thrillers das „Heft in der Hand hält“. Nichts wirkt flach und konstruiert, sondern wir glauben unserem „Freund“ und altem Wegbegleiter „Dr. Hunter“ natürlich sofort die Geschehnisse, an denen er uns teilhaben lässt. Trotz unserem Wissen um Thrillerdramatik: Beckett lässt es leben, unterhält uns mit Spannung und wir müssen mit allem rechnen. Respekt, das funktioniert!
Down Cemetery Road | Mick Herron
Ich muss zum Auftakt direkt zugeben, dass ich in der großen Welt der Literatur, den vor Jahren beginnenden Hype über Mick Herrons “Slow Horses” – trotz meiner riesigen Affinität zur Metropole London – verpasst habe. Ich wurde auf Herron erst aufmerksam, als die entspreche Streamingserie startete. Im Nachhinein – mit meinem heutigen Wissen über Herrons literarische Fähigkeiten – ist mir nun mehr als nur ansatzweise bewusst, welches intelligente, wunderbar ironische Lesevergnügen ich so wohl verpasst habe. Meine Reise durch „Down Cemetery Road“, welches nun ebenfalls ab dem 29.10.2025 auf Apple TV+ als Serie starten wird, hat mir verdeutlicht, dass ich dringend die anderen Werke Mick Herrons lesen muss.
Seine Sprache ist ein herrlicher Genuss. Der süffisante, britische (von Ironie und Sarkasmus geprägte) Sprachwitz oder auch die besondere Komposition des Aufbaus (seien es einzelne Szenen oder die Gesamtkonstruktion), sind eine perfekte Mischung aus Unterhaltung und Sprachkunst. All das zeigt einen Autor, der nicht nur geschickt einen Kriminalroman konstruiert, sondern narrenhaft den Spiegel über die absurden Verhaltensweisen in unserer Gesellschaft vorhält. Und oft, ja sehr oft, treffen wir dabei skurrile Gestalten, wie wir sie kennen oder vielleicht gar uns selbst?