Der neue Ethan Hunt ist weiblich und ihre Action findet nicht auf den Straßen oder den außergewöhnlichen Gebäuden der Megastädte der Welt statt. Nein, ihre Action ist am Puls der Jetzt-Zeit (und der Zukunft) – im Cyber-Space. Denn unsere Abhängigkeiten und die Beeinflussungen auf unser tägliches Leben durch diese virtuelle Welt sind weitaus umfangreicher, als wir dies doch im täglichen Leben empfinden. Und genau hier setzt Jason C. Raynes an. Die Angst, dass durch diese Abhängigkeiten die Sicherheiten unserer realen Welt zusammenbrechen können. Denn unser Abhängigkeitsgrad von der digitalen Welt ist mittlerweile unermesslich. Was im Internet oder Darknet oder anderen solcher Schauplätze geschieht, hat direkte Konsequenzen auf unsere Staaten, auf unsere Leben. Kidnapper rauben keine Kinder mehr auf der Straße und fordern Lösegeld, und Bankräuber entern keine Bank mehr und schweißen Tresore auf. All dies geschieht auf seine Weise in Cyber-Space.
Schlagwort: Thriller
Vier Minuten Stille – und dann kam der Sturm | Chris Warnat
Ist das ein Thriller? Oh, ja! Auch, wenn wir doch sprachlich und im Storytelling eigentlich etwas anderes erwarten. Thriller kann auch leiser, Thriller kann auch langsamer und all dies nimmt ihm nichts von der Spannung, vom Thrill. Zwar erfindet Chris Warnat den Thriller nicht neu, aber sie definiert ihn in vielen Nuancen anders. Und das macht ihren Thriller nicht zur Fast-Food-Lektüre, wie wir sie in diesem Genre, aufgrund des Überangebots, so oft finden. Nein, ihr Thriller besticht durch eine ungewöhnliche Mischung. Ein Thriller, der sich die Zeit nimmt in wohlplatzierten Worten und wohltemperierten, ausgefeilten Sätzen, die uns gekonnt mit einer ganz spezifischen Atmosphäre umgarnen, langsam einspinnt. „Vier Minuten Stille“ ist nicht nur ein Spannungserlebnis, sondern auch literarisch ein Leseerlebnis. Eine Fundgrube für alle, die Spaß an Sprache haben. Und in dieser sprachlichen Raffinesse erinnert das Werk manchmal doch eher an einen Roman. Und das mag den ein oder anderen Leser, der die Geschwindigkeit des klassischen anglo-amerikanischen Thrillers sucht und mag, vielleicht etwas holprig durchs Buch führen.
Das unsichtbare Abkommen | Pedro Pérez-Iruela
Eine überwundene Diktatur ist für ein Volk wie ein kollektives Trauma, denn sie ist wie ein Sammelbecken der persönlichen Traumata der einzelnen Menschen aus diesen Zeiten. Schrecken, Angst, Mord, Folter und Totschlag geschehen und nur sehr wenig wird aufgeklärt, da nicht alle Informationen zugänglich sind. Vieles geschieht quasi hinter unsichtbaren Vorhängen. Nachfrage kann gefährlich sein. Alles liegt in diesem großen Dunkel, ein klarer Blick auf die Geschehnisse dieser Jahre ist unmöglich. Aber diese Schicksale, die hinter diesen Vorhängen liegen, lassen die Menschen nicht los, verfolgen sie ihr ganzes Leben, treiben sie an, um die ungelösten Ereignisse aufzuklären.
Pedro Pérez-Iruela hat mit „Das unsichtbare Abkommen“ einen fabelhaften historischen Politthriller in die 30er Jahre der Franco-Diktatur in Spanien gesetzt. Ein Land, das nach dem Bürgerkrieg unter dem Druck der kriegerischen Erwartungshaltungen der anderen faschistischen Regime in Deutschland und Italien steht und zutiefst beäugt wird, von den einflussreichen Demokratien, wie zum Beispiel dem britischen Staat. Ein Land, gezeichnet durch die Leiden dieser Zeit, in einer bedrückenden Atmosphäre des Wechsels und der sich immer weiter ausbreitenden Unfreiheit. Ein Land in Angst.
The Mailman – er liefert. Immer. | Andrew Welsh- Huggins
Eins ist dir garantiert, wenn du dieses Buch gelesen hast: Du wirst deinen Postboten, du wirst jeden Lieferanten eines Paketdienstes mit vollkommen neuen Augen sehen. Die Welt ist nicht mehr wie zuvor. Rechne mit Fähigkeiten, die du ihm oder ihr zuvor niemals zugetraut hättest. „The Mailman“ ist ein Buch über die sonst so unauffälligen Dienstleister in unserer Welt, die wir mehr als Statisten in unserem Leben wahrnehmen. Aber wer weiß schon, was hinter diesem Statisten steckt?
Andrew Welsh Huggins hat einen Thriller geschrieben, der ab seinem Auftakt, immer schnell bleibt und uns wenig Zeit gibt, die Situationen zu reflektieren. Wir werden – wie seine Protagonisten Rachel und Glenn – gejagt und schaffen es nicht umsichtig die Welt zu überblicken.
Ich liebe solche Thriller, die wie ein Sprung in den kalten Pool sind, die dir keine Zeit geben irgendetwas zu überlegen. Die mit ihrem Rhythmus – fast unbemerkt – die Geschwindigkeit des Lesens erhöhen und gleichzeitig die Aufmerksamkeit auf unsere Umgebung fast vollkommen ausschalten. Dann ist es wirklich ein Thriller, der seinen Namen verdient. Und von diesen erscheinen nicht viele in Deutschland. Durch das erschlagene Überangebot mit zeitweise unterirdischem Niveau, ist der Begriff leider viel zu oft zur Mittelmäßigkeit verkommen. Da gilt es die Werke herauszusuchen, die wirklich faszinieren, den Thrill wirklich spüren lassen, denn zu oft erleben wir die immer wiederkehrende „Masche“. Das ist hier anders. Es brilliert das Unerwartete, ohne zu obskur zu werden.
Knochenkälte | Simon Beckett
Es braucht nicht zu viel Vorstellungskraft, wenn man bei aller Bekanntheit und Popularität des Autors nur ansatzweise durchdenkt, wie hoch wohl der Druck auf Simon Beckett gewesen sein muss, nun, nach sechs Jahren einen weiteren Band der David-Hunter-Serie zu schreiben (Kurzgeschichte zum Thema nicht mitgerechnet). Wie mutig darf man da sein und neue Wege einschlagen, ungewohnte Wendungen? Und wie sehr sollte man in den gewohnten Gefilden eines “normalen “Thrillers bleiben, um das Publikum „mitzunehmen“. Zumindest mit der Wahl des Settings des Thrillers „Knochenkälte“ war Beckett weniger mutig. So lässt er Dr. David Hunter in einem Closed-Circle-Setting (oder Isolated Setting) recherchieren, einem Setting, das wir schon in klassischen Kriminalfällen von Agatha Christie und Steven King kennen. Der Held muss in einer räumlich von der Außenwelt abgeschnittenen Umgebung, auf sich alleingestellt, im Kreise einer sehr übersichtlichen Anzahl an Tatverdächtigen, ermitteln. Ständig ist er somit selbst gefährdet. Die Idee ist also wahrscheinlich so alt, wie das Krimi/ Thrillerschreiben überhaupt (und trotzdem lieben wir es immer wieder). Aber Beckett wäre nicht Beckett, wenn er dies nicht im Besonderen nutzt. Hier zeigt sich, dass ein Meister des modernen britischen Thrillers das „Heft in der Hand hält“. Nichts wirkt flach und konstruiert, sondern wir glauben unserem „Freund“ und altem Wegbegleiter „Dr. Hunter“ natürlich sofort die Geschehnisse, an denen er uns teilhaben lässt. Trotz unserem Wissen um Thrillerdramatik: Beckett lässt es leben, unterhält uns mit Spannung und wir müssen mit allem rechnen. Respekt, das funktioniert!
Asa | Zoran Drvenkar
So oft wird behauptet, dass ein Autor einen absolut individuellen Stil hätte. Zu oft! Aber bei Zoran Drvenkar ist es absolut so. Wer dies noch nicht erlebt hat, sollte es dringend nachholen. Seine Sprache (oder sollte man sagen Ansprache) macht ihn unverwechselbar, aber für einige vielleicht auch schwer zu lesen. Lange ist es her, dass ich seine fabelhaften Romane „Sorry“ und „Du“ gelesen habe, aber schnell ist man wieder in dieser besonderen Atmosphäre eines Drvenkar-Romans/Thrillers. Und er ist in diesem Stil weitergegangen. Umfassender, konkreter, filigraner, kunstvoller wirken nun seine Beschreibungen und Darstellungen. Und wir? Wir dürfen die Hauptperson sein, denn er sagt uns in diesem für ihn typischen Stil, „du“ fühlst dies oder „du“ machst jenes. Das Erleben in seinem Roman „Asa“ ist nicht Asas Geschichte. Nein, ihre Geschichte wird zu unserer Geschichte. Allein schon in dieser Ansprache, können wir dem Erlebnis nicht entgehen. Ein immer wieder geschickter Schachzug Drvenkars. All das ist hohe Erzählkunst.
Der Premierminister | Craig Oliver
Es ist immer besonders faszinierend, wenn ein Autor uns ein Werk präsentiert, das seine Welt und seine Kreativität miteinander verbinden. Craig Oliver weiß, wovon er uns in seinem Thriller „Der Premierminister“ berichtet, denn er war von 2011 bis 2016 Kommunikationsdirektor des Premierministers Cameron in der Downing Street No. 10. Seine Schilderungen rund um das Leben, um den Ort der Handlung und das Miteinander dort dürfte intensiv von seinen Erfahrungen und von den gedachten Szenarien geprägt sein. All das macht das Buch zu etwas Besonderem in der großen, großen Schar der Konkurrierenden Neuerscheinungen auf dem Markt der Thriller und Krimis. Ein Blick des Kenners, des Eingeweihten. Und noch etwas ist ganz anders. Kennen wir als Hauptperson in vielen Thrillern (auch in Filmen, wie z.B. „Airforce One“) das Staatsoberhaupt oder den Ministerpräsidenten als Verteidiger der Freiheit, ist sein Premier das totale Gegenteil: Kein Idealist! Ein egozentrischer Karriererist. Ein charakterlicher Schwachmat, dem man schon nach kurzer Zeit wünscht, dass ihn möglichst schnell der (literarische) Tod ereilt. Ein Seitenhieb Olivers auf seinen ehemaligen Chef?
Dezember 41 |William Martin
Für seinen historischen Thriller „Dezember 41“ hat Autor William Martin ein besonderes Szenario gewählt. Gerade für uns deutsche Leser ist dies von besonderer Bedeutung, spielt die Geschichte doch vor allem rund um die obskure Vereinigung des Amerikadeutschen Bundes, eines quasi Fan-Clubs Adolf Hitlers, während der 30er Jahre, in den USA, die dort einen faschistischen Staat gleich dem NS-Reich aufbauen wollten. Zwar erscheint dieses Szenario als vielleicht verstaubt und in seiner Art weit weg, aber lassen uns doch gerade die jüngsten Äußerungen aus der trumpschen Republikaner Partei mit einem deutlich fanatisch rassistischen, antisemitischen Ton aufhorchen, dass es solche Bestrebungen in Teilen des amerikanischen Volkes (egal ob mit oder ohne deutsche Wurzeln) schon immer gab. Mit diesem Wissen wird dieses Buch in seiner historischen Kulisse doch plötzlich sehr aktuell.
Lupus – alles Böse kehrt zurück | Tibor Rode
Die Angst vor dem Wolf ist wie eine Urangst des Menschen. Und sie pflanzt sich scheinbar, tradiert durch Märchen und Mythen, von einer Generation zur nächsten, obwohl der Wolf nur sehr, sehr selten in unserem Alltag anzutreffen ist. Aber er ist zurück! Und somit kommt scheinbar auch die Angst deutlicher zurück. Tibor Rode führt uns diese Angst vor Augen, spielt mit dieser Angst in uns. Aber in Lupus geht es bei weitem nicht „nur“ um einen Wolf – es geht nicht nur um eine animalische Killermaschine. Nein! Es geht darum, wie die totalitären Systeme Nazi-Deutschlands und der DDR-Diktatur eventuell auf vielen Ebenen immer noch Einfluss auf uns haben. Es geht aber auch um die kapitalistische Wirtschaft, die vor allem den Profit sieht und es geht um ein Familiendrama. Viel für einen Thriller, aber nicht zu viel für Tibor Rode.Vor allem diese Kombination der verschiedenen Themen, macht dieses Buch zu einem Hingucker auf dem großen Markt dem täglich neu erscheinenden Massenmarkt der Thriller, das sich deutlich hervorhebt – abhebt!
Tode, die wir sterben
Tja, dann „Willkommen an der genau richtigen Stelle des Lesens!“
Schicksalsschläge kommen ungefragt und mit schrecklichen Konsequenzen in unser Leben. Doch für Kommissar Jon Nordh kommt es doppelt hart. Denn neben dem plötzlichen Verlust seiner Frau, muss er damit Leben, dass er wohl hintergangen wurde. In dieser Situation wird ihm die eigenwillige und äußerst wehrhafte Svea Karhuu als neue Kollegin zugeordnet. Da fällt es schwer den Kopf beisammenzuhalten. Natürlich muss es zwangsläufig bei einem solchen neuen Team, bestehend aus zwei so starken Persönlichkeiten auch mal zu Reibungen kommen. Das schafft Klarheit und Respekt.
Das bemerkenswerte Autorenduo Voosen und Danielsson ist schon lange auf dem Erfolgspfad. Mit „Tode, die wir sterben“, starten sie mit einem neuen schwedischen Kommissarenduo.