Die Reise der Belgica in die dunkle antarktische Nacht
erschienen bei Malik/Piper
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Dramen des menschlichen Scheiterns
Am 26. August 1897 läuft die Belgica unter dem großen Jubel der Bevölkerung aus dem Hafen Antwerpens aus. Geplant ist eine Expedition, um die unbekannte Antarktis zu erforschen. Diese Expedition soll der große Stolz des jungen Belgiens werden. Da der König die Fahrt nicht finanzieren wollte, hat Kommandant Adrien de Gerlache Spenden aus dem ganzen Volk gesammelt. Ganz Belgien erwartet nun einen Triumph. Diese nationale Euphorie ist aber vor allem eine große Last, die auf ihm liegt – scheitert er, so ist sein Ruf dahin. Ein Drama bahnt sich an und es soll noch schlimmer werden als erwartet.
Was fasziniert uns an dieser Geschichte? Natürlich sind es oft die Momente großer Siege, der großen Erfindungen, des großen Schritts für die Menschheit, die uns faszinieren. Aber auch – wie hier in diesem Fall – die Tragödien und die Dramen des menschlichen Scheiterns. Denn wir alle kennen Momente des Scheiterns. Und wenn dann Courage, Engagement und Anstrengung alle fortwährend vorhanden waren, dann ist das Scheitern noch verheerender. Dann gönnen wir diesen Menschen doch eigentlich so sehr den Sieg. Wir leiden mit ihnen und müssen doch den Weg in den Abgrund miterleben. Leben kennt nun einmal keine selbstverständliche Gerechtigkeit, kein selbstverständliches Happy-End.
Wer Geschichten liebt, wie die der Wager, der Bounty, der Terror oder der Endurance – wen die Geschichte der Erforschung der Welt im 19. Jahrhundert mitreißt und fesselt, der wird dieses Buch lieben.
Wie ein psychologisches Experiment
Autor Julian Sancton hat fabelhaft recherchiert. Darüber hinaus beherrschte er einen beeindruckenden Erzählstil, der oft mehr an einen Roman als ein Sachbuch erinnert und der so den Leser auf einer stürmischen Woge durch das Buch trägt. Erzähltechnisch geschickt, schafft er immer wieder, uns in Spannung zu bringen. Das ist alles fern ab von dem, was viele sich unter einem Sachbuch vorstellen. „Irrenhaus am Ende der Welt“ ist ein echter Page-Turner. So beginnt Sancton damit uns erst einmal die wichtigsten Charaktere vorzustellen. Darunter z.B. Kommandanten de Gerlache, Schiffsarzt Cook und den noch jungen Roald Amundsen, der später die Sicht der Welt verändern wird. Doch noch ist er ein norwegischer, 24-jähriger Nobody. Die Darstellung der Charaktere ist wichtig, denn es geht hier nicht nur um den äußeren Verlauf der Expedition, sondern vor allem um die psychischen Auswirkungen und Belastungen auf die Besatzung. Auf engstem Raum leben hier die verschiedensten Mentalitäten, Charaktere (und hier auch ausschlaggebend Nationalitäten) zusammen. Kommunikationsprobleme und Konflikte sind vorprogrammiert und wenn es keine klare Autorität und/oder Ordnungsmacht gibt, dann droht Anarchie. All dies ist also mehr als ein Abenteuer auf dem Meer. Es ist wie ein psychologisches Experiment der menschlichen Belastbarkeit. Nur, dass es hier wirklich um Leben und Tod geht. So wird es tatsächlich zum „Irrenhaus“.
Abenteuer und Gefahren
„Irrenhaus am Rande der Welt“ ist schon jetzt eines der Lese-Highlights im Sachbuchbereich dieses Jahres 2026. So gelingt es Sancton mit Bravour uns ein Szenario zu vermitteln, was einem shakespeareschen Drama nicht nachsteht. Ein wunderbares Buch für die kommenden, länger werdenden dunklen Abende, zum Eintauchen in eine ferne Welt, in die damals noch unbekannte und unberührte Antarktis, zum Eintauchen in Abenteuer und Gefahren.