Eigentlich beginnt in diesem literarischen Genre alles mit der großen Arthus-Saga, verfasst im Hochmittelalter. Mit ihren vielen Erzählungen, Erweiterungen und endlosen Versionen, die die Leser ihrer Zeit in den Bann zieht und bis heute nicht loslässt, unserer Fantasie immer wieder großen Raum gibt. Und wer liebt nicht die großen Abenteuerromane von Ivanhoe oder in Comicform den edlen Prinz Eisenherz. Die Motive sind gleich, die Ideale, wie die der Ritterlichkeit, Gerechtigkeit, Freundschaft, Verlässlichkeit, dem Heldenmut oder der Ehre sind zeitlos und nach wie vor, bei den Herrschenden unerreicht. Michael Römling greift diese in seinem mitnehmenden Werk „Berenger – ich bin Barbarossas Klinge“ in sehr moderner Art auf. Wir sind hier nicht auf den britischen Inseln. Aber er macht Kaiser Friedrich Barbarossa zu einer Art Richard Löwenherz des römisch-deutschen Reichs. Die Zeit passt. Und überhaupt passt hier sehr viel zusammen. Römlings historischer Roman versteht sich als Abenteuerroman. Und dies ist er durch und durch. Als Leser wird man all abendlich in eine ferne Zeit gezogen, darf bei Schoten und Schlachten dabei sein. Römling stellt uns dabei kein blutgetränktes, brutales, dunkles, dreckiges Mittelalter dar. Nein! Ganz in der Art der klassischen Rittergeschichten geht es hier, wie dort, um die Normen und Werte, die eigentlich über den Egoismen der Politik bei den Herrschenden stehen sollen. Und bei aller Spannung hat man dann zeitweise das Gefühl, dass seine Aussagen sehr im Hier und Jetzt sind, da sie zeitlos sind.
Deutschland ist es wert | David Matei (Simon Biallowons)
Es ist einfach gegen etwas zu sein, denn man muss dies (fast) nicht rechtfertigen. „Ich mag das nicht“, „Kommt für mich nicht in Frage“ oder „Ich bin grundsätzlich dagegen” beenden schnell alle Diskussionen, ja, lassen sie einfach nicht zu. Wie schwer ist es dann öffentlich für etwas zu sein, was vom Grundsatz immer in die Diskussion geht, denn es geht im wahrsten Sinne des Wortes um Leben und Tod. Es geht darum, wie wir weiter in Frieden leben können und Krieg vermeiden. Wir, der wir in der – mit Abstand – längsten Friedensphase Europas leben und uns die umfänglichen Konsequenzen von Krieg, Terror, Vernichtung, Zerstörung, höchste Verluste materieller und menschlicher Art und absolute Unfreiheit nicht mehr vorstellen können.
Aber nach über 80 Jahren Frieden und großem Wohlstand, gibt es wieder eine spürbare Kriegsgefahr. Verteidigen wir uns? Wer verteidigt uns? Es ist mutig dann zu sagen: Ich bin für eine Armee und ich werde dort auch dienen.
David Mateis Anliegen klingt ehrlich. Er wirkt authentisch und er ist engagiert. Engagiert für unser Land. Daher sollten wir ihm zuhören, egal welche eigenen Auffassungen wir erst einmal haben. Wer bereit ist unser aller Freiheit zu verteidigen, hat unser aller Aufmerksamkeit verdient.
Ein absolut aktuelles Buch. Ein Buch mit Haltung, was zu Diskussion und zum Zuhören auffordert. Gerade daher tut es der Diskussion so gut.
Der Gastgeber | Alex March
Als ständiges Mitglied des National Trust liebe ich es, jedes Jahr durch die Herrenhäuser Englands zu streichen und das Flair der englischen Upper-Class vergangener Jahrhunderte nachzuempfinden, die Dekadenz zu belächeln und mich selbst ein wenig herrschaftlich zu fühlen. Aber ich habe auch große Ehrfurcht vor den wunderbaren architektonischen Leistungen und natürlich vor den fabelhaften Gartenanlagen, die so viel Kreativität widerspiegeln. Jetzt erhalten wir in „Der Gastgeber“ unsere Einladung zu einem Krimidinner der besonderen Art. Wir begleiten Colin Alcott, der die Rolle des ungebetenen Gasts erhalten hat, hinüber zu einer Insel, auf das Herrenhaus Brighton Manor. Tja, wer geht nicht gerne zum Krimidinner? Autorin Alex March bringt uns das Krimidinner quasi nach Hause. In Form dieses Thrillers werden wir Zeugen eines makabren Spiels und vielleicht sind wir auch Teil des Spiels? Alles halt wie beim Krimidinner! Gerne würde ich schon mehr verraten, aber wer hier öfter vorbeischaut weiß: Hier wird nicht gespoilert. Das Spiel muss schon jeder selbst durchleben.
Vier Minuten Stille – und dann kam der Sturm | Chris Warnat
Ist das ein Thriller? Oh, ja! Auch, wenn wir doch sprachlich und im Storytelling eigentlich etwas anderes erwarten. Thriller kann auch leiser, Thriller kann auch langsamer und all dies nimmt ihm nichts von der Spannung, vom Thrill. Zwar erfindet Chris Warnat den Thriller nicht neu, aber sie definiert ihn in vielen Nuancen anders. Und das macht ihren Thriller nicht zur Fast-Food-Lektüre, wie wir sie in diesem Genre, aufgrund des Überangebots, so oft finden. Nein, ihr Thriller besticht durch eine ungewöhnliche Mischung. Ein Thriller, der sich die Zeit nimmt in wohlplatzierten Worten und wohltemperierten, ausgefeilten Sätzen, die uns gekonnt mit einer ganz spezifischen Atmosphäre umgarnen, langsam einspinnt. „Vier Minuten Stille“ ist nicht nur ein Spannungserlebnis, sondern auch literarisch ein Leseerlebnis. Eine Fundgrube für alle, die Spaß an Sprache haben. Und in dieser sprachlichen Raffinesse erinnert das Werk manchmal doch eher an einen Roman. Und das mag den ein oder anderen Leser, der die Geschwindigkeit des klassischen anglo-amerikanischen Thrillers sucht und mag, vielleicht etwas holprig durchs Buch führen.
Dschingis Kahn – Der Fürst des Unermesslichen | Gisela Graichen und Matthias Wemhoff
Sein Weltreich war das größte Reich, das jemals in der Geschichte der Menschheit existierte und trotzdem ist uns hier in Mitteleuropa die Geschichte des Dschingis Kahns so wenig präsent. Das sollte nicht sein, denn sein Einfluss auf die weiteren Wege der Weltgeschichte sind immens. Dschingis Kahns Reich zerfiel nicht, wie das von Alexander oder Napoleon. Nein, es lebte auch nach seinem Tode weiter. Insofern ist es gut zu wissen, dass es 2027, 800 Jahre nach seinem Ableben, eine große Ausstellung über den großen Kahn in Berlin geben wird. Als beste Vorbereitung (oder wenn man nicht dorthin kommen kann) und um die doch großen Lücken für die meisten geschichtsinteressierten in Europa zu schließen, haben Gisela Graichen und Matthias Wemhoff jetzt eine Biografie veröffentlicht, die mehr einem Abenteuerroman gleicht als einer Biografie (die bei Geschichtslern ja schnell sehr trocken und rein faktisch sein kann). Dschingis Kahns Geschichte ist wie geschaffen als Vorlage für eine Netflix-Serie. Sie ist Drama, voller Action und seltsamer Wendungen. Sie ist aber vor allem ein Eintauchen in eine ferne Zeit, in eine ferne Kultur. Eine uns fremde Kultur, die vom Nomadentum geprägt war. Packend, oft wie fantastisch und verwunschen, und doch so menschlich, gibt uns das Buch tiefe, gute Einblicke. Ein Geschichtsbuch, das bestimmt auch Menschen, die ansonsten weniger im Bereich Geschichte unterwegs sind, beste Unterhaltung und Knowhow bietet.
Das unsichtbare Abkommen | Pedro Pérez-Iruela
Eine überwundene Diktatur ist für ein Volk wie ein kollektives Trauma, denn sie ist wie ein Sammelbecken der persönlichen Traumata der einzelnen Menschen aus diesen Zeiten. Schrecken, Angst, Mord, Folter und Totschlag geschehen und nur sehr wenig wird aufgeklärt, da nicht alle Informationen zugänglich sind. Vieles geschieht quasi hinter unsichtbaren Vorhängen. Nachfrage kann gefährlich sein. Alles liegt in diesem großen Dunkel, ein klarer Blick auf die Geschehnisse dieser Jahre ist unmöglich. Aber diese Schicksale, die hinter diesen Vorhängen liegen, lassen die Menschen nicht los, verfolgen sie ihr ganzes Leben, treiben sie an, um die ungelösten Ereignisse aufzuklären.
Pedro Pérez-Iruela hat mit „Das unsichtbare Abkommen“ einen fabelhaften historischen Politthriller in die 30er Jahre der Franco-Diktatur in Spanien gesetzt. Ein Land, das nach dem Bürgerkrieg unter dem Druck der kriegerischen Erwartungshaltungen der anderen faschistischen Regime in Deutschland und Italien steht und zutiefst beäugt wird, von den einflussreichen Demokratien, wie zum Beispiel dem britischen Staat. Ein Land, gezeichnet durch die Leiden dieser Zeit, in einer bedrückenden Atmosphäre des Wechsels und der sich immer weiter ausbreitenden Unfreiheit. Ein Land in Angst.
Die Vorkämpferinnen | Bianca Walther
Die Geschichtsschreibung ist in den letzten Jahren sehr fleißig in den Bereichen Feminismus, Frauen in der Geschichte und/oder der Biografien von Frauen, die ganz besondere Leistungen vollbracht haben (solange wir dies aufgrund zeitweise schlechter Quellenlagen überhaupt sehen und bewerten können) gewesen. Es gab und gibt sehr viel aufzuholen. So ist es wirklich ein Gewinn, dass Bianca Walther uns nun einen aktuellen Überblick über die Entwicklung zur und innerhalb der Frauenbewegung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts in ihrem Werk mit dem vielsagenden Titel „Die Vorkämpferinnen“ schenkt. Walther schafft die gute Mischung aus sachlicher Darstellung der Strukturen und ihrer Entwicklungen der Organisationen, sowie die sehr persönlichen und sehr nahbar nachzuempfindenden Lebenswege und Lebensbedingungen ihrer mutigen Heldinnen. Ein Buch, das so weitaus mehr ist als eine schnöde Auflistung von Fakten, sondern einen tiefen Einblick in die schwierigen Umstände und Kämpfe dieser Frauen zeigt. Ziel war – mal mehr, mal weniger – irgendwann Gleichberechtigung gegenüber der Männerwelt zu erhalten und somit das Patriarchat zumindest zu schwächen oder es vielleicht auch irgendwann hinter sich zu lassen. Gleichzeitig ist „Die Vorkämpferinnen“ eine wunderbare Zusammenstellung besonderer Charaktere, voller Zivilcourage und Tatendrang. Frauen, die sich für die Gesellschaft einsetzen – oft ohne Lohn, sondern sehr viel Spott und Hohn, Arroganz und Verachtung erfuhren. Aber ihr Tatendrang hat die Welt in den letzten 200 Jahren deutlich verändert. Wir bräuchten auch heute – auf vielen Ebenen – diesen mutigen Einsatz für unsere Gesellschaft. Und zwar von Männern und Frauen. Das macht „Die Vorkämpferinnen“ plötzlich noch aktueller als es ihr Thema an sich schon ist.
Mirabellen Tage | Martina Bogdahn
Vielleicht haben viele Menschen in unserer heutigen Zeit die Hoffnung und Sehnsucht nach dem überschaubaren Miteinander, nach einem Leben im dörflich geschlossenen Milieu, wo noch jeder jeden und jede kennt, man zusammen aufgewachsen ist und sich gegenseitig ein Leben lang begleitet. Was für einige nach Langeweile klingt, bringt anderen Sicherheit. Das kann eng sein, aber auch auf charmante und positive Art familiär. Für die, die dies mögen, ist „Mirabellen Tage“ bestimmt ein sehr angenehmes und beruhigendes Buch. Es ist grundsätzlich ein sehr ruhiges, unaufdringliches und unaufgeregtes Buch, auch wenn der Auftakt seiner Handlung im Tode einer geliebten und geschätzten Person und der daraus entstehenden Nostalgie nach den vergangenen Zeiten liegt.
Autorin Martina Bogdahn zeigt oftmals einen zarten und trotzdem direkten Erzählstil, der manchmal schon leise, flüsternd daherkommt. Die Welt ist sehr, sehr cosy und wie im perfektem Landhausstil. Hier gibt es keine Kratzer im Lack, keine Widersprüche. Sommerlich leuchtende und dörflich klischeeartige Bilder und Personen entwickeln sich vor unseren Augen. Vieles wirkt sehr süßlich.
Weimar – Glanz und Grauen der deutschen Geschichte | Katja Hoyer
Welch ein besonderes Geschichtsbuch zur Deutschen Geschichte! Und dies am Beispiel einer Stadt, mit dem Blick auf die sehr persönlichen Schicksale und Sichtweisen ihrer Bürger und Bürgerinnen zwischen 1914 bis 1939. Aber es ist nicht irgendeine Stadt. Es ist nun einmal „Weimar“. Eine Stadt, die wie der Schmelzpunkt der Deutschen Geschichte wirkt. Sie ist Zeichen der ersten deutschen Republik und auch deren Untergangs. Und als eine der bevorzugten Städte der NSDAP, steht sie für den Weg in die menschenverachtende Diktatur – den Weg Deutschlands in staatlich organisierten Mord, einen Unrechtsstaat und das totale Gegenteil von menschlicher Kultur.
So wird das beschauliche Weimar, das sich seiner ruhmreichen Kulturgeschichte rühmt, 1919 in revolutionären Zeiten Unterschlupf für die verfassungsgebende Versammlung. Als Touristenstadt hat man genug Betten und ein Hoftheater, das als Parlamentsgebäude fungieren kann. Der neue Parlamentarismus ist für die eher bürgerliche Gesellschaft Weimars ernüchternd. Die Zeiten werden sie in Angst und Schrecken vor einer kommunistischen Revolution versetzen, ihnen zum Teil ihren Besitz durch Inflation nehmen und die Blindheit, mit der viele auf die völkischen Bewegungen gesehen haben, geben.
In Katja Hoyers umfangreichem und beeindruckendem Werk „Weimar“, vermischen sich die Sichtweisen von vollkommen „normalen“ historischen Personen und uns heute noch bekannten Berühmtheiten. All dies erleben wir hier sehr intensiv. Menschliche Schicksale und Katastrophen, Hoffen und Leiden dieser Zeit bekommen Namen. Ein wirklich bewegendes Sachbuch.
Odysseus – Mythos und Wahrheit | Raimund Schulz
Es sind die großen Epen der Welt, deren Ursprünge in der Dunkelheit der Geschichte liegen, die uns immer wieder faszinieren. Denn die Urstoffe, die uns in so vielfachen Verarbeitungen im Leben immer wieder begegnen, drücken viel über die Suche der Menschen aus. Und somit ist die Odyssee mehr als nur ein Buch, mehr als nur eine Geschichte. Sie hat sich auch in unserem Alltag zur Metapher entwickelt, für die Suche, die Fahrt, das Abenteuer, auf dem wir alle im Leben sind – und dies von Homer bis Udo Lindenberg und nun im nächsten Monat auch wieder im Kino. Sie bleibt immer aktuell. Und wir alle wollen der listenreiche, mutige, durchtriebene Odysseus sein und scheitern doch oft – wie auch Odysseus – nach viel Hochmut und dem Hang auch mal alles auf eine Karte zu setzen. Held und Verlierer, das hat viel Menschliches in sich.
Stundenlang könnte man also über Homers Werk philosophieren. Und bei allem stellt sich die Frage: Gab es ihn wirklich? Odysseus? Alles nur erfunden? Was ist Mythos und was ist Wahrheit? Raimund Schulz hat die Möglichkeiten durchleuchtet, was wir aus den dunklen Jahrhunderten – der Zeit zwischen Bronze- und Eisenzeit in Griechenland – vielleicht doch ableiten können, zusammengetragen. All das zeigt, wie spannend die Geschichte doch immer wieder ist – und die Begeisterung vergeht nicht. Ein sehr gutes Buch, um sich dem Epos zu nähern.