Dadurch, dass ich im (fast) äußersten Westen unseres Landes wohne, ist das „Blaue Land“ für mich nicht nur geistig, sondern auch geografisch weit weg und sehr, sehr fremd. Zwar gibt es natürlich auch in meiner Heimat Menschen, die die AfD wählen, jedoch kann man hier (noch?) von einer deutlichen Minderheit sprechen. Olaf Sundermeyer berichtet uns, gekonnt und professionell, aus dem nun scheinbar „Blauen Land“, aus dem Osten Deutschlands, wo die AfD seit ihrem Bestehen immer mehr Zulauf bekommen hat. Seit 20 Jahren berichtet er von dort, lange bevor es die Partei gab und hat die Entwicklungen der heutigen Strukturen, hautnah, miterlebt. Pegida, die großen Proteste gegen die Flüchtlingspolitik (gegen das „Wir schaffen das“), die Proteste gegen die Coronamaßnahmen, Auswüchse der irregulären Zuwanderung, Angst vor Krieg und Inflation, Proteste der Bauern – ja, es zeigt sich im Rückblick deutlich der große Nährboden der Unzufriedenheit, des Pessimismus, des Unverständnisses und der daraus resultierenden Wut. Sundermeyers Buch ist ein gutes Buch für alle, die den Aufstieg der in Teilen als rechtsextrem rechtlich angesehenen Partei, besser verstehen wollen und gleichzeitig ist es ein deutlicheres Plädoyer, sich inhaltlich mit den Beweggründen der Wähler dieser Partei auseinanderzusetzen. Die Parolen der Partei fielen vor allem dort im Osten (aber nicht nur dort) auf einen vorbereiteten Boden.
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Der andere Arthur | Liz Moore
Zu Beginn eine einfache, selbstverständliche, aber enorm wichtige Aussage: Dieses Buch ist nicht „Der Gott des Waldes“. Diese Aussage soll nicht wertend sein, sie soll nur dem möglichen Leser mitteilen, dass er hier nicht etwas suchen möge, was er im Ausnahmewerk von Liz Moore zuvor erlebt hat. „Der andere Arthur“ ist auf vielen Ebenen anders. Was aber bei der fabelhaften Liz Moor wieder besticht, ist ihr wunderbarer, fließender, uns weitertreibender Schreibstil. Das ist hohe Kunst ohne Allüren, unaufgeregt, aber fesselnd. Als Leser hat man ständig den Drang fortzuschreiten. Es fällt uns sehr, sehr schwer das Buch zur Seite zu legen und damit die Protagonisten allein zurückzulassen – in ihrer Einsamkeit zu lassen. Denn das ist eines der Themen dieses leisen Buchs: traurige, einsame Menschen – ihre Gedanken, Ängste vor der Welt, vor anderen Menschen und ihre durchlebten Verletztheiten und immer präsente Verletzlichkeit. Daraus resultiert oft ihre Reaktion auf die Welt, die Wahrheit zurückzuhalten, eine neue – vermeintlich bessere – Wahrheit zu erfinden. Doch all diese Lügen isolieren sie mehr. Liz Moore hat einen intelligenten, durchdringenden Blick auf unsere westlichen Gesellschaften. Das macht dieses Buch – neben einer besonderen Geschichte – lesenswert.
Sapiens | Yuval Noah Harari
ch hatte es noch nicht gelesen, aber sehr viel darüber gehört: „Sapiens“ vom genialen Oxforder Professor Yuval Noah Harari. Es stand schon lange auf meiner Bücherwunschliste! Und so nahm ich nun die (erweiterte) Neuauflage, welche in diesem Jahr anlässlich des ersten Erscheinens vor 10 Jahren auf dem deutschen Büchermarkt herausgebracht wurde, zum Anlass, es endgültig zu lesen.
Ich gebe zu – ich bin begeistert und verstehe die Begeisterung rund um den Autor! Harari hat einen fabelhaften, unterhaltsamen Schreibstil, der die oft trockenen Fakten intelligent und auch mit feiner Ironie präsentiert. Zudem besticht er mit einem wunderbaren kritischen Blick – manchmal auch mit Nachsicht – auf die Menschheit und ihre Geschichte. Hier ist nicht nur ein Historiker am Werk, sondern auch ein Philosoph. So wie Harari erzählt, haben wir das Gefühl von etwas Großem und Großartigen zu hören. Seine Begeisterung für diese Geschichte reißt uns mit. Er sprüht förmlich! Umsichtig, faktenreich und mit Wortgeschick und -witz. Kein Buch, dass man zwischendurch mal ein paar Minuten liest, es hat mir sofort immer Stunden genommen und währenddessen viele, viele neue Perspektiven gegeben. Gerne hätte ich einige Semester bei diesem faszinierenden Historiker studiert – aber ich habe zumindest dieses Buch, das ich in naher Zukunft noch einmal lesen werde.
Harari erzählt die Geschichte der Menschheit, indem er die revolutionären Entwicklungsschritte und deren Erfindungen (wie z.B. sesshaft zu werden, Schrift, Verwaltung, etc.) hinterfragt. Nicht jeder Schritt war ein Ergebnis eines voll umfassenden, durchdachten Handelns, sondern oft Konsequenz vorheriger Handlungen oder eines vorläufigen Glaubens an einen Fortschritt oder einer Sicherheit. So sind wir fern ab eines Masterplans der Entwicklung, sondern mehr in einem (sehr menschlichen) „Try and Error“ und der Weg zurück (wenn es mal nicht so gut gelaufen ist) fällt uns halt mehr als schwer. Es ist die Geschichte eines Wesens mit Verstand, das aber auch sehr geprägt ist durch vorschnelle Fehler.