Die Geschichtsschreibung ist in den letzten Jahren sehr fleißig in den Bereichen Feminismus, Frauen in der Geschichte und/oder der Biografien von Frauen, die ganz besondere Leistungen vollbracht haben (solange wir dies aufgrund zeitweise schlechter Quellenlagen überhaupt sehen und bewerten können) gewesen. Es gab und gibt sehr viel aufzuholen. So ist es wirklich ein Gewinn, dass Bianca Walther uns nun einen aktuellen Überblick über die Entwicklung zur und innerhalb der Frauenbewegung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts in ihrem Werk mit dem vielsagenden Titel „Die Vorkämpferinnen“ schenkt. Walther schafft die gute Mischung aus sachlicher Darstellung der Strukturen und ihrer Entwicklungen der Organisationen, sowie die sehr persönlichen und sehr nahbar nachzuempfindenden Lebenswege und Lebensbedingungen ihrer mutigen Heldinnen. Ein Buch, das so weitaus mehr ist als eine schnöde Auflistung von Fakten, sondern einen tiefen Einblick in die schwierigen Umstände und Kämpfe dieser Frauen zeigt. Ziel war – mal mehr, mal weniger – irgendwann Gleichberechtigung gegenüber der Männerwelt zu erhalten und somit das Patriarchat zumindest zu schwächen oder es vielleicht auch irgendwann hinter sich zu lassen. Gleichzeitig ist „Die Vorkämpferinnen“ eine wunderbare Zusammenstellung besonderer Charaktere, voller Zivilcourage und Tatendrang. Frauen, die sich für die Gesellschaft einsetzen – oft ohne Lohn, sondern sehr viel Spott und Hohn, Arroganz und Verachtung erfuhren. Aber ihr Tatendrang hat die Welt in den letzten 200 Jahren deutlich verändert. Wir bräuchten auch heute – auf vielen Ebenen – diesen mutigen Einsatz für unsere Gesellschaft. Und zwar von Männern und Frauen. Das macht „Die Vorkämpferinnen“ plötzlich noch aktueller als es ihr Thema an sich schon ist.
Kategorie: Frauen in der Geschichte
Die Welt in ihren Händen | Oliver Guez
Es ist wunderbar zu sehen, dass in den letzten Jahren der Fokus auf die Leistungen vieler Frauen in der Geschichte immer mehr geschärft wird. Nicht nur im Sachbuchbereich, sondern auch durch die Romanform wird versucht, die außerordentlichen Leben vieler Frauen, ihren Mut, ihre Courage und somit ihren Versuch ein selbstbestimmtes Leben zu führen, zu erforschen und ins Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Natürlich war vielen die Engländerin Gertrud Bell schon zuvor bekannt, da sie zu den Privilegierten und Persönlichkeiten ihrer Zeit gehörte, die dadurch auch besondere Möglichkeiten hatte. Aber all dies soll ihre Leistungen nicht schmälern, denn auch für die Frauen der Upper-Class im Viktorianischen Zeitalter und auch danach war das „Korsett“ des Lebens sehr eng geschnürt, die Erwartungen auf einen Weg in Ehe mit Kindern, sehr eng. Um so mehr ist ihr beachtlicher Weg einer hohen Bildung und ihr Freiheitsdrang zu bewundern.
Erfolgsautor Oliver Guez hat sich nun in seinem neusten Roman dem Leben, Denken, Handeln und Schaffen der hochintelligenten Gertrud Bell in sehr feinfühliger Art genähert. Ein Roman zwischen Sachlichkeit und Emotion, der somit sehr passend zu Bell ist. Ihr Leben gleicht einem Abenteuerroman und zeitweise einem Spionagethriller. Denn sie war unter anderem als inoffizielle Mitarbeiterin des britischen Geheimdienstes während des 1. Weltkriegs im Orient – als Frau in gefährlicher Mission in einer absoluten Männerdomäne.
Eine Deutsche im Ukraine-Krieg – Das Fronttagebuch der Savita Diana Wagner |
Dies ist bei weitem kein alltägliches Buch. Wir wissen definitiv bereits vor der ersten Zeile: Das ist kein normales Sachbuch. Unsere Erzählerin wird ihren Einsatz in der Ukraine nicht überleben – sie wird sterben. Da es aber ein Sachbuch ist, wissen wir auch: Dies ist keine Fiktion. Es sind die Darstellungen der Realität von Savita Diana Wagner, die ausgezogen war, das in die Tat umzusetzen, was viele Politiker Europas propagieren, nämlich die Demokratien Europas in der Ukraine zu verteidigen. Und somit wird uns – bezogen auf dieses Buch – deutlich: Dies wird keine leichte Lektüre. Aber eines möge vorweg gesagt sein: Es wird eine sehr eindrucksvolle Lektüre, denn es ist bei weitem nicht vergleichbar mit den Nachrichten, aus dem mittleiweile seit über vier Jahren gequälten Land, das unter dem Angriffskrieg Russlands so sehr leidet. Mit Nachrichten, die vielleicht aufgrund des Täglichen, mittlerweile fast emotionslos an uns vorbeigleiten. Wir erleben hautnah, was Krieg in den 20er Jahren des 21. Jahrhunderts bedeutet, welche Folgen er für die Menschen dort hat und wie der Krieg (wenn er einmal begonnen hat) alles im Leben beherrscht. Und: Es gibt keine natürliche Gerechtigkeit. Krieg kennt keine Gerechtigkeit, er ist Brutalität, Zerstörung, unerbittlich, fordert alles von uns ab. Er hat hunderte Gesichter und kennt vor allem kein Happy End.
All das geht tief unter die Haut. Savita Wagners Buch ist ein Manifest, ist wie ein Testament, ein besonderes Erbe, eine wertvolle Hinterlassenschaft. All dies macht es mehrfach kostbar und zu einem ganz anderen Leseerlebnis.
Wenn der rechte Rand regiert | Sally Lisa Starken
Sally Lisa Starkens Werk „Wenn der rechte Rand regiert“ mag uns in der Aussage des gewählten Titels erst einmal erschrecken, doch der Inhalt des Buches macht Mut. Mut, dass es viele Menschen gibt, die sich aktiv für den Erhalt und die Verteidigung unserer westlichen Demokratien einbringen. Eindrucksvoll sind schon ihre analytischen Worte im Eingangsbereich des umsichtigen Buchs: „Es beginnt nicht mit dem Bruch der Verfassung, sondern mit der Erosion von Vertrauen.“ Genau darum geht es. Wieso verlieren so viele das Vertrauen in die Demokratie und glauben, die Lösung der alltäglichen Probleme unserer Gesellschaft in den Parolen des rechten Rands zu finden? Nur weil diese Antworten Null Intellektualität und Hirn benötigen?
Starken ist zu drei Playern gefahren, die den rechten Rand zu ihren Regierungen gewählt haben, um zu schauen, wie geht es den Menschen dort – wie lebt es sich im aufbauenden Neofaschismus und im gleichzeitigen Abbau der Demokratie. Und über allem schwebt die Frage: Was würde dies aus unserem Land machen, wenn z.B. die AfD die Regierung stellen würde? Kann man mögliche Analogien erkennen?
Dazu ging es für Starken in die trumpschen USA, in Melonis Italien und in das von der PiS-Partei jahrelang geprägte Polen. Was haben diese Länder gemein? Die rechten Parteien wurden gesellschaftsfähig und stellen (oder stellten) die Regierung. Wie kam es dazu? Wieso wählt eine Bevölkerung rechts konservative, ja faschistische Parteien an die Macht. Welche Beweggründe, welche Ängste stecken dahinter. Und was wird aus solchen Ländern?
Eine bewegende Expedition, die wir hier begleiten dürfen.
Genau so fängt es an | Eva Umlauf
Eva Umlauf hat mit 82 Jahren das dringende Gefühl weiterschreiben zu müssen. Sie, die jüngste Überlebende des KZ Auschwitz, die einfach das riesige Glück hatte, dass die Gaskammern schon zerstört waren als sie in Auschwitz ankam, mahnt uns:
Es ist 2026 und die Angst ist wieder da!
Denn es schreien in unserem Land viele wieder: Die Juden sind es schuld! Die Narrative sind die gleichen der ewig gestrigen, nur ins modernere Vokabular gesetzt. Auffallend ist jedoch, dass die Wut, die Aggression und somit die Gefahr von „rechts und links“ droht – ein deutliches Annähern der Extreme. Wo ist der Aufschrei der bürgerlichen Mitte?
“Genau so fängt es an” ist (wie der Untertitel es ankündigt) ein Apell – ein Weckruf an alle Demokraten in der Bundesrepublik, die vielleicht noch nicht merken, dass sich deutlich etwas geändert hat im Land. Und dies kommt nicht von irgendjemandem, sondern von einer Frau, deren ganzes Leben, Denken und Handeln vom Schrecken des Holocaust geprägt war und ist. Umso eindringlicher, authentischer und lauter klingen ihre Zeilen. Das ist wichtig und tut gut, denn wir, die wir alles dafür tun sollten unser Land nicht in die Extreme abdriften zu lassen, haben eine starke, ehrliche Stimme in dieser älteren Frau.
Messalina – Intrigen, Macht und Orgien im antiken Rom | Honor Cargill-Martin
Messalina ist wohl das historische Synonym für weibliche sexuelle, unkontrollierbare, exzessive und unstillbare Lust. Messalina ist die Top für Begriffe wie Untreue, Nymphoman – für die personifizierte moralische Verdorbenheit, gepaart mit der Dekadenz der römischen Cäsarendynastien. Sie ist einmalig. Aber die Frage bleibt beim heutigen Blick auf die Quellen, was können wir wirklich sagen? Was können wir vermuten? Es ist dann schon mehr als spannend, wenn eine junge Autorin, wie Honor Cargill-Martin, dieses, von männlichen Geschichtsschreibern geprägte Bild hinterfragt – fragt: Konnte das überhaupt sein? Oder erfahren wir hier eigentlich etwas über den römischen Blick auf Frauen? War Messalinas Fall aus der Höhe als Frau des Kaisers zum Todesurteil eigentlich nicht eine politische Intrige? Und sind nicht zumindest die exzessiven Sexgeschichten so absolut übertrieben? Sollten sie nicht eventuell spektakulär, aber vor allem rufvernichtend sein. Die Nymphomanin neben dem naiven, viel älteren Kaiser klingt mehr wie ein Trivialroman aus der Schmuddelecke der Geschichte und doch hat man die Geschichte lange so stehen lassen und wenig hinterfragt.
Trotzdem Zuhause | Tupoka Ogette
„Trotzdem Zuhause“. Es ist eine positive Motivation, die hinter dem „Trotz“ steckt, den Tupoka (die Betonung liegt auf der 2. Silbe) Ogette uns erklärt. Die Motivation, dass man zu einer Gesellschaft gehört, weil man dort aufgewachsen ist, Teil einer Gesellschaft ist, dort lebt und seine Familie dort haben möchte, gesehen und akzeptiert werden möchte und vieles mehr. Dann ist es bewunderungswürdig, wenn man den Widerständen „trotzt“. Und das ist anstrengend. Das wurde mir sehr bewusst im Laufe der beeindruckenden Lektüre dieses Buches. Es ist anstrengend und bedeutet immer wieder die Kraft zu finden.
In Schlaglichtern wird uns ein Leben vorgestellt, in dem die Hautfarbe immer eine Rolle spielte. Es ist befremdlich und bedrückend. Bedrückend ist der tägliche Rassismus. Der permanent ist und immer plötzlich in irgendeiner Form übergriffig werden kann. Bedrückend ist die eingeschränkte Freiheit zu Beginn dieses Lebens in der DDR. Eines von beiden würde das Leben schon schwer machen, sich zu entfalten. Aber beides zusammen quadriert sich in seiner Unfreiheit. So ist es gut, dass ihre Mutter mit ihr kurz vor der Wende nach Westberlin zieht.
Tupoka Ogettes Darstellung ihres Lebens, ihres Weges ist aber (und das gilt es zu würdigen) nicht eine Aneinanderreihung von Frustrationen, sondern eines Kindes, Teenagers, einer jungen Erwachsenen, die zumeist ein ganz normales Leben möchte. Sei es beim Kinderspiel, als „Backstreet Boys“-Fan oder als Erwachsene.
Hope in Action – Die Zukunft gehört uns | Sanna Marin
atürlich schreiben viele Politiker und Politikerinnen ihre Biografie, ihr Vermächtnis…aber mit 39?
Ja, denn Sanna Marin hat sehr viel zu erzählen. Sei es als ehemalige jüngste Regierungschefin einer westlichen Demokratie, sei es als Frau in der Politik, sei es als absolute Verfechterin eines funktionierenden und echten Sozialstaats. Als sie ihr Amt in Finnland 2019 antrat, war sie 34 Jahre alt und stand – so wie sie auch in allen anderen Industrienationen gestanden hätte – unter besonderer Beobachtung? So jung? Eine Frau und Mutter? Schafft sie das? Hält sie den Druck aus? Und was darf – nach gesellschaftlicher Meinung – eigentlich eine solche Frau in der Öffentlichkeit? Tanzen?
Die charismatische und intelligente Sanna Marin steht für eine neue Art der Politik, steht für eine neue Art von Frauen in der Politik. Somit ist der Titel ihres Buches fabelhaft passend gewählt: „Hope in Action – Die Zukunft gehört uns.“ Das wäre ihr und ähnlichen Vertreterinnen in der Politik zu wünschen.
Das Buch ist bei weitem keine reine Biografie, sondern Aufforderung, Erfahrungen, aktueller Blick auf die Welt. Bewundernswürdig ist die Motivation für die Demokratie, die so viel positive Energie ausstrahlt und die sie scheinbar – selbst nach deutlichen Rückschlägen und Niederlagen – sich nicht hat nehmen lassen. Es geht um Werte – sich nicht zu verbiegen.
Erinnern heißt Handeln | Ruth Weiss
Die Autobiographie der eindrucksvollen Journalisten und Schriftstellerin Ruth Weiss, ist bei weitem nicht die „normale“ Lebensgeschichte, die viele in der Öffentlichkeit stehenden Personen zum Ende ihres Lebens schreiben. Ruth Weiss, jüdisches Kind, aufgewachsen im Nazi-Deutschland, Journalistin im apartheitsgeprägtem Südafrika und dann im vereinigten Deutschland, setz ihr Leben in ihrer Autobiographie – fast wie interdisziplinär – in Verbindung mit ihrer Herkunft, ihrer Prägung als deutsche Jüdin, ihrem Anspruch als engagierte Journalistin und vor allem als Demokratin, die sich für die Unterdrückten und Rechtlosen einsetzte. All das ist für uns als Leser eindrucksvoll. Eindrucksvoll, wie diese, über einhundertjährige Frau, klar Stellung – auch zu aktuellen Themen – nimmt und Haltung zeigt. Ihr Lebensmotto hat sie zu ihrem Titel gemacht: „Erinnern heißt Handeln“. Und nach dieser deutlichen Aufforderung, hat sie ihr eigenes Leben gestaltet.
Lina Morgenstern – Die Geschichte einer Rebellin | Gerhard J. Rekel
Als Frau war es in den vergangenen Gesellschaften noch schwerer als heute, seine Anliegen zu artikulieren, durchzusetzen und ein Leben so zu leben, wie sie es sich selbst vorstellte. Erst recht war die Gesellschaft des Deutschen Kaiserreichs absolut durch das Patriarchat geprägt. Selbst die geringsten Versuche die Gesellschaft mitzuprägen und mitzugestalten, unterlagen juristischen Hürden. So war ihnen der Zugang zu Bildung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schwer möglich oder gar verwehrt. Auch konnten Frauen z.B. keine Vereine gründen oder in deren Vorständen beteiligt sein. Wie überaus beeindruckend ist es dann, sich mit dem Leben der Lina Morgenstern auseinanderzusetzen, deren Biografie Gerhard J. Rekel nun veröffentlicht hat. Lina Morgenstern wirkt hier in ihrer Umgebung, wie aus der Zukunft dorthin versetzt. Sie ist selbstbewusst, kreativ, voller Tatendrang für ihre sozialen Anliegen – sei es für Kinder oder die ärmsten Teile der Bevölkerung. Rückblickend hat man das Gefühl, dass Lina Morgenstern sich nie entmutigen lies und man fragt sich, woher die junge jüdische Frau die Courage, die Energie und ihren Ideenreichtum hatte. Dieser umtriebigen Person hat Rekel nun ein mitnehmendes und sehr vitales literarisches Denkmal gesetzt. Lina Morgenstern wirkt – trotz der fast 200 Jahren von uns weg – sehr modern, und für ihre Zeit überaus emanzipiert.