Erschienen im Diogenes Verlag (Rezensionsexemplar, also Werbung) Nie ohne Empathie für seine Protagonisten Wir scheinen…
Schlagwort: Roman
Gelb, auch ein schöner Gedanke | Nefeli Kavouras
Mit der letzten Seite dieses Buches habe ich wohl eines der eindrucksvollsten Werke, die ich in diesem Jahr bisher gelesen, abgeschlossen. Ein Buch, das nach seiner letzten Zeile lange nachhallt. Ein Buch, das man verdauen muss, nicht wegen Schrecklichkeiten, sondern wegen der Tiefe seiner Worte und Personen, seiner Atmosphäre, der angesprochenen Emotionen und deren Intensität und Authentizität. Zwischenzeitlich war es immer wichtig, einmal tief Luft zu holen, um seine eigene Lebendigkeit zu spüren.
„Gelb, auch ein schöner Gedanke“ ist ein kleines literarisches Meisterwerk. Nefeli Kavouras´ assoziativer Schreibstil, der so sehr auf den Punkt bringt, wie z.B. ihre Protagonistin Ruth vom langen Sterbeprozess ihres Mannes – von den kleinen und großen Situationen – übernommen ist, macht fast sprachlos, lässt uns mitleiden – trifft uns mit voller Wucht. Wie Ruth selbst, können auch wir nicht aus dieser Situation entfliehen.
Alle ihre Sinne sind – gerade zu Beginn des Buches – permanent vollkommen auf „Habt-Acht“ gestellt. Es strömen zu viele Informationen in den Verstand, der diese nur wenig nach ihrer Wichtigkeit sortieren kann. Das ist ein Körper und Geist im permanentem Stresszustand, in Aussichtslosigkeit, Hilflosigkeit, Verzweiflung. Es ist meisterhaft, wie die Autorin dies erzählerisch umsetzt.
„Gelb, auch ein schöner Gedanke“ ist ein Buch über das Sterben, aber viel mehr über die, die dies begleiten und aushalten müssen.
Else | Katharina Zorn und Jasna Fritzi Bauer
Wir alle hatten wohl in den 60er und 70er Jahren (falls wir damals schon lebten) mindestens einen Willy in der Familie. Ja, und die Welt der Autos war männlich. Erst recht, wenn es um einen Mercedes ging! Mag der Name auch weiblich sein, der Fahrer war auf jeden Fall ein Mann. Alle Berufe rund ums Auto – der LKW-Fahrer, der Baggerfahrer, ja der Gabelstaplerfahrer (wie einer meiner Onkel) – ja, jeder, der hinter einem Steuer saß und etwas lenkte, die Richtung bestimmte, war „natürlich“ männlich. Und erst recht die Fahrer für andere: Busfahrer und natürlich Taxifahrer. Der Taxifahrer war eine Art Lonely Wolf der Großstadt, der jede Gasse kannte – der, wie autark, ganz allein in den großen Städten des Landes zurechtkam. Welch eine Revolution, wenn dann eine Frau als Taxisfahrerin in dieses Territorium eindrang. Wobei man trotz der Weiblichkeit, noch Taxifahrer gesagt hätte.
Katharina Zorn erzählt gemeinsam mit Filmemacherin Jasna Fritzi Bauer die Geschichte ihrer Oma Else, die diesen besonderen Weg ging. Eine Geschichte über eine sehr eigenewillige Frau, geschrieben aus einem zumeist sehr weiblichen Blick auf die damalige Gesellschaft der Bundesrepublik.
Die Legende | John Grisham
Ich muss es direkt zu Beginn zugeben: Dies war wirklich mein erstes John Grisham Buch. Natürlich habe ich viele, viele Gerichtsdramen auf der Grundlage des weltberühmten Autors in ihren Verfilmungen gesehen, aber ein Buch kam mir irgendwie – ohne bewusstes Zutun – bisher noch nicht auf den Tisch. Somit stellen sich für viele bestimmt sofort die Fragen: Wie war es? Hat es sich gelohnt? Und hat der Altmeister immer noch diese spannenden Geschichten zu erzählen? All diese Fragen möchte ich – vor meinen Ausführungen – sofort mit „Ja“ beantworten. Grisham ist ein solider Autor, der es auch nach Jahrzehnten noch schafft, Geschichten mit Tiefgang und Hintergrund zu entwickeln und zu erzählen. Grisham ist ein Meister der Unterhaltung und der Spannung. In seinem neusten Werk „Die Legende“ erzählt er, passend für unsere Zeit, eine Geschichte im Spannungsfeld zwischen ökonomischen und ökologischen Interessen, eine Geschichte über Rassismus und den Umgang der Lobbyisten mit Underdogs. Passend zur amerikanischen Gesellschaft 2025.
Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull | Thomas Mann
Die Felix Krulls sind in der Welt nicht weniger geworden- es werden zurzeit scheinbar immer mehr. Und schon immer hat uns dieser Menschentypus mit dem ausgeprägten Münchhausensyndrom – obwohl rücksichtslos und Schaden bringend – fasziniert. Sie sind verrucht, schamlos – aber sie haben scheinbar vor allem eines, was uns fasziniert: Eine riesige couragierte Freiheit (solange der lange Arm des Gesetzes sie nicht erreicht hat). Die direkten Nachfahren Krulls haben – wie er – auch das Potential zu Medienstars. Wie eine Hommage an ihre Lebenswerke erhielten Frank Abagnale, in Form eines Blockbusters („Catch me if you can“ mit Leonardo DiCaprio) oder aktuell Anna Delvey und Belle Gibson ihre eigenen Netflix-Serien.
Felix Krull ist charmant, besitzt Charisma. Lernt man ihn kennen, muss man ihn mögen. Sein ganzes Tun und Handeln kann er – bei aller Lüge, bei allem Betrug oder bei Diebstahl – auf fast altruistische Art und Weise rechtfertigen.
Der Gott des Waldes | Liz Moore
Erschienen im C.H.Beck-Verlag (Rezensionsexemplar, also Werbung) Highlight 2025 Es ist schon seltsam, wenn man im…
Herz der Finsternis | Joseph Conrad
„Ich kenne den Teufel der Gewalt, den Teufel der Gier und den Teufel glühenden Verlangens… Als ich jedoch an diesem Berghang stand, ahnte ich, daß ich im blendenden Sonnenschein dieses Landes einen schlaffen, heuchelnden, schwachsichtigen Teufel kennenlernen würde, von räuberischer, unbarmherziger Torheit.“
Kein Klassiker bringt uns den Ursprung des heutigen Elends, Leids, ja den Ursprung der Gewalt auf dem afrikanischen Kontinent wohl so nahe, wie Joseph Conrads „Herz der Finsternis“. Wieso? Ich denke, weil Joseph Conrad, der eigentlich Jozef Konrad Korzeniowski hieß, das, was er erzählte, wirklich erlebt hat. Zumindest sind Teile seines grandiosen und auch inhaltlich fürchterlichen Buches biographisch. Conrad ist in vieler Hinsicht ein Phänomen, erlernte er doch die englische Sprache erst mit Anfang zwanzig und verfasst dann in dieser Sprache dieses Werk – und auch andere – die Literaturgeschichte im anglo-amerikanischen Raum schreiben sollten. „Herz der Finsternis“ erzeugte über Jahrzehnte hinweg Kontroversen und wer es liest, wird dies bis heute verstehen. Nicht still wurden die Diskussionen um Auslegung, Wertung und/oder Verständnis. Es geht um Rassismus, chauvinistisches Sendungsbewusstsein und das Verschwinden von Menschlichkeit an diesem Ort. Dies alles gibt es natürlich nicht nur in Afrika (so konnte Francis Ford Coppola die Handlung in „Apocalypse Now“ nach Vietnam verlegen). Aber dort in Afrika hat diese Vergangenheit bis heute ihre Auswirkungen. Eine scheinbar immer wieder stattfindende Wiederauferstehung der brutalsten Gewalt, die Menschen anderen Menschen antun.
Orlando | Virginia Woolf
Als ich diesen Blog einmal gestartet habe, war ganz klar ein Ziel – neben vielen nie bewusst gewählten Zielen -, dass ich besondere Bücher vorstellen wollte. Heute habe ich mir für die Jubiläumszahl 250 sehr bewusst Virginia Woolfs großes, Werk „Orlando“ ausgesucht. Eigentlich sollte man überhaupt nicht versuchen, die literarische Kunst einer Virginia Woolf vorzustellen, sondern einfach das Werk empfehlen und es vollkommen für sich selbst sprechen lassen. Aber das schaffe ich dann doch nicht. Man möge mir verzeihen!
Virginia Woolfs „Orlando“ ist in seiner Sprache, seinen Beschreibungen, Vergleichen und Wortwitz, ein literarisches Kunst- und Meisterwerk. Aber vor allem das Thema der Geschlechtlichkeit katapultiert das Buch quasi in unserer Zeit! Macht es modern und gleichzeitig so wunderbar zeitlos! Orlando, der einst ein Mann war, verändert sich im Laufe des Buches zur Frau. Die Gründe nennt die vermeintliche Biografie nicht, aber diese sind auch nicht wichtig. Woolf schockiert damit 1928, heute zeigt sich ihre Vordenkerrolle. Das Relativieren des Geschlechts ändert alles literarische Denken rund um die Statik von Protagonisten.
Der Fänger im Roggen | J.D Salinger
Viel ist geschrieben worden über den Fänger im Roggen und wer ist eigentlich dieser Holden Caulfield. Dieser Ich-Erzähler, Teenager, der uns ganz unverblümt sagt, dass er nun mal immer lügt. Und dies zieht er in einer großmäuligen Art durch den gesamten Roman. Und dazu passiert auch nicht viel und es vergeht nicht viel Zeit – nur ein Wochenende. Aber dieser verlogene, großmäulige Teenager hat seinen eigenwilligen (oft arroganten) Blick, entwickelt seine Ansicht, wird unterschätz, schlägt quer und äußert dann plötzlich eine zutiefst dunkle Philosophie. J.D. Salingers Werk ist eine große Fundgrube – auch nach über 70 Jahren. Und dies nicht nur für die Menschen, die sich als gebildet und intellektuell ansehen und somit Klassiker lesen. Nein, auch nach wie vor für junge Menschen, die am Start des Lebens sind. Ein dynamischer Klassiker, der das Kontroverse nicht verloren hat. Auch, wenn die Zeit fern ist – seine Haltung ist generationsübergreifen und wahrscheinlich auch für GenZ eine Fundgrube: „Manchmal benehme ich mich um einiges älter, als ich bin – wirklich -, aber das merkt dann bloß keiner. Die Leute merken nie was.“ Holden ist halt zeitlos als junger Mensch sehr klar und unterhaltsam: „Aber man weiß nie – bei der Mutter von jemand, meine ich. Mütter sind alle leicht gestört.“
Wie ich unsterblich wurde | Nero Campanella
Wer will es nicht sein? Unsterblich! Unsterblich für die Menschheit! Das besondere Werk geschaffen, das vielleicht Jahrhunderte in die Menschheitsgeschichte nachhallte.
Nero Campanella kreiert Decker, der eigentlich ein Dilettant ist, aber Großes in sich spürt. Er erklärt uns, wie er unsterblich wurde.
Das Buch spielt während der Coronazeit und der Autor überfällt uns etwas damit, dass er die Hauptperson Decker vorstellt, indem er diesen sich erst einmal übergeben lässt. Decker ist ein etwas runtergerockter Typ. Aber auch ein etwas sensibler Mensch, dem bei heftigen Nachrichten direkt der Magen versagt. Nun ist er, Hegelianer und Schriftsteller, auf dem Weg ins tiefste Brandenburg – etwas fern ab. Eingeladen vom saarländischen Kultusministerium soll er ein Buch schreiben. In einer Villa mit einigen anderen Gästen, Pseudokünstlern, Pseudo Intellektuellen, haust er einige Wochen mit großem, kreativem Ziel. Decker hat sich nichts anderes vorgenommen als die Deutsche Gegenwartsliteratur in die Luft zu sprengen.