Deinen Koffer für den Urlaub am Mittelmehr schon gepackt? Wenn es nach Kroatien geht, passt bestimmt noch ein Buch mit hinein. Ich selbst war vor langer, langer Zeit in Istrien und wurde nun wieder in die wunderbare, sommerliche Landschaft zurückkatapultiert. Mit ihrem zweiten Krimi rund um die Commissaria Iva Markulin „Der kalte Sog des Meeres“ hat Autorin Ines Calic es wieder einmal geschafft, etwas mehr als den „normalen“ Urlaubskrimi zur Unterhaltung an langen Strandtagen oder Urlaubsabenden zu kreieren. Calic Werk ist mehr ein ausgefeilter Krimi rund um mafiöse Strukturen, Korruption und Machtmissbrauch. Wer „nur“ einen durchschnittlichen Urlaubskrimi erwarten hat, wird hier mit einer ausgefeilten Geschichte und sehr typischen kroatischen Charakteren belohnt. Das macht Spaß, hat Atmosphäre und – falls jemand dies, wie ich, in Deutschland liest – bringt ein wenig Sonne, Strand und Meer auch in unsere Gefilde.
Ich geh jetzt los und bring mich um | Fang Fang
Das Leben in den Familien Chinas mag uns sehr fern vorkommen. Unzweifelhaft ist dort jedoch, dass in der traditionellen Sicht auf die Aufgabeverteilung einer chinesischen Familie die Schwiegertöchter quasi das unterste Glied bilden. In einer durch und durch patriarchalen Struktur, hat dann auch die Schwiegermutter noch über die Schwiegertochter, die nach der Heirat in die Familie einzieht, zu bestimmen. Die Vorstellung dort ist grundsätzlich davon geprägt, dass die Schwiegertochter in ewiger Dankbarkeit gegenüber der älteren Generation und auch gegenüber ihrem Mann und seiner ganzen Familie, täglich zu zeigen und zu zelebrieren hat.
Autorin Fang Fang stellt uns diese – zeitweise absurde – Situation der verheiraten Frauen in den durch Tradition geprägten Familien in ihrem kurzen Roman (ca. 160 Seiten) in makaberer und wunderbar ironischer Art da. Denn selbst als die Hauptperson He Hanqing ihrer Umgebung deutlich macht: „Ich geh jetzt los und bring mich um“, ist dies für die anderen Familienmitglieder bei weitem keine Aufforderung auf den verzweifelten Hilferuf freundlichen oder zugewandt zu reagieren, sondern es folgt nur die nüchterne Erkenntnis, dass man ihr dies auch nicht zutraut.
Der rote Berg | Herbert Peltzer
Die schleichende Umsetzung von sich steigernder Diskriminierung, Ausgrenzung, Entmenschlichung und Entwürdigung im täglichen Leben im faschistischen Deutschland der 1930er Jahre, mag im ländlichen Bereich noch einmal ein ganz anders Gesicht gehabt haben, als in den großen Städten. Hier, wo jeder jeden zu kennen glaubte, fühlten sich die Menschen vielleicht weit aus sicherer und erst recht ahnte niemand, dass es zu Exzessen gegenüber der eigenen Familie, Nachbarn oder Bekannten kommen konnte. Vor allem, da man sich doch – zum Beispiel in der ländlichen Region der Eifel – im bekannten katholischen Milieu bewegte, in dem das Leben im Rahmen der großen Traditionen so sehr gefestigt erschien. Wer sollte hier Angst haben, dass Unmenschlichkeit, Repressalien und Brutalität die dörfliche Gemeinschaft Stück für Stück zerlegen würden?
Herbert Pelzer macht uns in seinem Roman „Der rote Berg“ sehr deutlich, dass eine dörfliche Gesellschaft, die vielleicht etwas naiv auf die Neuerungen reagiert, genauso einem neuen Zeitgeist zum Opfer fallen kann, wie die, oft durch Anonymität geprägte, städtische Gesellschaft. Vielleicht ist es genau diese menschliche Nähe im Dorf, die „den Wolf im Schafspelz“ erst weitaus später erkennt, und ihm daher zuvor mehr freien Lauf ließ. Und plötzlich erhält dieser historische Roman etwas sehr Aktuelles, denn vielleicht neigen auch wir dazu, Menschen, die uns nicht so bekannt sind, deutlicher als Faschisten zu erkennen und zu bezeichnen, als die Menschen in unserer direkten Nähe.
Berengar | Ich bin Barbarossas Klinge | Michael Römling
Eigentlich beginnt in diesem literarischen Genre alles mit der großen Arthus-Saga, verfasst im Hochmittelalter. Mit ihren vielen Erzählungen, Erweiterungen und endlosen Versionen, die die Leser ihrer Zeit in den Bann zieht und bis heute nicht loslässt, unserer Fantasie immer wieder großen Raum gibt. Und wer liebt nicht die großen Abenteuerromane von Ivanhoe oder in Comicform den edlen Prinz Eisenherz. Die Motive sind gleich, die Ideale, wie die der Ritterlichkeit, Gerechtigkeit, Freundschaft, Verlässlichkeit, dem Heldenmut oder der Ehre sind zeitlos und nach wie vor, bei den Herrschenden unerreicht. Michael Römling greift diese in seinem mitnehmenden Werk „Berenger – ich bin Barbarossas Klinge“ in sehr moderner Art auf. Wir sind hier nicht auf den britischen Inseln. Aber er macht Kaiser Friedrich Barbarossa zu einer Art Richard Löwenherz des römisch-deutschen Reichs. Die Zeit passt. Und überhaupt passt hier sehr viel zusammen. Römlings historischer Roman versteht sich als Abenteuerroman. Und dies ist er durch und durch. Als Leser wird man all abendlich in eine ferne Zeit gezogen, darf bei Schoten und Schlachten dabei sein. Römling stellt uns dabei kein blutgetränktes, brutales, dunkles, dreckiges Mittelalter dar. Nein! Ganz in der Art der klassischen Rittergeschichten geht es hier, wie dort, um die Normen und Werte, die eigentlich über den Egoismen der Politik bei den Herrschenden stehen sollen. Und bei aller Spannung hat man dann zeitweise das Gefühl, dass seine Aussagen sehr im Hier und Jetzt sind, da sie zeitlos sind.
Deutschland ist es wert | David Matei (Simon Biallowons)
Es ist einfach gegen etwas zu sein, denn man muss dies (fast) nicht rechtfertigen. „Ich mag das nicht“, „Kommt für mich nicht in Frage“ oder „Ich bin grundsätzlich dagegen” beenden schnell alle Diskussionen, ja, lassen sie einfach nicht zu. Wie schwer ist es dann öffentlich für etwas zu sein, was vom Grundsatz immer in die Diskussion geht, denn es geht im wahrsten Sinne des Wortes um Leben und Tod. Es geht darum, wie wir weiter in Frieden leben können und Krieg vermeiden. Wir, der wir in der – mit Abstand – längsten Friedensphase Europas leben und uns die umfänglichen Konsequenzen von Krieg, Terror, Vernichtung, Zerstörung, höchste Verluste materieller und menschlicher Art und absolute Unfreiheit nicht mehr vorstellen können.
Aber nach über 80 Jahren Frieden und großem Wohlstand, gibt es wieder eine spürbare Kriegsgefahr. Verteidigen wir uns? Wer verteidigt uns? Es ist mutig dann zu sagen: Ich bin für eine Armee und ich werde dort auch dienen.
David Mateis Anliegen klingt ehrlich. Er wirkt authentisch und er ist engagiert. Engagiert für unser Land. Daher sollten wir ihm zuhören, egal welche eigenen Auffassungen wir erst einmal haben. Wer bereit ist unser aller Freiheit zu verteidigen, hat unser aller Aufmerksamkeit verdient.
Ein absolut aktuelles Buch. Ein Buch mit Haltung, was zu Diskussion und zum Zuhören auffordert. Gerade daher tut es der Diskussion so gut.
Der Gastgeber | Alex March
Als ständiges Mitglied des National Trust liebe ich es, jedes Jahr durch die Herrenhäuser Englands zu streichen und das Flair der englischen Upper-Class vergangener Jahrhunderte nachzuempfinden, die Dekadenz zu belächeln und mich selbst ein wenig herrschaftlich zu fühlen. Aber ich habe auch große Ehrfurcht vor den wunderbaren architektonischen Leistungen und natürlich vor den fabelhaften Gartenanlagen, die so viel Kreativität widerspiegeln. Jetzt erhalten wir in „Der Gastgeber“ unsere Einladung zu einem Krimidinner der besonderen Art. Wir begleiten Colin Alcott, der die Rolle des ungebetenen Gasts erhalten hat, hinüber zu einer Insel, auf das Herrenhaus Brighton Manor. Tja, wer geht nicht gerne zum Krimidinner? Autorin Alex March bringt uns das Krimidinner quasi nach Hause. In Form dieses Thrillers werden wir Zeugen eines makabren Spiels und vielleicht sind wir auch Teil des Spiels? Alles halt wie beim Krimidinner! Gerne würde ich schon mehr verraten, aber wer hier öfter vorbeischaut weiß: Hier wird nicht gespoilert. Das Spiel muss schon jeder selbst durchleben.
Vier Minuten Stille – und dann kam der Sturm | Chris Warnat
Ist das ein Thriller? Oh, ja! Auch, wenn wir doch sprachlich und im Storytelling eigentlich etwas anderes erwarten. Thriller kann auch leiser, Thriller kann auch langsamer und all dies nimmt ihm nichts von der Spannung, vom Thrill. Zwar erfindet Chris Warnat den Thriller nicht neu, aber sie definiert ihn in vielen Nuancen anders. Und das macht ihren Thriller nicht zur Fast-Food-Lektüre, wie wir sie in diesem Genre, aufgrund des Überangebots, so oft finden. Nein, ihr Thriller besticht durch eine ungewöhnliche Mischung. Ein Thriller, der sich die Zeit nimmt in wohlplatzierten Worten und wohltemperierten, ausgefeilten Sätzen, die uns gekonnt mit einer ganz spezifischen Atmosphäre umgarnen, langsam einspinnt. „Vier Minuten Stille“ ist nicht nur ein Spannungserlebnis, sondern auch literarisch ein Leseerlebnis. Eine Fundgrube für alle, die Spaß an Sprache haben. Und in dieser sprachlichen Raffinesse erinnert das Werk manchmal doch eher an einen Roman. Und das mag den ein oder anderen Leser, der die Geschwindigkeit des klassischen anglo-amerikanischen Thrillers sucht und mag, vielleicht etwas holprig durchs Buch führen.
Dschingis Kahn – Der Fürst des Unermesslichen | Gisela Graichen und Matthias Wemhoff
Sein Weltreich war das größte Reich, das jemals in der Geschichte der Menschheit existierte und trotzdem ist uns hier in Mitteleuropa die Geschichte des Dschingis Kahns so wenig präsent. Das sollte nicht sein, denn sein Einfluss auf die weiteren Wege der Weltgeschichte sind immens. Dschingis Kahns Reich zerfiel nicht, wie das von Alexander oder Napoleon. Nein, es lebte auch nach seinem Tode weiter. Insofern ist es gut zu wissen, dass es 2027, 800 Jahre nach seinem Ableben, eine große Ausstellung über den großen Kahn in Berlin geben wird. Als beste Vorbereitung (oder wenn man nicht dorthin kommen kann) und um die doch großen Lücken für die meisten geschichtsinteressierten in Europa zu schließen, haben Gisela Graichen und Matthias Wemhoff jetzt eine Biografie veröffentlicht, die mehr einem Abenteuerroman gleicht als einer Biografie (die bei Geschichtslern ja schnell sehr trocken und rein faktisch sein kann). Dschingis Kahns Geschichte ist wie geschaffen als Vorlage für eine Netflix-Serie. Sie ist Drama, voller Action und seltsamer Wendungen. Sie ist aber vor allem ein Eintauchen in eine ferne Zeit, in eine ferne Kultur. Eine uns fremde Kultur, die vom Nomadentum geprägt war. Packend, oft wie fantastisch und verwunschen, und doch so menschlich, gibt uns das Buch tiefe, gute Einblicke. Ein Geschichtsbuch, das bestimmt auch Menschen, die ansonsten weniger im Bereich Geschichte unterwegs sind, beste Unterhaltung und Knowhow bietet.
Das unsichtbare Abkommen | Pedro Pérez-Iruela
Eine überwundene Diktatur ist für ein Volk wie ein kollektives Trauma, denn sie ist wie ein Sammelbecken der persönlichen Traumata der einzelnen Menschen aus diesen Zeiten. Schrecken, Angst, Mord, Folter und Totschlag geschehen und nur sehr wenig wird aufgeklärt, da nicht alle Informationen zugänglich sind. Vieles geschieht quasi hinter unsichtbaren Vorhängen. Nachfrage kann gefährlich sein. Alles liegt in diesem großen Dunkel, ein klarer Blick auf die Geschehnisse dieser Jahre ist unmöglich. Aber diese Schicksale, die hinter diesen Vorhängen liegen, lassen die Menschen nicht los, verfolgen sie ihr ganzes Leben, treiben sie an, um die ungelösten Ereignisse aufzuklären.
Pedro Pérez-Iruela hat mit „Das unsichtbare Abkommen“ einen fabelhaften historischen Politthriller in die 30er Jahre der Franco-Diktatur in Spanien gesetzt. Ein Land, das nach dem Bürgerkrieg unter dem Druck der kriegerischen Erwartungshaltungen der anderen faschistischen Regime in Deutschland und Italien steht und zutiefst beäugt wird, von den einflussreichen Demokratien, wie zum Beispiel dem britischen Staat. Ein Land, gezeichnet durch die Leiden dieser Zeit, in einer bedrückenden Atmosphäre des Wechsels und der sich immer weiter ausbreitenden Unfreiheit. Ein Land in Angst.
Die Vorkämpferinnen | Bianca Walther
Die Geschichtsschreibung ist in den letzten Jahren sehr fleißig in den Bereichen Feminismus, Frauen in der Geschichte und/oder der Biografien von Frauen, die ganz besondere Leistungen vollbracht haben (solange wir dies aufgrund zeitweise schlechter Quellenlagen überhaupt sehen und bewerten können) gewesen. Es gab und gibt sehr viel aufzuholen. So ist es wirklich ein Gewinn, dass Bianca Walther uns nun einen aktuellen Überblick über die Entwicklung zur und innerhalb der Frauenbewegung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts in ihrem Werk mit dem vielsagenden Titel „Die Vorkämpferinnen“ schenkt. Walther schafft die gute Mischung aus sachlicher Darstellung der Strukturen und ihrer Entwicklungen der Organisationen, sowie die sehr persönlichen und sehr nahbar nachzuempfindenden Lebenswege und Lebensbedingungen ihrer mutigen Heldinnen. Ein Buch, das so weitaus mehr ist als eine schnöde Auflistung von Fakten, sondern einen tiefen Einblick in die schwierigen Umstände und Kämpfe dieser Frauen zeigt. Ziel war – mal mehr, mal weniger – irgendwann Gleichberechtigung gegenüber der Männerwelt zu erhalten und somit das Patriarchat zumindest zu schwächen oder es vielleicht auch irgendwann hinter sich zu lassen. Gleichzeitig ist „Die Vorkämpferinnen“ eine wunderbare Zusammenstellung besonderer Charaktere, voller Zivilcourage und Tatendrang. Frauen, die sich für die Gesellschaft einsetzen – oft ohne Lohn, sondern sehr viel Spott und Hohn, Arroganz und Verachtung erfuhren. Aber ihr Tatendrang hat die Welt in den letzten 200 Jahren deutlich verändert. Wir bräuchten auch heute – auf vielen Ebenen – diesen mutigen Einsatz für unsere Gesellschaft. Und zwar von Männern und Frauen. Das macht „Die Vorkämpferinnen“ plötzlich noch aktueller als es ihr Thema an sich schon ist.