Einst war der Hellweg, die wohl bekanntesten Handels- und Heerstraße durch Westfalen. Den Hellweg soll es schon vor über 5000 Jahren, in der Jungsteinzeit gegeben haben und Karl der Große ließ ihn wohl im Mittelalter ausbauen. Eine zumeist im Dunklen liegende, lange Geschichte verbindet also all diese Ortschaften. Und was haben wir heute davon: Zuerst einmal (vollkommen unromantisch, mit wenig Thrill oder Mystery) die A40. Aber, viel spannender für alle Bookies: Europas größtes internationales Krimifestival „Mord am Hellweg“! Vom 19.09. bis zum 14.11. wird es wieder das große Festival der Kulturregion Hellweg geben, in dem zahlreiche Städte gemeinsam die Bühne für Vorlesungen und anderen Aktionen mit über 100 Veranstaltungen und mehr als 200 Autoren geben. Wer mehr möchte oder wer vielleicht nicht dorthin kann, geht nicht leer aus. Für ihn und sie wurde der eindrucksvolle Band „Hellweg XII“ herausgegeben, in dem zahlreiche bekannte Autoren spannende, abstruse, witzige, humorvolle und zeitweise sehr düstere und dunkle Geschichten dieser Gegend erzählen. Wunderbare Geschichten von Mord und Todschlag für dunkle Herbstabende.
Da habt ihr den Salat: … denn jetzt bin ich tot | Jasmin Mrugowski und Nadine Opitz
Wie schreibt man ein Ratgeberbuch über ein zentrales Thema des Lebens, das jeder/jede so lange wie möglich von sich fernhalten möchte? Ein Thema, das zu den großen Tabus unserer Gesellschaft gehört – einer Gesellschaft, die täglich versucht Vitalität, ewige Jugend und ein aktives Leben in den Mittelpunkt all unserer Aufmerksamkeit und all unserer Interessen zu stellen. Wie nähert man sich dem eigenen Ableben? Wie nähert man sich gedanklich seinem eigenen Tod?
Jasmin Mrugowski und Nadine Opitz geben uns unterhaltsam und sachlich, aber auch mit einer Portion Humor, Witz und freundlichem Sarkasmus eine fabelhafte Antwort auf diese Frage. „Da habt ihr den Salat: … denn jetzt bin ich tot“ ist ein unterhaltsamer, informativer, umsichtiger und auch sensibler Lesegenuss, geschrieben mit der nötigen Empathie. Und für wen? Für uns alle, denn wir alle sollten uns mit unserem Ableben bei Lebzeiten auseinandersetzen, denn unser unausweichliches Sterben hat nicht nur Konsequenzen für uns, sondern auch für unsere Liebsten, für unsere Angehörigen. Was geschieht mit unserem Hab und Gut, unserem letzten Willen und schließlich auch mit uns? Viele Aspekte eröffnen sich da und plötzlich gibt es viel zu durchdenken, sehr klar zu artikulieren und zu äußern, damit wir nicht doch noch im Tod entmündigt werden. Ein sinnvolles und vielseitiges Buch, mit nützlichen Tipps, das die Konsequenzen für alle, die mit unserem Ableben zu tun haben können, einmal vor Augen hält. Endlich einmal ein wirklich nützlicher, am Leben orientierter Ratgeber, den es lohnt durchzuarbeiten. Und Stück für Stück werden uns unsere eigenen Wünsche und Ansichten rund um unseren eigenen Tod, immer deutlicher. All dies wird zu einem guten Anlass dies vielleicht einmal mit unseren engsten Menschen zu besprechen und uns zu artikulieren. Also ein absolut sinnvolles, sehr intelligentes Buch, adressiert an uns alle.
Die Totenfrau – Die Rückkehr | Bernhard Aichner
Sie ist zurück! Bernhard Aichners Totenfrau. Und mit “Blum” (wie sie kurz und bündig heißt) sollte man sich nicht anlegen. Man sollte sie nicht unterschätzen und es erscheint, dass sie immer wieder unterschätz wird.
Jetzt lebt sie – fern ab von Innsbruck – unentdeckt und inkognito als Skipperin in Kroatien. Ihr altes Leben hat sie hinter sich gelassen. Aber die Gefahr, dass es sie einholt, ist stetig da. Nur Reza, ihr ehemaliger Angestellter, Vertrauter und höchst loyaler Freund lebt dieses Leben mit ihr gemeinsam.
Bernhard Aichner startet (für seine Verhältnisse fast) langsam. Doch schon bald gibt es den ersten Toten und es scheint eine Entführung gegeben zu haben. Gibt es einen Zusammenhang? Blum muss handeln und es scheint, dass einige Informationen zurückhalten werden. Ausgerechnet von der Klientel an Menschen, die schon zuvor zu oft auf Blums Wegen standen: Reiche Männer, die keine Rücksicht auf andere Menschen nehmen – für die Ausbeutung zum natürlichen Lauf des Lebens gehört.
Aber nicht mit Blum. Und damit beginnt eine Kette von Ereignissen, wie wir sie in Aichners Thrillern lieben: Abstrus, chaotisch, unvorhersehbar und Grenzen überschreitend.
Was wird passieren? Es wird eskalieren, das ist klar.
Irrenhaus am Ende der Welt | Julian Sancton
Die Reise der Belgica in die dunkle antarktische Nacht erschienen bei Malik/Piper (Rezensionsexemplar, also Werbung)…
Auf dem Fahrrad um die Welt | Lion Kruse
Es mag für viele oberflächlich als entspannt und mit Leichtigkeit verknüpft sein, wenn jemand erwähnt, er würde seine Strecken mit dem Fahrrad erledigen. Das dies aber beim Vorhaben die Welt umfänglich zu erkunden nicht der Fall ist, wird uns bei der Lektüre des Autors und Weltenabenteurers Lion Kruse schon auf den ersten Seiten deutlich. Wer wirklich auf diese Art und Weise in die Realitäten anderer Kontinente, Länder, Gesellschaften eintauchen möchten, braucht Vorbereitung auf vielfältige Weise und den nötigen Mut aus seiner Komfortzone herauszukommen.
Lion Kruse nimmt uns auf seine abenteuerlichen Reisen mit. Es geht dabei darum, mit dem Fahrrad die Welt zu erkunden, zu sehen und vielfach zu verstehen. Dabei bildet Autor Kruse mit seinem Freund und vielfach auch Leidensgenossen Addy, das Team 4wheels. Ein Team wie Ying und Yang, in dem jeder seine verschiedene Persönlichkeit und Skills einbringt. Das literarische Ergebnis ist ein wunderbarer Reisebericht unserer Zeit und unserer Welt, der unsere Perspektiven – und somit auch eigenen Grenzen – deutlich erweitert.
Blaues Land – Über Leben mit der AfD | Olaf Sundermeyer
Dadurch, dass ich im (fast) äußersten Westen unseres Landes wohne, ist das „Blaue Land“ für mich nicht nur geistig, sondern auch geografisch weit weg und sehr, sehr fremd. Zwar gibt es natürlich auch in meiner Heimat Menschen, die die AfD wählen, jedoch kann man hier (noch?) von einer deutlichen Minderheit sprechen. Olaf Sundermeyer berichtet uns, gekonnt und professionell, aus dem nun scheinbar „Blauen Land“, aus dem Osten Deutschlands, wo die AfD seit ihrem Bestehen immer mehr Zulauf bekommen hat. Seit 20 Jahren berichtet er von dort, lange bevor es die Partei gab und hat die Entwicklungen der heutigen Strukturen, hautnah, miterlebt. Pegida, die großen Proteste gegen die Flüchtlingspolitik (gegen das „Wir schaffen das“), die Proteste gegen die Coronamaßnahmen, Auswüchse der irregulären Zuwanderung, Angst vor Krieg und Inflation, Proteste der Bauern – ja, es zeigt sich im Rückblick deutlich der große Nährboden der Unzufriedenheit, des Pessimismus, des Unverständnisses und der daraus resultierenden Wut. Sundermeyers Buch ist ein gutes Buch für alle, die den Aufstieg der in Teilen als rechtsextrem rechtlich angesehenen Partei, besser verstehen wollen und gleichzeitig ist es ein deutlicheres Plädoyer, sich inhaltlich mit den Beweggründen der Wähler dieser Partei auseinanderzusetzen. Die Parolen der Partei fielen vor allem dort im Osten (aber nicht nur dort) auf einen vorbereiteten Boden.
Die Last der Sonne“ – Die Kriege der OvaHerero und Nama gegen die deutsche Kolonialherrschaft | Matthias Häussler
Deutschlands Rolle als Kolonialmacht wurde lange, lange Zeit sehr heruntergespielt, d.h. man stellte sie als relativ belanglos gegenüber den großen Kolonialmächten wie England oder Frankreich dar. Schließlich war man als (in vielfacher Hinsicht) verspätete Nation, erst spät auf dem „Weltmarkt“ der Verteilung der Kolonien angekommen. Und dann mussten die Deutschen auch „früh“ ihre Kolonien – nach dem 1. Weltkrieg – wieder abgegeben, so dass die Rolle als Kolonialmacht doch nur wie ein kleines Intermezzo in der Geschichte erschien. Nichtsdestotrotz zeigt gerade der Umgang mit dem als „Hereroaufstand“ in unseren Geschichtsbüchern betitelten Krieges, gegen eine fast schutzlose Bevölkerung in Namibia, die menschenverachtende Brutalität, mit der unsere Vorfahren der einheimischen Bevölkerung gegenübertraten. Das Vorgehen des deutschen Militärs zwischen 1904 bis 1908, war der erste Genozid des 20. Jahrhunderts. Wir haben – und dies geschieht glücklicherweise endlich auf vielen Ebenen in den letzten Jahren – die deutliche Aufgabe uns dieser Geschichte zu stellen.
Matthias Häussler hat uns dazu ein klar wissenschaftliches, akademisches Buch geschrieben. Und dies in dem Gedanken (wie er es in seinem Vorwort ausdrückt), dass eine anzustrebende Erinnerungskultur nur durch das Zutun vieler kulturschaffender Zweige erschaffen werden kann und dass dieses Buch, einen Teil dessen dazu einbringen soll, was die Wissenschaft in den letzten Jahren schuldig geblieben ist. Ein hoher Anspruch also, den der Autor an sich selbst stellt und dem er in akribisch recherchierten Kapiteln nachkommt.
Henry V | Dan Jones
Fakten zu sammeln ist in der Geschichtsschreibung das Handwerk, das man, wie jedes Handwerk erlernen kann. Dazu muss man Akten und Urkunden und andere Primär- und Sekundärquellen lesen, verstehen, analysieren und auch einordnen können. Und dazu benötigt man ein Vorwissen, das man in seinem Handwerk gelernt haben muss. Umso größer dieses Vorwissen, umso besser, genauer und umfangreicher ist die Möglichkeit der Interpretation der Quellen – die Möglichkeit die Geschichte besser zu verstehen und nachvollziehen zu können. Aber wie gesagt: das ist alles Handwerk – das sollte jeder, der ein Geschichtsbuch schreibt beherrschen.
Jetzt kommen wir aber zum fabelhaften englischen Historiker Dan Jones. Denn die wahre Kunst der Geschichtsschreibung ist: Geschichte erzählen zu können! Sie zu erwecken, sie lebendig zu machen. Und vor allem sie für die Menschen seiner eigenen Zeit zu einer Wichtigkeit zu machen, bei der es sich lohnt, sich mit dieser auseinanderzusetzen. Und das ist die Erzählkunst, die (leider) noch lange nicht jeder Historiker besitzt. Dan Jones ist mit seiner Art Geschichte darzustellen, absolut vielen Historikern voraus. Seine Bücher sind voller Spannung, mitreißend, mit allen Bereichen eines Thrillers. Wer dies für maßlos übertrieben hält, möge sich seinem neusten Werk nähern. Was erst einmal wie eine dröge Biographie über einen der vielen englischen Könige des Mittelalters wirkt, ist hier wie ein Familiendrama, voller Intrigen, ist wie eine Justiz-, Agenten- oder Historiendrama voller Waffengängen und Fehlentscheidungen, ist wie ein Actionfilm und so vieles mehr. Auch „Henry V“ ist wieder einmal ein grandioses Geschichtswerk des Multitalents Dan Jones, der nicht nur Historiker im üblichen Sinne ist, sondern auch erfolgreicher Dokumentarfilmer. Das in England, nach wie vor, die Geschichtsabteilungen der Buchläden so riesig und vielfältig sind, hat viel damit zu tun, dass es dort so gute Autoren gibt. Wir sollten in Deutschland endlich davon lernen.
Brandmauer | Herausgegeben von Stefan Aust und Rafael Seligmann
Frei nach der Gretchenfrage ist die aktuelle Frage in der Bundesrepublik 2026 „Wie hältst du`s mit der AfD?“ Und die Dauerantwort aus vielen politischen Ecken Deutschlands heißt: „Brandmauer!“ Aber wie wirksam ist diese angeblich demokratische „Brandmauer“, wenn wir erkennen müssen, dass die AfD immer mehr Wählerstimmen erhält. Drei große Wahlen stehen direkt vor uns: In Sachsen-Anhalt, in Berlin und in Mecklenburg-Vorpommern. Und gerade in Sachsen-Anhalt kann die AfD die stärkste politische Kraft werden.
Einer der bekanntesten Journalisten Deutschlands, Stefan Aust und Redakteur Rafael Seligmann haben sich Schwergewichte der bundesdeutschen Politikszene für ein besonderes Buch dazugeholt. Darunter vielfach Personen des öffentlichen Lebens, die nicht noch Karriere machen wollen (und denen es daher vielleicht auch nicht um ihre Person geht), sondern die sich durch Kontinuierlichkeit in ihren Ämtern und/oder durch konsequentes Handeln einen wirklich positiven Ruf in der deutschen Bevölkerung erarbeitet haben. Ein Typ Mensch, den man ansonsten auf der politischen Bühne zurzeit (scheinbar) schwer findet.
So hören wir hier z.B. den langjährige SPD-Vorsitzenden (2009 bis 2017) Sigmar Gabriel, Reiner Haseloff, den ehemaligen Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt (2011 bis 2026), Christian Ude, der über 20 Jahre lang als SPDler Oberbürgermeister von München war oder Margot Käßmann, die ehemalige EKD-Vorsitzende, die einst Konsequenzen aus einem Fehlverhalten zog und eindrucksvoll von ihrem Amt zurück trat. Sie gilt daher, nach wie vor, als moralische Instanz. Aber auch viele, viele andere interessante Menschen, die nun ihren – durchweg spannenden – Blick, erklären. Ein großer Rundumschlag verschiedenster Perspektiven auf das als „Brandmauer“ benannte Verhalten der Parteien, die man – je nach Sichtweise – etablierte Parteien, demokratische Parteien, Parteien der Mitte oder Altparteien nennt, und ihrem Umgang mit der Partei (oder dem Phänomen) AfD, die unsere Demokratie in den Grundfesten zurzeit herausfordert.
Düster | Ivar Leon Menger
Nachdem Ivar Leon Menger sich in den letzten Jahren sehr wandelbar in den Ausrichtungen seiner Thriller gezeigt hat, hat er nun mit „Düster“ erstmals eine Art Fortsetzung eines früheren Thrillers (seines Werks „Finster“) geschrieben. Wir dürfen gespannt sein, ob dies der Anfang einer längeren Serie sein wird. Die Grundlage, mit einem neugierigen Ex-Polizisten, der keine Ruhe findet, wenn etwas seine Aufmerksamkeit gewinnt, hat er sich geschaffen. Hans J. Stahl hat etwas von einer männlichen Miss Marple. In „Düster“, das merkt man deutlich, entwickelt Menger seinen Protagonisten stringent weiter. Stahl wird kantiger, marottenhafter und man kann sich sehr gut vorstellen, wie noch so manche „Stahlfälle“ auf uns zukommen, auch wenn die Hauptperson schon 73 Jahre alt ist. Vielleicht ein etwas später Einstieg für eine Buchreihe. Aber wer weiß? Vielleicht erhalten wir noch Fälle in der Retrospektive, zum Beispiel vom „Jungen Inspektor Stahl“.
Mengers Thriller einzuordnen fällt schwer, denn er bewegt sich zwischen Coziness, wenn es um Stahl und seine Lebensgefährtin Geli geht und brutalem Psychothriller à la Fitzek, wenn es um die dunkle Geschichte der Kindheit seines Täters oder den düsteren Umsetzungen seiner Morde geht. Menger spielt gekonnt alle Oktaven auf der ganzen Klaviatur des Thrillerwesens. Das macht das Buch abwechslungsreich und ähnlich wie es in der Musik mit Dur- und Mollakkorden ist, wirkt alles besonders durch den geschaffenen Kontrast. Es gibt Momente, in denen wir aufatmen können, nachdem wir gerade wieder einmal einen Mord miterleben mussten. Das gibt dem Buch einen dauerhaften, guten und weiterdrängenden Lesefluss.