Das Jahr 1986 war ein Jahr voller weltgeschichtlicher Katastrophen. Für mich war es das Jahr, in dem ich erstmals als Schüler des 10. Schuljahrs auf Abschlussfahrt die DDR und Ost-Berlin kennenlernte. Das war alles sehr bedrückend und beklemmend. Dieses Gefühl stellte sich nun direkt wieder ein, als ich nun durch Katrin Reisers Kriminalroman „Der Fall Fechtner“ wieder in diese besondere zeitliche Situation hineingeworfen wurde. Reisers Werk bietet einen wundervollen Zugang zu einem Teil der deutsch-deutschen Geschichte jener Zeit, den es nach wie vor gilt aufzuarbeiten, denn so viele Familiengeschichten wurde durch die Teilung in zwei sehr verschiedene Staaten durcheinandergewirbelt. Aber das Buch ist mehr als ein Roman (wie es auf dem Cover betitelt wird), es ist die Aufarbeitung der sehr persönlichen Geschichte der Autorin. Wie im Buch, ist Reisers Vater 1986 unter seltsamen Umständen in der DDR verstorben. Dies ist also nun ihr literarischer Umgang mit dieser Geschichte. Heraus kam ein Werk, dessen Anspruch – sich nämlich einer möglichen Realität anzunähern – man deutlich durchweg anmerkt.
Wie ein Fluss in der Nacht | Tana French
Seitdem ich 2007 Tana Frenchs erstes Buch „In the Woods“ (auf Deutsch „Grabesgrün“ als Taschenbuch in den Händen hielt, verfolge ich den Werdegang der irischen Ausnahmeautorin. Allen Neuerscheinungen fieberte ich schon Monate vor dem Erscheinen entgegen. Ich gebe zu, dass der Bruch von ihren ungewöhnlichen Thrillern zu der derzeitigen Serie rund um den ehemaligen Cop Cal (beginnend mit The Searcher“/ “Der Sucher“, 2020) wirklich erst einmal literarisch für mich schwer zu verkraften war. Aber heute und gerade mit dem neusten Werk, Band III, „Wie ein Fluss in der Nacht“ bin ich nun endgültig in dieser „Welt“, in dieser besonderen Atmosphäre angekommen (obwohl ich zugeben muss, dass ich dem Stil ihrer frühen Werke nachtrauere). Zwar wird das Werk auf seinem Cover als „Roman“ angekündigt, aber es ist bei weitem kein reiner Roman. Im Kern ist es ein Kriminalroman, mit immer wieder aufkommenden Thriller-Vibes. Alles ruhig, mit subtilem Thrill und somit sehr kunstvoll umgesetzt. Hier schreibt eine Meisterin ihres Faches. Ein Buch, das einen leise durch die Geschichte lockt, von Situation zu Situation. Und wir sind ganz nah bei diesen Menschen.
Mord am Hellweg XII | herausgegeben von Nadine Buranaseda und Heiner Remmert
Einst war der Hellweg, die wohl bekanntesten Handels- und Heerstraße durch Westfalen. Den Hellweg soll es schon vor über 5000 Jahren, in der Jungsteinzeit gegeben haben und Karl der Große ließ ihn wohl im Mittelalter ausbauen. Eine zumeist im Dunklen liegende, lange Geschichte verbindet also all diese Ortschaften. Und was haben wir heute davon: Zuerst einmal (vollkommen unromantisch, mit wenig Thrill oder Mystery) die A40. Aber, viel spannender für alle Bookies: Europas größtes internationales Krimifestival „Mord am Hellweg“! Vom 19.09. bis zum 14.11. wird es wieder das große Festival der Kulturregion Hellweg geben, in dem zahlreiche Städte gemeinsam die Bühne für Vorlesungen und anderen Aktionen mit über 100 Veranstaltungen und mehr als 200 Autoren geben. Wer mehr möchte oder wer vielleicht nicht dorthin kann, geht nicht leer aus. Für ihn und sie wurde der eindrucksvolle Band „Hellweg XII“ herausgegeben, in dem zahlreiche bekannte Autoren spannende, abstruse, witzige, humorvolle und zeitweise sehr düstere und dunkle Geschichten dieser Gegend erzählen. Wunderbare Geschichten von Mord und Todschlag für dunkle Herbstabende.
Da habt ihr den Salat: … denn jetzt bin ich tot | Jasmin Mrugowski und Nadine Opitz
Wie schreibt man ein Ratgeberbuch über ein zentrales Thema des Lebens, das jeder/jede so lange wie möglich von sich fernhalten möchte? Ein Thema, das zu den großen Tabus unserer Gesellschaft gehört – einer Gesellschaft, die täglich versucht Vitalität, ewige Jugend und ein aktives Leben in den Mittelpunkt all unserer Aufmerksamkeit und all unserer Interessen zu stellen. Wie nähert man sich dem eigenen Ableben? Wie nähert man sich gedanklich seinem eigenen Tod?
Jasmin Mrugowski und Nadine Opitz geben uns unterhaltsam und sachlich, aber auch mit einer Portion Humor, Witz und freundlichem Sarkasmus eine fabelhafte Antwort auf diese Frage. „Da habt ihr den Salat: … denn jetzt bin ich tot“ ist ein unterhaltsamer, informativer, umsichtiger und auch sensibler Lesegenuss, geschrieben mit der nötigen Empathie. Und für wen? Für uns alle, denn wir alle sollten uns mit unserem Ableben bei Lebzeiten auseinandersetzen, denn unser unausweichliches Sterben hat nicht nur Konsequenzen für uns, sondern auch für unsere Liebsten, für unsere Angehörigen. Was geschieht mit unserem Hab und Gut, unserem letzten Willen und schließlich auch mit uns? Viele Aspekte eröffnen sich da und plötzlich gibt es viel zu durchdenken, sehr klar zu artikulieren und zu äußern, damit wir nicht doch noch im Tod entmündigt werden. Ein sinnvolles und vielseitiges Buch, mit nützlichen Tipps, das die Konsequenzen für alle, die mit unserem Ableben zu tun haben können, einmal vor Augen hält. Endlich einmal ein wirklich nützlicher, am Leben orientierter Ratgeber, den es lohnt durchzuarbeiten. Und Stück für Stück werden uns unsere eigenen Wünsche und Ansichten rund um unseren eigenen Tod, immer deutlicher. All dies wird zu einem guten Anlass dies vielleicht einmal mit unseren engsten Menschen zu besprechen und uns zu artikulieren. Also ein absolut sinnvolles, sehr intelligentes Buch, adressiert an uns alle.
Die Totenfrau – Die Rückkehr | Bernhard Aichner
Sie ist zurück! Bernhard Aichners Totenfrau. Und mit “Blum” (wie sie kurz und bündig heißt) sollte man sich nicht anlegen. Man sollte sie nicht unterschätzen und es erscheint, dass sie immer wieder unterschätz wird.
Jetzt lebt sie – fern ab von Innsbruck – unentdeckt und inkognito als Skipperin in Kroatien. Ihr altes Leben hat sie hinter sich gelassen. Aber die Gefahr, dass es sie einholt, ist stetig da. Nur Reza, ihr ehemaliger Angestellter, Vertrauter und höchst loyaler Freund lebt dieses Leben mit ihr gemeinsam.
Bernhard Aichner startet (für seine Verhältnisse fast) langsam. Doch schon bald gibt es den ersten Toten und es scheint eine Entführung gegeben zu haben. Gibt es einen Zusammenhang? Blum muss handeln und es scheint, dass einige Informationen zurückhalten werden. Ausgerechnet von der Klientel an Menschen, die schon zuvor zu oft auf Blums Wegen standen: Reiche Männer, die keine Rücksicht auf andere Menschen nehmen – für die Ausbeutung zum natürlichen Lauf des Lebens gehört.
Aber nicht mit Blum. Und damit beginnt eine Kette von Ereignissen, wie wir sie in Aichners Thrillern lieben: Abstrus, chaotisch, unvorhersehbar und Grenzen überschreitend.
Was wird passieren? Es wird eskalieren, das ist klar.
Irrenhaus am Ende der Welt | Julian Sancton
Die Reise der Belgica in die dunkle antarktische Nacht erschienen bei Malik/Piper (Rezensionsexemplar, also Werbung)…
Auf dem Fahrrad um die Welt | Lion Kruse
Es mag für viele oberflächlich als entspannt und mit Leichtigkeit verknüpft sein, wenn jemand erwähnt, er würde seine Strecken mit dem Fahrrad erledigen. Das dies aber beim Vorhaben die Welt umfänglich zu erkunden nicht der Fall ist, wird uns bei der Lektüre des Autors und Weltenabenteurers Lion Kruse schon auf den ersten Seiten deutlich. Wer wirklich auf diese Art und Weise in die Realitäten anderer Kontinente, Länder, Gesellschaften eintauchen möchten, braucht Vorbereitung auf vielfältige Weise und den nötigen Mut aus seiner Komfortzone herauszukommen.
Lion Kruse nimmt uns auf seine abenteuerlichen Reisen mit. Es geht dabei darum, mit dem Fahrrad die Welt zu erkunden, zu sehen und vielfach zu verstehen. Dabei bildet Autor Kruse mit seinem Freund und vielfach auch Leidensgenossen Addy, das Team 4wheels. Ein Team wie Ying und Yang, in dem jeder seine verschiedene Persönlichkeit und Skills einbringt. Das literarische Ergebnis ist ein wunderbarer Reisebericht unserer Zeit und unserer Welt, der unsere Perspektiven – und somit auch eigenen Grenzen – deutlich erweitert.
Blaues Land – Über Leben mit der AfD | Olaf Sundermeyer
Dadurch, dass ich im (fast) äußersten Westen unseres Landes wohne, ist das „Blaue Land“ für mich nicht nur geistig, sondern auch geografisch weit weg und sehr, sehr fremd. Zwar gibt es natürlich auch in meiner Heimat Menschen, die die AfD wählen, jedoch kann man hier (noch?) von einer deutlichen Minderheit sprechen. Olaf Sundermeyer berichtet uns, gekonnt und professionell, aus dem nun scheinbar „Blauen Land“, aus dem Osten Deutschlands, wo die AfD seit ihrem Bestehen immer mehr Zulauf bekommen hat. Seit 20 Jahren berichtet er von dort, lange bevor es die Partei gab und hat die Entwicklungen der heutigen Strukturen, hautnah, miterlebt. Pegida, die großen Proteste gegen die Flüchtlingspolitik (gegen das „Wir schaffen das“), die Proteste gegen die Coronamaßnahmen, Auswüchse der irregulären Zuwanderung, Angst vor Krieg und Inflation, Proteste der Bauern – ja, es zeigt sich im Rückblick deutlich der große Nährboden der Unzufriedenheit, des Pessimismus, des Unverständnisses und der daraus resultierenden Wut. Sundermeyers Buch ist ein gutes Buch für alle, die den Aufstieg der in Teilen als rechtsextrem rechtlich angesehenen Partei, besser verstehen wollen und gleichzeitig ist es ein deutlicheres Plädoyer, sich inhaltlich mit den Beweggründen der Wähler dieser Partei auseinanderzusetzen. Die Parolen der Partei fielen vor allem dort im Osten (aber nicht nur dort) auf einen vorbereiteten Boden.
Die Last der Sonne“ – Die Kriege der OvaHerero und Nama gegen die deutsche Kolonialherrschaft | Matthias Häussler
Deutschlands Rolle als Kolonialmacht wurde lange, lange Zeit sehr heruntergespielt, d.h. man stellte sie als relativ belanglos gegenüber den großen Kolonialmächten wie England oder Frankreich dar. Schließlich war man als (in vielfacher Hinsicht) verspätete Nation, erst spät auf dem „Weltmarkt“ der Verteilung der Kolonien angekommen. Und dann mussten die Deutschen auch „früh“ ihre Kolonien – nach dem 1. Weltkrieg – wieder abgegeben, so dass die Rolle als Kolonialmacht doch nur wie ein kleines Intermezzo in der Geschichte erschien. Nichtsdestotrotz zeigt gerade der Umgang mit dem als „Hereroaufstand“ in unseren Geschichtsbüchern betitelten Krieges, gegen eine fast schutzlose Bevölkerung in Namibia, die menschenverachtende Brutalität, mit der unsere Vorfahren der einheimischen Bevölkerung gegenübertraten. Das Vorgehen des deutschen Militärs zwischen 1904 bis 1908, war der erste Genozid des 20. Jahrhunderts. Wir haben – und dies geschieht glücklicherweise endlich auf vielen Ebenen in den letzten Jahren – die deutliche Aufgabe uns dieser Geschichte zu stellen.
Matthias Häussler hat uns dazu ein klar wissenschaftliches, akademisches Buch geschrieben. Und dies in dem Gedanken (wie er es in seinem Vorwort ausdrückt), dass eine anzustrebende Erinnerungskultur nur durch das Zutun vieler kulturschaffender Zweige erschaffen werden kann und dass dieses Buch, einen Teil dessen dazu einbringen soll, was die Wissenschaft in den letzten Jahren schuldig geblieben ist. Ein hoher Anspruch also, den der Autor an sich selbst stellt und dem er in akribisch recherchierten Kapiteln nachkommt.
Henry V | Dan Jones
Fakten zu sammeln ist in der Geschichtsschreibung das Handwerk, das man, wie jedes Handwerk erlernen kann. Dazu muss man Akten und Urkunden und andere Primär- und Sekundärquellen lesen, verstehen, analysieren und auch einordnen können. Und dazu benötigt man ein Vorwissen, das man in seinem Handwerk gelernt haben muss. Umso größer dieses Vorwissen, umso besser, genauer und umfangreicher ist die Möglichkeit der Interpretation der Quellen – die Möglichkeit die Geschichte besser zu verstehen und nachvollziehen zu können. Aber wie gesagt: das ist alles Handwerk – das sollte jeder, der ein Geschichtsbuch schreibt beherrschen.
Jetzt kommen wir aber zum fabelhaften englischen Historiker Dan Jones. Denn die wahre Kunst der Geschichtsschreibung ist: Geschichte erzählen zu können! Sie zu erwecken, sie lebendig zu machen. Und vor allem sie für die Menschen seiner eigenen Zeit zu einer Wichtigkeit zu machen, bei der es sich lohnt, sich mit dieser auseinanderzusetzen. Und das ist die Erzählkunst, die (leider) noch lange nicht jeder Historiker besitzt. Dan Jones ist mit seiner Art Geschichte darzustellen, absolut vielen Historikern voraus. Seine Bücher sind voller Spannung, mitreißend, mit allen Bereichen eines Thrillers. Wer dies für maßlos übertrieben hält, möge sich seinem neusten Werk nähern. Was erst einmal wie eine dröge Biographie über einen der vielen englischen Könige des Mittelalters wirkt, ist hier wie ein Familiendrama, voller Intrigen, ist wie eine Justiz-, Agenten- oder Historiendrama voller Waffengängen und Fehlentscheidungen, ist wie ein Actionfilm und so vieles mehr. Auch „Henry V“ ist wieder einmal ein grandioses Geschichtswerk des Multitalents Dan Jones, der nicht nur Historiker im üblichen Sinne ist, sondern auch erfolgreicher Dokumentarfilmer. Das in England, nach wie vor, die Geschichtsabteilungen der Buchläden so riesig und vielfältig sind, hat viel damit zu tun, dass es dort so gute Autoren gibt. Wir sollten in Deutschland endlich davon lernen.