Die Geschichtsschreibung ist in den letzten Jahren sehr fleißig in den Bereichen Feminismus, Frauen in der Geschichte und/oder der Biografien von Frauen, die ganz besondere Leistungen vollbracht haben (solange wir dies aufgrund zeitweise schlechter Quellenlagen überhaupt sehen und bewerten können) gewesen. Es gab und gibt sehr viel aufzuholen. So ist es wirklich ein Gewinn, dass Bianca Walther uns nun einen aktuellen Überblick über die Entwicklung zur und innerhalb der Frauenbewegung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts in ihrem Werk mit dem vielsagenden Titel „Die Vorkämpferinnen“ schenkt. Walther schafft die gute Mischung aus sachlicher Darstellung der Strukturen und ihrer Entwicklungen der Organisationen, sowie die sehr persönlichen und sehr nahbar nachzuempfindenden Lebenswege und Lebensbedingungen ihrer mutigen Heldinnen. Ein Buch, das so weitaus mehr ist als eine schnöde Auflistung von Fakten, sondern einen tiefen Einblick in die schwierigen Umstände und Kämpfe dieser Frauen zeigt. Ziel war – mal mehr, mal weniger – irgendwann Gleichberechtigung gegenüber der Männerwelt zu erhalten und somit das Patriarchat zumindest zu schwächen oder es vielleicht auch irgendwann hinter sich zu lassen. Gleichzeitig ist „Die Vorkämpferinnen“ eine wunderbare Zusammenstellung besonderer Charaktere, voller Zivilcourage und Tatendrang. Frauen, die sich für die Gesellschaft einsetzen – oft ohne Lohn, sondern sehr viel Spott und Hohn, Arroganz und Verachtung erfuhren. Aber ihr Tatendrang hat die Welt in den letzten 200 Jahren deutlich verändert. Wir bräuchten auch heute – auf vielen Ebenen – diesen mutigen Einsatz für unsere Gesellschaft. Und zwar von Männern und Frauen. Das macht „Die Vorkämpferinnen“ plötzlich noch aktueller als es ihr Thema an sich schon ist.
Mirabellen Tage | Martina Bogdahn
Vielleicht haben viele Menschen in unserer heutigen Zeit die Hoffnung und Sehnsucht nach dem überschaubaren Miteinander, nach einem Leben im dörflich geschlossenen Milieu, wo noch jeder jeden und jede kennt, man zusammen aufgewachsen ist und sich gegenseitig ein Leben lang begleitet. Was für einige nach Langeweile klingt, bringt anderen Sicherheit. Das kann eng sein, aber auch auf charmante und positive Art familiär. Für die, die dies mögen, ist „Mirabellen Tage“ bestimmt ein sehr angenehmes und beruhigendes Buch. Es ist grundsätzlich ein sehr ruhiges, unaufdringliches und unaufgeregtes Buch, auch wenn der Auftakt seiner Handlung im Tode einer geliebten und geschätzten Person und der daraus entstehenden Nostalgie nach den vergangenen Zeiten liegt.
Autorin Martina Bogdahn zeigt oftmals einen zarten und trotzdem direkten Erzählstil, der manchmal schon leise, flüsternd daherkommt. Die Welt ist sehr, sehr cosy und wie im perfektem Landhausstil. Hier gibt es keine Kratzer im Lack, keine Widersprüche. Sommerlich leuchtende und dörflich klischeeartige Bilder und Personen entwickeln sich vor unseren Augen. Vieles wirkt sehr süßlich.
Weimar – Glanz und Grauen der deutschen Geschichte | Katja Hoyer
Welch ein besonderes Geschichtsbuch zur Deutschen Geschichte! Und dies am Beispiel einer Stadt, mit dem Blick auf die sehr persönlichen Schicksale und Sichtweisen ihrer Bürger und Bürgerinnen zwischen 1914 bis 1939. Aber es ist nicht irgendeine Stadt. Es ist nun einmal „Weimar“. Eine Stadt, die wie der Schmelzpunkt der Deutschen Geschichte wirkt. Sie ist Zeichen der ersten deutschen Republik und auch deren Untergangs. Und als eine der bevorzugten Städte der NSDAP, steht sie für den Weg in die menschenverachtende Diktatur – den Weg Deutschlands in staatlich organisierten Mord, einen Unrechtsstaat und das totale Gegenteil von menschlicher Kultur.
So wird das beschauliche Weimar, das sich seiner ruhmreichen Kulturgeschichte rühmt, 1919 in revolutionären Zeiten Unterschlupf für die verfassungsgebende Versammlung. Als Touristenstadt hat man genug Betten und ein Hoftheater, das als Parlamentsgebäude fungieren kann. Der neue Parlamentarismus ist für die eher bürgerliche Gesellschaft Weimars ernüchternd. Die Zeiten werden sie in Angst und Schrecken vor einer kommunistischen Revolution versetzen, ihnen zum Teil ihren Besitz durch Inflation nehmen und die Blindheit, mit der viele auf die völkischen Bewegungen gesehen haben, geben.
In Katja Hoyers umfangreichem und beeindruckendem Werk „Weimar“, vermischen sich die Sichtweisen von vollkommen „normalen“ historischen Personen und uns heute noch bekannten Berühmtheiten. All dies erleben wir hier sehr intensiv. Menschliche Schicksale und Katastrophen, Hoffen und Leiden dieser Zeit bekommen Namen. Ein wirklich bewegendes Sachbuch.
Odysseus – Mythos und Wahrheit | Raimund Schulz
Es sind die großen Epen der Welt, deren Ursprünge in der Dunkelheit der Geschichte liegen, die uns immer wieder faszinieren. Denn die Urstoffe, die uns in so vielfachen Verarbeitungen im Leben immer wieder begegnen, drücken viel über die Suche der Menschen aus. Und somit ist die Odyssee mehr als nur ein Buch, mehr als nur eine Geschichte. Sie hat sich auch in unserem Alltag zur Metapher entwickelt, für die Suche, die Fahrt, das Abenteuer, auf dem wir alle im Leben sind – und dies von Homer bis Udo Lindenberg und nun im nächsten Monat auch wieder im Kino. Sie bleibt immer aktuell. Und wir alle wollen der listenreiche, mutige, durchtriebene Odysseus sein und scheitern doch oft – wie auch Odysseus – nach viel Hochmut und dem Hang auch mal alles auf eine Karte zu setzen. Held und Verlierer, das hat viel Menschliches in sich.
Stundenlang könnte man also über Homers Werk philosophieren. Und bei allem stellt sich die Frage: Gab es ihn wirklich? Odysseus? Alles nur erfunden? Was ist Mythos und was ist Wahrheit? Raimund Schulz hat die Möglichkeiten durchleuchtet, was wir aus den dunklen Jahrhunderten – der Zeit zwischen Bronze- und Eisenzeit in Griechenland – vielleicht doch ableiten können, zusammengetragen. All das zeigt, wie spannend die Geschichte doch immer wieder ist – und die Begeisterung vergeht nicht. Ein sehr gutes Buch, um sich dem Epos zu nähern.
Home before Dark | Eva Björg Ægisdóttir
Der Markt der Thriller ist groß und oft erscheint es uns, dass er zu groß geworden ist. Eine herrliche Sache ist es da, wenn sich ein Werk herauskristallisiert. Die erzählerische Raffinesse ist hier über dem Niveau, was man herkömmlich von Thrillern zurzeit gewohnt ist. Und das auf so vielen Ebenen: Atmosphäre, Charaktere, Geschichtsführung und -entwicklung und vieles mehr. Um es gleich zu sagen: Hätte es mein Zeitplan zugelassen, so hätte ich „Home before Dark“ an einem Stück durchgelesen – ohne abzusetzen. Eva Björg Ægisdóttir hat einen Schreistil, der alles so herrlich normal und klar darstellt, so dass wir alles wie selbstverständlich annehmen, egal wo sie uns hinleitet. Wir ziehen absolut nichts in Zweifel, ja haben das Gefühl, natürlich mitten in der Realität zu sein. Dabei wird diese immer unheimlicher und unklarer (Was ist hier wirklich passiert?).
Mysteriös entfaltet sich das Geschehen in der Welt dieses Werkes und ohne zu viel Schrecken, aber natürlich im düsteren Island-Setting. Die Spannung ist wunderbar schleichend-subtil und zieht uns so durchs Buch, so dass es wie ein innerlicher Kampf ist, dieses Buch zur Seite zu legen. So muss ein Thriller sein! Wir leben mit, wir leiden mit – die inneren Fragen wollen beantwortet werden. Aber so einfach macht es uns die Autorin dann doch nicht.
Die Welt in ihren Händen | Oliver Guez
Es ist wunderbar zu sehen, dass in den letzten Jahren der Fokus auf die Leistungen vieler Frauen in der Geschichte immer mehr geschärft wird. Nicht nur im Sachbuchbereich, sondern auch durch die Romanform wird versucht, die außerordentlichen Leben vieler Frauen, ihren Mut, ihre Courage und somit ihren Versuch ein selbstbestimmtes Leben zu führen, zu erforschen und ins Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Natürlich war vielen die Engländerin Gertrud Bell schon zuvor bekannt, da sie zu den Privilegierten und Persönlichkeiten ihrer Zeit gehörte, die dadurch auch besondere Möglichkeiten hatte. Aber all dies soll ihre Leistungen nicht schmälern, denn auch für die Frauen der Upper-Class im Viktorianischen Zeitalter und auch danach war das „Korsett“ des Lebens sehr eng geschnürt, die Erwartungen auf einen Weg in Ehe mit Kindern, sehr eng. Um so mehr ist ihr beachtlicher Weg einer hohen Bildung und ihr Freiheitsdrang zu bewundern.
Erfolgsautor Oliver Guez hat sich nun in seinem neusten Roman dem Leben, Denken, Handeln und Schaffen der hochintelligenten Gertrud Bell in sehr feinfühliger Art genähert. Ein Roman zwischen Sachlichkeit und Emotion, der somit sehr passend zu Bell ist. Ihr Leben gleicht einem Abenteuerroman und zeitweise einem Spionagethriller. Denn sie war unter anderem als inoffizielle Mitarbeiterin des britischen Geheimdienstes während des 1. Weltkriegs im Orient – als Frau in gefährlicher Mission in einer absoluten Männerdomäne.
Dein ist die Sühne | Maria Höfle
Wie schön ein Buch zu lesen, das sich zwar im großen Markt der Regionalkrimis findet, jedoch nicht durchzogen ist mit allem, was uns als Klischees so dazu einfällt. Man gewinnt das Gefühl, dass Autorin Maria Höfle wirklich die Story, der Krimi, wichtiger war und weniger (so wie bei anderen Kriminalromanen dieses Genres) die touristische Vermarktung einer bestimmten Gegend. Zwar sind wir deutlich in Kufstein und somit im wunderbaren Tirol und Höfle nutzt gezielt Plätze oder z.B. Lokale, aber der Schwerpunkt beginnt bei ihr erst einmal bei ihren Figuren. Ihr erscheint es wichtig, diese plastisch, mehrdimensional zu konstruieren und somit den Grundstein für einen soliden Krimi zu legen, der uns Stück für Stück durchs Buch zieht. Dies ist also keine reine Umarmung des Klischees. Das macht das Buch zu einem interessanten Kriminalroman. Es geht wirklich um den Fall und der ist gut konstruiert.
Ermittlerin Dorothea Keusch ist ein wenig die junge Form einer Jane Marple, die mit dem nötigen Dickkopf, auch bei Gegenwind, auf ihrem Weg bleibt, ihrem Instinkt mehr glaubt als den Menschen ihrer Umgebung und auch nicht davor zurückschreckt, gegen Autoritäten aufzubegehren (und zu ermitteln). Es geht darum der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Grundlagen einer schönen Krimiunterhaltung.
Eine Deutsche im Ukraine-Krieg – Das Fronttagebuch der Savita Diana Wagner |
Dies ist bei weitem kein alltägliches Buch. Wir wissen definitiv bereits vor der ersten Zeile: Das ist kein normales Sachbuch. Unsere Erzählerin wird ihren Einsatz in der Ukraine nicht überleben – sie wird sterben. Da es aber ein Sachbuch ist, wissen wir auch: Dies ist keine Fiktion. Es sind die Darstellungen der Realität von Savita Diana Wagner, die ausgezogen war, das in die Tat umzusetzen, was viele Politiker Europas propagieren, nämlich die Demokratien Europas in der Ukraine zu verteidigen. Und somit wird uns – bezogen auf dieses Buch – deutlich: Dies wird keine leichte Lektüre. Aber eines möge vorweg gesagt sein: Es wird eine sehr eindrucksvolle Lektüre, denn es ist bei weitem nicht vergleichbar mit den Nachrichten, aus dem mittleiweile seit über vier Jahren gequälten Land, das unter dem Angriffskrieg Russlands so sehr leidet. Mit Nachrichten, die vielleicht aufgrund des Täglichen, mittlerweile fast emotionslos an uns vorbeigleiten. Wir erleben hautnah, was Krieg in den 20er Jahren des 21. Jahrhunderts bedeutet, welche Folgen er für die Menschen dort hat und wie der Krieg (wenn er einmal begonnen hat) alles im Leben beherrscht. Und: Es gibt keine natürliche Gerechtigkeit. Krieg kennt keine Gerechtigkeit, er ist Brutalität, Zerstörung, unerbittlich, fordert alles von uns ab. Er hat hunderte Gesichter und kennt vor allem kein Happy End.
All das geht tief unter die Haut. Savita Wagners Buch ist ein Manifest, ist wie ein Testament, ein besonderes Erbe, eine wertvolle Hinterlassenschaft. All dies macht es mehrfach kostbar und zu einem ganz anderen Leseerlebnis.
Anarchie – Der verhängnisvolle Aufstieg der East India Company 1600 – 1874 | William Dalrymple
Es gibt Sachbücher, vor deren Umfang man schon vor dem Lesen große Ehrfurcht hat. Wenn sie dann durch Akribie in ihrer Umsetzung und eine Recherche, welche auf dem halben Globus stattfand, auch das entsprechende Niveau mitbringen und sprachlich einbahnfrei geschrieben sind, dann schlägt das Herz des geschichtsbegeisterten Lesers höher – entwickelt man einen großen Respekt vor dieser Leistung. Welch ein Werk hat uns William Dalrymple hier erstellt. Ein Werk, das zwischen den Archiven in London und Neu-Delhi, von Europa bis ins Ferne Asien erarbeitet wurde und allein schon so deutlich macht, dass es hier nicht nur um irgendein beliebiges historisches Wirtschaftsunternehmen geht. Es geht um einen gigantischen Globalplayer der Neuzeit, der das Gebaren eines Staates – mit eigener Armee, eigenen Kriegen, mit Unterdrückung bis hin zur menschenverachtenden, fast sklavischen Ausbeutung – in sich hatte. Dieses Unternehmen war über Jahrhunderte die East India Company. Ein wirtschaftlicher Staat im Staate des britischen Empires. Wenn ganze Teile des entscheidenden Parlaments auch Aktionäre bei einem solchen Unternehmen sind, dann weiß man über den Einfluss und die Macht dieses Unternehmens. Vergleichbar wäre dies vielleicht nur, wenn man die heutigen Unternehmen eines Elon Musks, Jeff Bezos und Bill Gates gemeinsam mit hochrangigen Politikern der republikanischen Partei in den USA zu einem Unternehmen zusammenfassen würde. Ohne die EIC ist die Geschichte des britischen Empires nicht denkbar. Ein spannendes Thema in einem spannenden Werk unter der sehr passenden Überschrift „Anarchie“.
Goodbye Germania – ein Neonazi flüchtet nach Afghanistan | Mauris Blandit
Erschienen bei Prinz Publishing (Rezensionsexemplar, also Werbung) Satire schlägt Extreme Endlich mal wieder eine Satire….