Es gibt Sachbücher, vor deren Umfang man schon vor dem Lesen große Ehrfurcht hat. Wenn sie dann durch Akribie in ihrer Umsetzung und eine Recherche, welche auf dem halben Globus stattfand, auch das entsprechende Niveau mitbringen und sprachlich einbahnfrei geschrieben sind, dann schlägt das Herz des geschichtsbegeisterten Lesers höher – entwickelt man einen großen Respekt vor dieser Leistung. Welch ein Werk hat uns William Dalrymple hier erstellt. Ein Werk, das zwischen den Archiven in London und Neu-Delhi, von Europa bis ins Ferne Asien erarbeitet wurde und allein schon so deutlich macht, dass es hier nicht nur um irgendein beliebiges historisches Wirtschaftsunternehmen geht. Es geht um einen gigantischen Globalplayer der Neuzeit, der das Gebaren eines Staates – mit eigener Armee, eigenen Kriegen, mit Unterdrückung bis hin zur menschenverachtenden, fast sklavischen Ausbeutung – in sich hatte. Dieses Unternehmen war über Jahrhunderte die East India Company. Ein wirtschaftlicher Staat im Staate des britischen Empires. Wenn ganze Teile des entscheidenden Parlaments auch Aktionäre bei einem solchen Unternehmen sind, dann weiß man über den Einfluss und die Macht dieses Unternehmens. Vergleichbar wäre dies vielleicht nur, wenn man die heutigen Unternehmen eines Elon Musks, Jeff Bezos und Bill Gates gemeinsam mit hochrangigen Politikern der republikanischen Partei in den USA zu einem Unternehmen zusammenfassen würde. Ohne die EIC ist die Geschichte des britischen Empires nicht denkbar. Ein spannendes Thema in einem spannenden Werk unter der sehr passenden Überschrift „Anarchie“.
Kategorie: Geschichte
Ketzer | Cathrine Nixey
Könnte Jesus ein jähzorniges Kind gewesen sein, das aus Bösartigkeit seine Zauberkräfte nutzte und ein anderes Kind tötete? Oder ein Mann, der einen seiner Anhänger als Sklaven verkaufte? Diese Quellen gibt es! Warum glauben wir unseren Quellen mehr als diesen? Weil wir sie erst gar nicht kennen.
Unser Bild über die Person Jesus Christus ist durch über 2000 Jahre kirchlicher Geschichte und geschickter Machtpolitik intensiv geprägt worden. Jesus ist der Frieden und Heil bringende Sohn Gottes. Aber dieses Image war klar gewollt – durch die Auslassung großer Teile der frühstens Quellen. Und hatte Jesus eigentlich die besondere Stellung mit den angeblichen Alleinstellungsmerkmalen? War er nicht vielmehr einer von vielen selbsternannten Söhnen Gottes? Ist seine Geschichte so einzigartig?
Nehmen wir auch die Zeilen der Apokryphen und zahlreicher antiken Quellen (wie z.B. Plinus den Älteren) dazu, ergibt sich schnell ein anderes Bild – plastischer, vielfältiger und irgendwie nicht mehr ganz so einzigartig.
Die bekannte Altphilologin und Journalistin Cathrine Nixey präsentiert auch in ihrem neusten Werk „Ketzer“, ähnlich wie in ihrem Ausnahmebuch „Heiliger Zorn“ zuvor, wieder beeindruckende Einsichten über die Auswirkungen des frühen Christentums. In diesem Werk geht es um den Kern selbst: Um Jesus Christus.
1776 – Der Sommer der Revolution | erschienen bei C.H. Beck
Von 1776 bis 2026 – es ist in diesem Sommer nunmehr 250 Jahre her, seit dem die amerikanischen Kolonien ihre Unabhängigkeitserklärung verabschiedeten. Ein Meilenstein in der Demokratiegeschichte der Moderne. 1776 war ein Schicksalsjahr für den Verlauf der Weltgeschichte und doch werden wir in diesem Sommer mit gemischten Gefühlen auf die Feierlichkeiten in den USA schauen. In unserer Zeit über die amerikanische Revolution, über die großen Ziele der Unabhängigkeit zu lesen und zu schreiben verbindet sich mit gemischten Gefühlen. Fehlt uns zurzeit nicht die Lust dazu, diesen großen historischen Sieg der Demokratie, der guten „Sache“ und die Bedeutung dessen auch für die Entwicklung hin zu unserer Demokratie irgendwie zu huldigen, wenn wir gleichzeitig täglich erleben, wie diese Demokratie abgebaut und ausgehöhlt wird? Wenn diese Demokratie durch einen Mann und seinem Haufen ad absurdum und pervertiert wird?
Es gibt aber viele „Genau-Deshalb-Gründe“. Z.B. um zu sehen, was aus Idealen werden kann, wenn man sie nicht pflegt und ausbaut. Um zu sehen, was passiert, wenn man Demokratie nicht weiterentwickelt. Vielleicht auch um zu sehen, wie sie untergeht oder sich erholen kann. Wichtig ist aber immer zu sehen, wie sie geschaffen wurde, wie viele Menschen sich aufmachen mussten. Und vor allem dürfen wir nicht die Lust an der Demokratie verlieren! Und genau diesen Geist versprüht das fabelhafte Werk „1776 – Der Sommer der Revolution“ von Pulitzerpreisträger Joseph J. Ellis. Aufbruch und Rebellion gegen Tyrannen und Könige, die Bereitschaft für seine Werte, seine Freiheit zu kämpfen, auch wenn man gegen die mächtigste Armee der Welt kämpft. Und das Gefühl, dass man – historisch betrachtet – in einem solchen Kampf in sehr guter Gesellschaft ist.
Das gibt wieder Hoffnung.
Genau so fängt es an | Eva Umlauf
Eva Umlauf hat mit 82 Jahren das dringende Gefühl weiterschreiben zu müssen. Sie, die jüngste Überlebende des KZ Auschwitz, die einfach das riesige Glück hatte, dass die Gaskammern schon zerstört waren als sie in Auschwitz ankam, mahnt uns:
Es ist 2026 und die Angst ist wieder da!
Denn es schreien in unserem Land viele wieder: Die Juden sind es schuld! Die Narrative sind die gleichen der ewig gestrigen, nur ins modernere Vokabular gesetzt. Auffallend ist jedoch, dass die Wut, die Aggression und somit die Gefahr von „rechts und links“ droht – ein deutliches Annähern der Extreme. Wo ist der Aufschrei der bürgerlichen Mitte?
“Genau so fängt es an” ist (wie der Untertitel es ankündigt) ein Apell – ein Weckruf an alle Demokraten in der Bundesrepublik, die vielleicht noch nicht merken, dass sich deutlich etwas geändert hat im Land. Und dies kommt nicht von irgendjemandem, sondern von einer Frau, deren ganzes Leben, Denken und Handeln vom Schrecken des Holocaust geprägt war und ist. Umso eindringlicher, authentischer und lauter klingen ihre Zeilen. Das ist wichtig und tut gut, denn wir, die wir alles dafür tun sollten unser Land nicht in die Extreme abdriften zu lassen, haben eine starke, ehrliche Stimme in dieser älteren Frau.
Messalina – Intrigen, Macht und Orgien im antiken Rom | Honor Cargill-Martin
Messalina ist wohl das historische Synonym für weibliche sexuelle, unkontrollierbare, exzessive und unstillbare Lust. Messalina ist die Top für Begriffe wie Untreue, Nymphoman – für die personifizierte moralische Verdorbenheit, gepaart mit der Dekadenz der römischen Cäsarendynastien. Sie ist einmalig. Aber die Frage bleibt beim heutigen Blick auf die Quellen, was können wir wirklich sagen? Was können wir vermuten? Es ist dann schon mehr als spannend, wenn eine junge Autorin, wie Honor Cargill-Martin, dieses, von männlichen Geschichtsschreibern geprägte Bild hinterfragt – fragt: Konnte das überhaupt sein? Oder erfahren wir hier eigentlich etwas über den römischen Blick auf Frauen? War Messalinas Fall aus der Höhe als Frau des Kaisers zum Todesurteil eigentlich nicht eine politische Intrige? Und sind nicht zumindest die exzessiven Sexgeschichten so absolut übertrieben? Sollten sie nicht eventuell spektakulär, aber vor allem rufvernichtend sein. Die Nymphomanin neben dem naiven, viel älteren Kaiser klingt mehr wie ein Trivialroman aus der Schmuddelecke der Geschichte und doch hat man die Geschichte lange so stehen lassen und wenig hinterfragt.
Die letzten Tage der Diktatur | Svenja Falk
Endlich – ja endlich ein aktuelles Buch, das sich mit diesen letzten Tagen der NS-Diktatur beschäftigt. Die wenigen, skurril anmutenden Tage des von Hitler in seinem politischen Testament zum Reichspräsidenten erhobenen Karl Dönitz und seiner “Regierung“, sind leider den meisten Werken über den Niedergang des selbsternannten „1000- jährigen Reichs“ nur einige Sätze wert. Was und wen regierte diese Gruppe von Flensburg aus eigentlich? Ein Thema, das oft vernachlässigt wird, weil es irgendwie nicht so offensichtlich den Schrecken den Schrecken in sich trägt und sich wie ein Staat als lebender Toter darbietet. Und doch ist es viel mehr. Die Ansammlung einer unendlichen Zahl von Versuchen die Deutungshoheit über das NS-Regime zu erlangen, vieles und viele reinzuwaschen, Fluchtmöglichkeiten zu geben, Menschen verschwinden zu lassen, ja sogar immer noch „Recht“ im Namen des Deutschen Volkes zu sprechen und vieles mehr. Vieles mutet seltsam an, viel Blindheit existiert immer noch. Aber auch viel Angst, da man weiß, dass die Zeit naht, in der man nun endgültig für seine Verbrechen einstehen muss.
Autorin Svenja Falk geht logisch, sachlich und chronologisch vor und hilft uns damit, einen sehr guten Überblick in diesen chaotischen letzten Kriegstagen zu behalten. All dies wirkt noch einmal wie ein Schmelztiegel des Nationalsozialismus, wenn in dem kleinen Flensburg mit ca. 70000 Einwohnern, die letzten Nazigrößen der oberen und mittleren Ebene, vereint mit tausenden, hilflos durch das Reich verschickten und verhungernden KZ-Häftlingen, mit fast 170.000 von Wehrmachtssoldaten, Spionen und vielen mehr zusammengepfercht irgendwie leben. Ein wichtiges und spanendes Buch, das so manche Facette dieser kleinen historischen Episode zeigt, die man zuvor noch nicht vermutet hat.
Frühe Franken | Oliver Schipp
Was uns doch immer umkreist ist die immerwährende Frage: Wo kommen wir her? Wer waren unsere Vorfahren, die unsere Siedlungslandschaft hunderte von Jahren prägten – die die “Grundsteine” vieler unserer Ortschaften legten. Und dies nicht nur geografisch, sondern oft auch sprachlich. Für mich als Niederrheiner ist die Auseinandersetzung mit den Franken eine Suche nach Antworten – danach meine Heimat mehr verstehen zu können. Ja, noch besser hinzuschauen. Oliver Schipps fabelhaftes, sehr fleißiges Werk, ist aber bei Weitem nicht nur ein Buch mit Antworten für die Menschen rechts und links des Rheins, sondern hilft ein besseres Verständnis vom Übergang der römischen Antike in unserem Land zu dem, was wir Mittelalter nennen, zu bekommen. Und deutlich wird, dass der angeblich harte Bruch zwischen diesen historischen Gedankenabschnitten, bei weitem eher ein schleichender Übergang war. Schipps Werk ist nicht nur ein Lesegenuss für alle Historiker, sondern ein wunderbares Abtauchen in eine Zeit, in der wir oft leider nur die römische Sichtweise auf einen Kriegerverband (denn die Franken bestanden aus Gruppen verschiedener bekannter Völker und Clans als sie im dritten Jahrhundert „auftauchten“) erhalten, der dann die große Macht an sich bringt. In den ersten 2 Jahrhunderten lebten noch keine Menschen am Niederrhein, die sich als Franken bezeichneten und so genannt wurden. Doch dann sollten sie die damalige Welt erheblich verändern.
Die Templer – Aufstieg und Untergang von Gottes heiligen Kriegern | Dan Jones
Wir ziehen wieder mit Dan Jones in ein Geschichtsabenteuer! Wohl kaum jemand schildert Geschichte so herrlich wie einen Abenteuerroman, wie der aus Film- und Fernsehproduktionen der BBC bekannte Autor Dan Jones. Jones hat die fabelhafte Gradwanderung zwischen seriöser Geschichtsschreibung und packender Abenteuererzählung zu seinem Marken- und Qualitätszeichen gemacht. Das ist plastisch, schnell, voller Action, bunt und voller unerwarteter Wendungen. Ja, so entstaubt und wunderbar emotional kann Geschichte sein! Wir tauchen ab ins hohe Mittelalter, erleben Reisen und Schicksale oder fahren – wie in diesem Buch über den so sagenhaften Orden der Templer – in den Nahen Osten, die Levante. Es ist immer wieder spannend zu sehen, welche beeindruckenden Quellen Jones gefunden hat. Große Teile sind Reiseberichte jener Zeit, die auf uns doch oft so wirken, als hätten ihre Verfasser uns sagen wollen, dass sie eine vollkommen neue Welt gefunden hätten. Und ihre Faszination, ihr Entdeckergeist sind bis heute in ihren Zeilen spürbar.
Papyrus | Irene Vallejo
Wer die Vorstellung zu diesem Buch hat, dass es um die Geschichte des Werkstoffs „Papyrus“ geht, dem sei gesagt: Es geht in diesem Buch um viel, viel mehr! Nämlich das, wofür „Papyrus“ steht: um Bücher, die Geschichte und Geschichten von Büchern und wie diese unsere Weltgeschichte mitgeprägt haben. Denn für Bücher und das, wofür sie stehen, wurden Feldzüge und Kriege geführt. Sie waren Inspiration, Antrieb, Start und Ziel. Man darf sie nicht unterschätzen. Eine Geschichte der Menschheit, ist auch eine Geschichte ihrer Bücher und ihrer Verhältnisse zu ihnen. Eine Geschichte von z.B. Bibliotheken, Archiven und Büchereien, von Schriften und dem Lesen, von den vielen Schriftarten, von der Macht des Wissens und so vielen Aspekten, die all dies begleiten.
Vallejos Reise in die Vergangenheit startet an dem Platz der Geschichte, den wohl jeder bibliophile Mensch in einer Zeitreise gerne besuchen würde: Der Bibliothek von Alexandria. Und es geht nicht nur um den Ort – Nein, es geht um die Idee dazu. Die Idee, alle Bücher der Welt zusammenzubringen. Vallejo zeigt, dass schon vor über 2000 Jahren den Herrschenden die Kraft und Macht von Büchern bewusst war.
Rom sei verflucht | Santiago Posteguillo
Mit seinem zweiten Band seiner Romanbiografie über Julius Cäsar „Rom sei verflucht“, hat der spanische Professor Santiago Posteguillo, ein sehr beeindruckendes Werk verfasst. Und für alle, die direkt fragen: Ja, man kann diesen (in Qualität und Quantität) umfangreichen Roman (von über 800 Seiten) auch dann lesen, wenn man nicht den ersten Band gelesen hat, da der Autor uns einen geschickten Rück- und Überblick auf den ersten Seiten über die Grundzüge des ersten Bands bietet. Posteguillos Werk wirkt – trotz seiner so großen Verschiedenheit – inhaltlich, wie ein Gegenpol zur großen Cicero-Trilogie von Robert Harris, denn wir sehen nun mehr durch die Brille des großen Cicero Rivalen: Julius Gaius Cäsar. Aber natürlich sind aufgrund der Charaktere und der Lebensgeschichten die Schwerpunkte der Romane sehr verschieden (erst recht der Erzählstil). Während bei Cicero die Politik, das strategischen Vorgehen im Senat und bei Gericht im Mittelpunkt stand, geht es in Cäsars Leben natürlich um seine militärische Laufbahn, das Ringen mit anderen militärischen und politischen Führern, aber vor allem um den Aufstieg zum mächtigsten und vielleicht charismatischen Politiker Roms. Sein Name wird nach ihm für tausende von Jahren für eine solche politische Macht stehen, sei es als Begriff Cäsar, Kaiser oder Zar. Und Santiago Posteguillo schafft es uns diesen Menschen, dieses Phänomen, sehr menschlich nahezubringen.