Die schleichende Umsetzung von sich steigernder Diskriminierung, Ausgrenzung, Entmenschlichung und Entwürdigung im täglichen Leben im faschistischen Deutschland der 1930er Jahre, mag im ländlichen Bereich noch einmal ein ganz anders Gesicht gehabt haben, als in den großen Städten. Hier, wo jeder jeden zu kennen glaubte, fühlten sich die Menschen vielleicht weit aus sicherer und erst recht ahnte niemand, dass es zu Exzessen gegenüber der eigenen Familie, Nachbarn oder Bekannten kommen konnte. Vor allem, da man sich doch – zum Beispiel in der ländlichen Region der Eifel – im bekannten katholischen Milieu bewegte, in dem das Leben im Rahmen der großen Traditionen so sehr gefestigt erschien. Wer sollte hier Angst haben, dass Unmenschlichkeit, Repressalien und Brutalität die dörfliche Gemeinschaft Stück für Stück zerlegen würden?
Herbert Pelzer macht uns in seinem Roman „Der rote Berg“ sehr deutlich, dass eine dörfliche Gesellschaft, die vielleicht etwas naiv auf die Neuerungen reagiert, genauso einem neuen Zeitgeist zum Opfer fallen kann, wie die, oft durch Anonymität geprägte, städtische Gesellschaft. Vielleicht ist es genau diese menschliche Nähe im Dorf, die „den Wolf im Schafspelz“ erst weitaus später erkennt, und ihm daher zuvor mehr freien Lauf ließ. Und plötzlich erhält dieser historische Roman etwas sehr Aktuelles, denn vielleicht neigen auch wir dazu, Menschen, die uns nicht so bekannt sind, deutlicher als Faschisten zu erkennen und zu bezeichnen, als die Menschen in unserer direkten Nähe.