Was uns doch immer umkreist ist die immerwährende Frage: Wo kommen wir her? Wer waren unsere Vorfahren, die unsere Siedlungslandschaft hunderte von Jahren prägten – die die “Grundsteine” vieler unserer Ortschaften legten. Und dies nicht nur geografisch, sondern oft auch sprachlich. Für mich als Niederrheiner ist die Auseinandersetzung mit den Franken eine Suche nach Antworten – danach meine Heimat mehr verstehen zu können. Ja, noch besser hinzuschauen. Oliver Schipps fabelhaftes, sehr fleißiges Werk, ist aber bei Weitem nicht nur ein Buch mit Antworten für die Menschen rechts und links des Rheins, sondern hilft ein besseres Verständnis vom Übergang der römischen Antike in unserem Land zu dem, was wir Mittelalter nennen, zu bekommen. Und deutlich wird, dass der angeblich harte Bruch zwischen diesen historischen Gedankenabschnitten, bei weitem eher ein schleichender Übergang war. Schipps Werk ist nicht nur ein Lesegenuss für alle Historiker, sondern ein wunderbares Abtauchen in eine Zeit, in der wir oft leider nur die römische Sichtweise auf einen Kriegerverband (denn die Franken bestanden aus Gruppen verschiedener bekannter Völker und Clans als sie im dritten Jahrhundert „auftauchten“) erhalten, der dann die große Macht an sich bringt. In den ersten 2 Jahrhunderten lebten noch keine Menschen am Niederrhein, die sich als Franken bezeichneten und so genannt wurden. Doch dann sollten sie die damalige Welt erheblich verändern.
Zwei in einem Bild | Morgan Pager
Bilder sind gute Zuhörer, denn sie geben dir Zeit, sie reden nicht dazwischen und beobachten dich genau. Wem diese Sicht auf Bilder seltsam verdreht vorkommt, der möge – um den Gedanken besser verstehen zu können – den fabelhaften Roman von Morgan Pager „Zwei in einem Bild“ in die Hand nehmen und einfach zuhören. Und plötzlich verdrehen sich die Perspektiven. Wer schaut eigentlich wen an? Wer wird zum wahren Voyeur? Und wer lernt von wem. Die Perspektive liegt immer im Auge des Betrachters. Pagers zuerst verwirrendes Spiel, wirkt so natürlich in seinen Zeilen, selbst wenn es phantastisch wird. Wir lesen, erleben diese verdrehte Welt ohne, dass ein Zweifel in uns aufkommt. Es wirkt fast schon wie selbstverständlich, dass wir in eine Form „Alice im Wunderland“ der Gemälde hineingleiten.
Ihr Erzähler Jean ist uns sehr schnell sehr nah. Er wirkt fragil, wie Gemälde halt wirken. Und es ist die Ruhe der Gemälde, die sich in allem hier – in Sprache und Geschichte – in uns ausbreitet.
Ob die Grundidee in diesem Roman ganz neu ist oder nicht, mögen andere diskutieren. Sie funktioniert klar. Über die gesamte Länge des Romans, lässt sie keine Längen aufkommen. Sie entwickelt sich, wie natürlich, weiter. Und sie macht „Zwei in einem Bild“ zu einem durchdringend, besonderen erzählerischen Werk. Kunst ist nicht nur mehr Kommunikation, sie wird zum eigenen Wesen, mit eigenem Verstand, eigenen Gefühlen, eigenen Gedanken. Welch wunderbare Vorstellung!
Trotzdem Zuhause | Tupoka Ogette
„Trotzdem Zuhause“. Es ist eine positive Motivation, die hinter dem „Trotz“ steckt, den Tupoka (die Betonung liegt auf der 2. Silbe) Ogette uns erklärt. Die Motivation, dass man zu einer Gesellschaft gehört, weil man dort aufgewachsen ist, Teil einer Gesellschaft ist, dort lebt und seine Familie dort haben möchte, gesehen und akzeptiert werden möchte und vieles mehr. Dann ist es bewunderungswürdig, wenn man den Widerständen „trotzt“. Und das ist anstrengend. Das wurde mir sehr bewusst im Laufe der beeindruckenden Lektüre dieses Buches. Es ist anstrengend und bedeutet immer wieder die Kraft zu finden.
In Schlaglichtern wird uns ein Leben vorgestellt, in dem die Hautfarbe immer eine Rolle spielte. Es ist befremdlich und bedrückend. Bedrückend ist der tägliche Rassismus. Der permanent ist und immer plötzlich in irgendeiner Form übergriffig werden kann. Bedrückend ist die eingeschränkte Freiheit zu Beginn dieses Lebens in der DDR. Eines von beiden würde das Leben schon schwer machen, sich zu entfalten. Aber beides zusammen quadriert sich in seiner Unfreiheit. So ist es gut, dass ihre Mutter mit ihr kurz vor der Wende nach Westberlin zieht.
Tupoka Ogettes Darstellung ihres Lebens, ihres Weges ist aber (und das gilt es zu würdigen) nicht eine Aneinanderreihung von Frustrationen, sondern eines Kindes, Teenagers, einer jungen Erwachsenen, die zumeist ein ganz normales Leben möchte. Sei es beim Kinderspiel, als „Backstreet Boys“-Fan oder als Erwachsene.
Rousseau – Auf der Suche nach der verlorenen Natur | Volker Reinhardt
Es ist das Leben eines Sonderlings. Und wenn man sein Leben unter 30 Jahren betrachtet, dann muss man bei Jean-Jaques Rousseau feststellen, dass es in dieser Zeit oft das Leben eines Hochstaplers ist, der sich die Welt in seinen späteren autobiografischen Darstellungen, den Confessions, oft schöngeredet hat. Aber gleichzeitig ist es das Leben eines genialen Menschen, dessen Werk viele große Denker – die ihm folgen sollten – beeinflusste, so wie Kant, Herder, Pestalozzi oder Montessori. Aber sein historisches Vermächtnis? Darüber kann man streiten – wie man in Volker Reinhardts Biografie über Rousseau bestens feststellt.
Sich diesem eigenwilligen Menschen und seinem zeitweisen fast bizarren und unsteten Leben zu nähern, bedeutet ein sehr genaues Hinschauen. Und genau dies beweist Reinhardt, und zwar kritisch, scharf – ja, vorzüglich.
Reinhard stellt Rousseau mit all seinen Verfehlungen, Selbsttäuschungen und Selbstbeweihräucherungen, mit seinen Schwächen und Naivitäten, sehr menschlich dar. Aber auch mit seinen seltsam genialen, individuellen, kreativen Anteilen, die er im Leben aber scheinbar erst entwickeln muss. Selbst zu Unrecht als Kind eines Diebstahls bezichtig, empfindet Rousseau sich Zeit seines Lebens als Verteidiger der Entrechteten. Was ihn aber nicht davon abhält, zeitweise das Leben eines Lügners und Hochstapler zu leben, der falsche Behauptungen und Namen über sich in Umlauf bringt, um sich eine höhere Herkunft zu attestieren.
Und trotzdem werden seine Werke die Philosophie, das politische Denken und die Pädagogik in vollkommen neue Wege leiten. Es ist vielleicht wieder einmal die Nähe von Genialität und Wahnsinn.
Der unaufhaltsame Aufstieg des Ministers Karsten Richter | Wolfgang Schorlau
erschienen bei Kiepenheuer und Witsch (Rezensionsexemplar, also Werbung) Vorsicht Satire … … und alles ist…
Die literarische Hausapotheke | Stefan Bollmannn
Ich bin mir mehr als sicher, dass wir alle um den psychologischen Einfluss unserer Lektüren bezüglich der Sicht auf unser Leben wissen. Lesen erweitert den Fokus auf unser Leben, auf das menschliche Leben überhaupt – unsere Meinungen, unsere Empfindungen, es testet unsere Werte und Normen, ist voller Träume, Wünsche, Gefühle, Lehren und Wissen. Lesen ist bei weitem nicht nur ein kognitiver Prozess. Und es ist somit eine wunderbare Erkenntnis, dass wir uns mit der Wahl unserer Lektüre, gezielt und bewusst Gutes tun können.
Stefan Bollmann ist diesen Weg in seinem Werk „Die literarische Hausapotheke“ konkret gegangen und seine Umsetzung ist beeindruckend.
Seine Erkenntnis ist, dass wir Literatur nutzen, um weiterzuleben. „Um das Leben zu ertragen. Und wer das seltsam findet, dem mag gesagt sein, dass die heilende Wirkung von Literatur mittlerweile auch erforscht und nachgewiesen wurde.“ Eine Erkenntnis, der sich wohl jeder Bücherfreund/ jede Bücherfreundin anschließen kann. Aber dieses Buch ist nicht nur eine wunderbare Fundgrube von Geschichten und Erzählungen für schon eingefleischte Bookies. Nein, es ist auch voller guter Hinweise für die Menschen, die bisher nur bedingt oder gar nicht den Weg zum wohltuenden Bücherlesen gefunden haben. Auch sie werden garantiert sich – oder etwas für sich – in dieser literarischen Hausapotheke finden.
Real Americans | Rachel Khong
Erschienen bei Kiepenheuer und Witsch (Rezensionsexemplar, also Werbung) Tja, was sind „Real Americans“– wahre Amerikaner?…
Die Templer – Aufstieg und Untergang von Gottes heiligen Kriegern | Dan Jones
Wir ziehen wieder mit Dan Jones in ein Geschichtsabenteuer! Wohl kaum jemand schildert Geschichte so herrlich wie einen Abenteuerroman, wie der aus Film- und Fernsehproduktionen der BBC bekannte Autor Dan Jones. Jones hat die fabelhafte Gradwanderung zwischen seriöser Geschichtsschreibung und packender Abenteuererzählung zu seinem Marken- und Qualitätszeichen gemacht. Das ist plastisch, schnell, voller Action, bunt und voller unerwarteter Wendungen. Ja, so entstaubt und wunderbar emotional kann Geschichte sein! Wir tauchen ab ins hohe Mittelalter, erleben Reisen und Schicksale oder fahren – wie in diesem Buch über den so sagenhaften Orden der Templer – in den Nahen Osten, die Levante. Es ist immer wieder spannend zu sehen, welche beeindruckenden Quellen Jones gefunden hat. Große Teile sind Reiseberichte jener Zeit, die auf uns doch oft so wirken, als hätten ihre Verfasser uns sagen wollen, dass sie eine vollkommen neue Welt gefunden hätten. Und ihre Faszination, ihr Entdeckergeist sind bis heute in ihren Zeilen spürbar.
Der andere Arthur | Liz Moore
Zu Beginn eine einfache, selbstverständliche, aber enorm wichtige Aussage: Dieses Buch ist nicht „Der Gott des Waldes“. Diese Aussage soll nicht wertend sein, sie soll nur dem möglichen Leser mitteilen, dass er hier nicht etwas suchen möge, was er im Ausnahmewerk von Liz Moore zuvor erlebt hat. „Der andere Arthur“ ist auf vielen Ebenen anders. Was aber bei der fabelhaften Liz Moor wieder besticht, ist ihr wunderbarer, fließender, uns weitertreibender Schreibstil. Das ist hohe Kunst ohne Allüren, unaufgeregt, aber fesselnd. Als Leser hat man ständig den Drang fortzuschreiten. Es fällt uns sehr, sehr schwer das Buch zur Seite zu legen und damit die Protagonisten allein zurückzulassen – in ihrer Einsamkeit zu lassen. Denn das ist eines der Themen dieses leisen Buchs: traurige, einsame Menschen – ihre Gedanken, Ängste vor der Welt, vor anderen Menschen und ihre durchlebten Verletztheiten und immer präsente Verletzlichkeit. Daraus resultiert oft ihre Reaktion auf die Welt, die Wahrheit zurückzuhalten, eine neue – vermeintlich bessere – Wahrheit zu erfinden. Doch all diese Lügen isolieren sie mehr. Liz Moore hat einen intelligenten, durchdringenden Blick auf unsere westlichen Gesellschaften. Das macht dieses Buch – neben einer besonderen Geschichte – lesenswert.
Papyrus | Irene Vallejo
Wer die Vorstellung zu diesem Buch hat, dass es um die Geschichte des Werkstoffs „Papyrus“ geht, dem sei gesagt: Es geht in diesem Buch um viel, viel mehr! Nämlich das, wofür „Papyrus“ steht: um Bücher, die Geschichte und Geschichten von Büchern und wie diese unsere Weltgeschichte mitgeprägt haben. Denn für Bücher und das, wofür sie stehen, wurden Feldzüge und Kriege geführt. Sie waren Inspiration, Antrieb, Start und Ziel. Man darf sie nicht unterschätzen. Eine Geschichte der Menschheit, ist auch eine Geschichte ihrer Bücher und ihrer Verhältnisse zu ihnen. Eine Geschichte von z.B. Bibliotheken, Archiven und Büchereien, von Schriften und dem Lesen, von den vielen Schriftarten, von der Macht des Wissens und so vielen Aspekten, die all dies begleiten.
Vallejos Reise in die Vergangenheit startet an dem Platz der Geschichte, den wohl jeder bibliophile Mensch in einer Zeitreise gerne besuchen würde: Der Bibliothek von Alexandria. Und es geht nicht nur um den Ort – Nein, es geht um die Idee dazu. Die Idee, alle Bücher der Welt zusammenzubringen. Vallejo zeigt, dass schon vor über 2000 Jahren den Herrschenden die Kraft und Macht von Büchern bewusst war.