Dadurch, dass ich im (fast) äußersten Westen unseres Landes wohne, ist das „Blaue Land“ für mich nicht nur geistig, sondern auch geografisch weit weg und sehr, sehr fremd. Zwar gibt es natürlich auch in meiner Heimat Menschen, die die AfD wählen, jedoch kann man hier (noch?) von einer deutlichen Minderheit sprechen. Olaf Sundermeyer berichtet uns, gekonnt und professionell, aus dem nun scheinbar „Blauen Land“, aus dem Osten Deutschlands, wo die AfD seit ihrem Bestehen immer mehr Zulauf bekommen hat. Seit 20 Jahren berichtet er von dort, lange bevor es die Partei gab und hat die Entwicklungen der heutigen Strukturen, hautnah, miterlebt. Pegida, die großen Proteste gegen die Flüchtlingspolitik (gegen das „Wir schaffen das“), die Proteste gegen die Coronamaßnahmen, Auswüchse der irregulären Zuwanderung, Angst vor Krieg und Inflation, Proteste der Bauern – ja, es zeigt sich im Rückblick deutlich der große Nährboden der Unzufriedenheit, des Pessimismus, des Unverständnisses und der daraus resultierenden Wut. Sundermeyers Buch ist ein gutes Buch für alle, die den Aufstieg der in Teilen als rechtsextrem rechtlich angesehenen Partei, besser verstehen wollen und gleichzeitig ist es ein deutlicheres Plädoyer, sich inhaltlich mit den Beweggründen der Wähler dieser Partei auseinanderzusetzen. Die Parolen der Partei fielen vor allem dort im Osten (aber nicht nur dort) auf einen vorbereiteten Boden.
Die Last der Sonne“ – Die Kriege der OvaHerero und Nama gegen die deutsche Kolonialherrschaft | Matthias Häussler
Deutschlands Rolle als Kolonialmacht wurde lange, lange Zeit sehr heruntergespielt, d.h. man stellte sie als relativ belanglos gegenüber den großen Kolonialmächten wie England oder Frankreich dar. Schließlich war man als (in vielfacher Hinsicht) verspätete Nation, erst spät auf dem „Weltmarkt“ der Verteilung der Kolonien angekommen. Und dann mussten die Deutschen auch „früh“ ihre Kolonien – nach dem 1. Weltkrieg – wieder abgegeben, so dass die Rolle als Kolonialmacht doch nur wie ein kleines Intermezzo in der Geschichte erschien. Nichtsdestotrotz zeigt gerade der Umgang mit dem als „Hereroaufstand“ in unseren Geschichtsbüchern betitelten Krieges, gegen eine fast schutzlose Bevölkerung in Namibia, die menschenverachtende Brutalität, mit der unsere Vorfahren der einheimischen Bevölkerung gegenübertraten. Das Vorgehen des deutschen Militärs zwischen 1904 bis 1908, war der erste Genozid des 20. Jahrhunderts. Wir haben – und dies geschieht glücklicherweise endlich auf vielen Ebenen in den letzten Jahren – die deutliche Aufgabe uns dieser Geschichte zu stellen.
Matthias Häussler hat uns dazu ein klar wissenschaftliches, akademisches Buch geschrieben. Und dies in dem Gedanken (wie er es in seinem Vorwort ausdrückt), dass eine anzustrebende Erinnerungskultur nur durch das Zutun vieler kulturschaffender Zweige erschaffen werden kann und dass dieses Buch, einen Teil dessen dazu einbringen soll, was die Wissenschaft in den letzten Jahren schuldig geblieben ist. Ein hoher Anspruch also, den der Autor an sich selbst stellt und dem er in akribisch recherchierten Kapiteln nachkommt.
Henry V | Dan Jones
Fakten zu sammeln ist in der Geschichtsschreibung das Handwerk, das man, wie jedes Handwerk erlernen kann. Dazu muss man Akten und Urkunden und andere Primär- und Sekundärquellen lesen, verstehen, analysieren und auch einordnen können. Und dazu benötigt man ein Vorwissen, das man in seinem Handwerk gelernt haben muss. Umso größer dieses Vorwissen, umso besser, genauer und umfangreicher ist die Möglichkeit der Interpretation der Quellen – die Möglichkeit die Geschichte besser zu verstehen und nachvollziehen zu können. Aber wie gesagt: das ist alles Handwerk – das sollte jeder, der ein Geschichtsbuch schreibt beherrschen.
Jetzt kommen wir aber zum fabelhaften englischen Historiker Dan Jones. Denn die wahre Kunst der Geschichtsschreibung ist: Geschichte erzählen zu können! Sie zu erwecken, sie lebendig zu machen. Und vor allem sie für die Menschen seiner eigenen Zeit zu einer Wichtigkeit zu machen, bei der es sich lohnt, sich mit dieser auseinanderzusetzen. Und das ist die Erzählkunst, die (leider) noch lange nicht jeder Historiker besitzt. Dan Jones ist mit seiner Art Geschichte darzustellen, absolut vielen Historikern voraus. Seine Bücher sind voller Spannung, mitreißend, mit allen Bereichen eines Thrillers. Wer dies für maßlos übertrieben hält, möge sich seinem neusten Werk nähern. Was erst einmal wie eine dröge Biographie über einen der vielen englischen Könige des Mittelalters wirkt, ist hier wie ein Familiendrama, voller Intrigen, ist wie eine Justiz-, Agenten- oder Historiendrama voller Waffengängen und Fehlentscheidungen, ist wie ein Actionfilm und so vieles mehr. Auch „Henry V“ ist wieder einmal ein grandioses Geschichtswerk des Multitalents Dan Jones, der nicht nur Historiker im üblichen Sinne ist, sondern auch erfolgreicher Dokumentarfilmer. Das in England, nach wie vor, die Geschichtsabteilungen der Buchläden so riesig und vielfältig sind, hat viel damit zu tun, dass es dort so gute Autoren gibt. Wir sollten in Deutschland endlich davon lernen.
Brandmauer | Herausgegeben von Stefan Aust und Rafael Seligmann
Frei nach der Gretchenfrage ist die aktuelle Frage in der Bundesrepublik 2026 „Wie hältst du`s mit der AfD?“ Und die Dauerantwort aus vielen politischen Ecken Deutschlands heißt: „Brandmauer!“ Aber wie wirksam ist diese angeblich demokratische „Brandmauer“, wenn wir erkennen müssen, dass die AfD immer mehr Wählerstimmen erhält. Drei große Wahlen stehen direkt vor uns: In Sachsen-Anhalt, in Berlin und in Mecklenburg-Vorpommern. Und gerade in Sachsen-Anhalt kann die AfD die stärkste politische Kraft werden.
Einer der bekanntesten Journalisten Deutschlands, Stefan Aust und Redakteur Rafael Seligmann haben sich Schwergewichte der bundesdeutschen Politikszene für ein besonderes Buch dazugeholt. Darunter vielfach Personen des öffentlichen Lebens, die nicht noch Karriere machen wollen (und denen es daher vielleicht auch nicht um ihre Person geht), sondern die sich durch Kontinuierlichkeit in ihren Ämtern und/oder durch konsequentes Handeln einen wirklich positiven Ruf in der deutschen Bevölkerung erarbeitet haben. Ein Typ Mensch, den man ansonsten auf der politischen Bühne zurzeit (scheinbar) schwer findet.
So hören wir hier z.B. den langjährige SPD-Vorsitzenden (2009 bis 2017) Sigmar Gabriel, Reiner Haseloff, den ehemaligen Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt (2011 bis 2026), Christian Ude, der über 20 Jahre lang als SPDler Oberbürgermeister von München war oder Margot Käßmann, die ehemalige EKD-Vorsitzende, die einst Konsequenzen aus einem Fehlverhalten zog und eindrucksvoll von ihrem Amt zurück trat. Sie gilt daher, nach wie vor, als moralische Instanz. Aber auch viele, viele andere interessante Menschen, die nun ihren – durchweg spannenden – Blick, erklären. Ein großer Rundumschlag verschiedenster Perspektiven auf das als „Brandmauer“ benannte Verhalten der Parteien, die man – je nach Sichtweise – etablierte Parteien, demokratische Parteien, Parteien der Mitte oder Altparteien nennt, und ihrem Umgang mit der Partei (oder dem Phänomen) AfD, die unsere Demokratie in den Grundfesten zurzeit herausfordert.
Düster | Ivar Leon Menger
Nachdem Ivar Leon Menger sich in den letzten Jahren sehr wandelbar in den Ausrichtungen seiner Thriller gezeigt hat, hat er nun mit „Düster“ erstmals eine Art Fortsetzung eines früheren Thrillers (seines Werks „Finster“) geschrieben. Wir dürfen gespannt sein, ob dies der Anfang einer längeren Serie sein wird. Die Grundlage, mit einem neugierigen Ex-Polizisten, der keine Ruhe findet, wenn etwas seine Aufmerksamkeit gewinnt, hat er sich geschaffen. Hans J. Stahl hat etwas von einer männlichen Miss Marple. In „Düster“, das merkt man deutlich, entwickelt Menger seinen Protagonisten stringent weiter. Stahl wird kantiger, marottenhafter und man kann sich sehr gut vorstellen, wie noch so manche „Stahlfälle“ auf uns zukommen, auch wenn die Hauptperson schon 73 Jahre alt ist. Vielleicht ein etwas später Einstieg für eine Buchreihe. Aber wer weiß? Vielleicht erhalten wir noch Fälle in der Retrospektive, zum Beispiel vom „Jungen Inspektor Stahl“.
Mengers Thriller einzuordnen fällt schwer, denn er bewegt sich zwischen Coziness, wenn es um Stahl und seine Lebensgefährtin Geli geht und brutalem Psychothriller à la Fitzek, wenn es um die dunkle Geschichte der Kindheit seines Täters oder den düsteren Umsetzungen seiner Morde geht. Menger spielt gekonnt alle Oktaven auf der ganzen Klaviatur des Thrillerwesens. Das macht das Buch abwechslungsreich und ähnlich wie es in der Musik mit Dur- und Mollakkorden ist, wirkt alles besonders durch den geschaffenen Kontrast. Es gibt Momente, in denen wir aufatmen können, nachdem wir gerade wieder einmal einen Mord miterleben mussten. Das gibt dem Buch einen dauerhaften, guten und weiterdrängenden Lesefluss.
Der Parasit | Jason C. Rayne
Der neue Ethan Hunt ist weiblich und ihre Action findet nicht auf den Straßen oder den außergewöhnlichen Gebäuden der Megastädte der Welt statt. Nein, ihre Action ist am Puls der Jetzt-Zeit (und der Zukunft) – im Cyber-Space. Denn unsere Abhängigkeiten und die Beeinflussungen auf unser tägliches Leben durch diese virtuelle Welt sind weitaus umfangreicher, als wir dies doch im täglichen Leben empfinden. Und genau hier setzt Jason C. Raynes an. Die Angst, dass durch diese Abhängigkeiten die Sicherheiten unserer realen Welt zusammenbrechen können. Denn unser Abhängigkeitsgrad von der digitalen Welt ist mittlerweile unermesslich. Was im Internet oder Darknet oder anderen solcher Schauplätze geschieht, hat direkte Konsequenzen auf unsere Staaten, auf unsere Leben. Kidnapper rauben keine Kinder mehr auf der Straße und fordern Lösegeld, und Bankräuber entern keine Bank mehr und schweißen Tresore auf. All dies geschieht auf seine Weise in Cyber-Space.
Commissaria Iva Markulin – Der kalte Sog des Meeres | Von Ines Calic
Deinen Koffer für den Urlaub am Mittelmehr schon gepackt? Wenn es nach Kroatien geht, passt bestimmt noch ein Buch mit hinein. Ich selbst war vor langer, langer Zeit in Istrien und wurde nun wieder in die wunderbare, sommerliche Landschaft zurückkatapultiert. Mit ihrem zweiten Krimi rund um die Commissaria Iva Markulin „Der kalte Sog des Meeres“ hat Autorin Ines Calic es wieder einmal geschafft, etwas mehr als den „normalen“ Urlaubskrimi zur Unterhaltung an langen Strandtagen oder Urlaubsabenden zu kreieren. Calic Werk ist mehr ein ausgefeilter Krimi rund um mafiöse Strukturen, Korruption und Machtmissbrauch. Wer „nur“ einen durchschnittlichen Urlaubskrimi erwarten hat, wird hier mit einer ausgefeilten Geschichte und sehr typischen kroatischen Charakteren belohnt. Das macht Spaß, hat Atmosphäre und – falls jemand dies, wie ich, in Deutschland liest – bringt ein wenig Sonne, Strand und Meer auch in unsere Gefilde.
Ich geh jetzt los und bring mich um | Fang Fang
Das Leben in den Familien Chinas mag uns sehr fern vorkommen. Unzweifelhaft ist dort jedoch, dass in der traditionellen Sicht auf die Aufgabeverteilung einer chinesischen Familie die Schwiegertöchter quasi das unterste Glied bilden. In einer durch und durch patriarchalen Struktur, hat dann auch die Schwiegermutter noch über die Schwiegertochter, die nach der Heirat in die Familie einzieht, zu bestimmen. Die Vorstellung dort ist grundsätzlich davon geprägt, dass die Schwiegertochter in ewiger Dankbarkeit gegenüber der älteren Generation und auch gegenüber ihrem Mann und seiner ganzen Familie, täglich zu zeigen und zu zelebrieren hat.
Autorin Fang Fang stellt uns diese – zeitweise absurde – Situation der verheiraten Frauen in den durch Tradition geprägten Familien in ihrem kurzen Roman (ca. 160 Seiten) in makaberer und wunderbar ironischer Art da. Denn selbst als die Hauptperson He Hanqing ihrer Umgebung deutlich macht: „Ich geh jetzt los und bring mich um“, ist dies für die anderen Familienmitglieder bei weitem keine Aufforderung auf den verzweifelten Hilferuf freundlichen oder zugewandt zu reagieren, sondern es folgt nur die nüchterne Erkenntnis, dass man ihr dies auch nicht zutraut.
Der rote Berg | Herbert Peltzer
Die schleichende Umsetzung von sich steigernder Diskriminierung, Ausgrenzung, Entmenschlichung und Entwürdigung im täglichen Leben im faschistischen Deutschland der 1930er Jahre, mag im ländlichen Bereich noch einmal ein ganz anders Gesicht gehabt haben, als in den großen Städten. Hier, wo jeder jeden zu kennen glaubte, fühlten sich die Menschen vielleicht weit aus sicherer und erst recht ahnte niemand, dass es zu Exzessen gegenüber der eigenen Familie, Nachbarn oder Bekannten kommen konnte. Vor allem, da man sich doch – zum Beispiel in der ländlichen Region der Eifel – im bekannten katholischen Milieu bewegte, in dem das Leben im Rahmen der großen Traditionen so sehr gefestigt erschien. Wer sollte hier Angst haben, dass Unmenschlichkeit, Repressalien und Brutalität die dörfliche Gemeinschaft Stück für Stück zerlegen würden?
Herbert Pelzer macht uns in seinem Roman „Der rote Berg“ sehr deutlich, dass eine dörfliche Gesellschaft, die vielleicht etwas naiv auf die Neuerungen reagiert, genauso einem neuen Zeitgeist zum Opfer fallen kann, wie die, oft durch Anonymität geprägte, städtische Gesellschaft. Vielleicht ist es genau diese menschliche Nähe im Dorf, die „den Wolf im Schafspelz“ erst weitaus später erkennt, und ihm daher zuvor mehr freien Lauf ließ. Und plötzlich erhält dieser historische Roman etwas sehr Aktuelles, denn vielleicht neigen auch wir dazu, Menschen, die uns nicht so bekannt sind, deutlicher als Faschisten zu erkennen und zu bezeichnen, als die Menschen in unserer direkten Nähe.
Berengar | Ich bin Barbarossas Klinge | Michael Römling
Eigentlich beginnt in diesem literarischen Genre alles mit der großen Arthus-Saga, verfasst im Hochmittelalter. Mit ihren vielen Erzählungen, Erweiterungen und endlosen Versionen, die die Leser ihrer Zeit in den Bann zieht und bis heute nicht loslässt, unserer Fantasie immer wieder großen Raum gibt. Und wer liebt nicht die großen Abenteuerromane von Ivanhoe oder in Comicform den edlen Prinz Eisenherz. Die Motive sind gleich, die Ideale, wie die der Ritterlichkeit, Gerechtigkeit, Freundschaft, Verlässlichkeit, dem Heldenmut oder der Ehre sind zeitlos und nach wie vor, bei den Herrschenden unerreicht. Michael Römling greift diese in seinem mitnehmenden Werk „Berenger – ich bin Barbarossas Klinge“ in sehr moderner Art auf. Wir sind hier nicht auf den britischen Inseln. Aber er macht Kaiser Friedrich Barbarossa zu einer Art Richard Löwenherz des römisch-deutschen Reichs. Die Zeit passt. Und überhaupt passt hier sehr viel zusammen. Römlings historischer Roman versteht sich als Abenteuerroman. Und dies ist er durch und durch. Als Leser wird man all abendlich in eine ferne Zeit gezogen, darf bei Schoten und Schlachten dabei sein. Römling stellt uns dabei kein blutgetränktes, brutales, dunkles, dreckiges Mittelalter dar. Nein! Ganz in der Art der klassischen Rittergeschichten geht es hier, wie dort, um die Normen und Werte, die eigentlich über den Egoismen der Politik bei den Herrschenden stehen sollen. Und bei aller Spannung hat man dann zeitweise das Gefühl, dass seine Aussagen sehr im Hier und Jetzt sind, da sie zeitlos sind.