Die Reise der Belgica in die dunkle antarktische Nacht erschienen bei Malik/Piper (Rezensionsexemplar, also Werbung)…
Kategorie: Geschichte
Die Last der Sonne“ – Die Kriege der OvaHerero und Nama gegen die deutsche Kolonialherrschaft | Matthias Häussler
Deutschlands Rolle als Kolonialmacht wurde lange, lange Zeit sehr heruntergespielt, d.h. man stellte sie als relativ belanglos gegenüber den großen Kolonialmächten wie England oder Frankreich dar. Schließlich war man als (in vielfacher Hinsicht) verspätete Nation, erst spät auf dem „Weltmarkt“ der Verteilung der Kolonien angekommen. Und dann mussten die Deutschen auch „früh“ ihre Kolonien – nach dem 1. Weltkrieg – wieder abgegeben, so dass die Rolle als Kolonialmacht doch nur wie ein kleines Intermezzo in der Geschichte erschien. Nichtsdestotrotz zeigt gerade der Umgang mit dem als „Hereroaufstand“ in unseren Geschichtsbüchern betitelten Krieges, gegen eine fast schutzlose Bevölkerung in Namibia, die menschenverachtende Brutalität, mit der unsere Vorfahren der einheimischen Bevölkerung gegenübertraten. Das Vorgehen des deutschen Militärs zwischen 1904 bis 1908, war der erste Genozid des 20. Jahrhunderts. Wir haben – und dies geschieht glücklicherweise endlich auf vielen Ebenen in den letzten Jahren – die deutliche Aufgabe uns dieser Geschichte zu stellen.
Matthias Häussler hat uns dazu ein klar wissenschaftliches, akademisches Buch geschrieben. Und dies in dem Gedanken (wie er es in seinem Vorwort ausdrückt), dass eine anzustrebende Erinnerungskultur nur durch das Zutun vieler kulturschaffender Zweige erschaffen werden kann und dass dieses Buch, einen Teil dessen dazu einbringen soll, was die Wissenschaft in den letzten Jahren schuldig geblieben ist. Ein hoher Anspruch also, den der Autor an sich selbst stellt und dem er in akribisch recherchierten Kapiteln nachkommt.
Henry V | Dan Jones
Fakten zu sammeln ist in der Geschichtsschreibung das Handwerk, das man, wie jedes Handwerk erlernen kann. Dazu muss man Akten und Urkunden und andere Primär- und Sekundärquellen lesen, verstehen, analysieren und auch einordnen können. Und dazu benötigt man ein Vorwissen, das man in seinem Handwerk gelernt haben muss. Umso größer dieses Vorwissen, umso besser, genauer und umfangreicher ist die Möglichkeit der Interpretation der Quellen – die Möglichkeit die Geschichte besser zu verstehen und nachvollziehen zu können. Aber wie gesagt: das ist alles Handwerk – das sollte jeder, der ein Geschichtsbuch schreibt beherrschen.
Jetzt kommen wir aber zum fabelhaften englischen Historiker Dan Jones. Denn die wahre Kunst der Geschichtsschreibung ist: Geschichte erzählen zu können! Sie zu erwecken, sie lebendig zu machen. Und vor allem sie für die Menschen seiner eigenen Zeit zu einer Wichtigkeit zu machen, bei der es sich lohnt, sich mit dieser auseinanderzusetzen. Und das ist die Erzählkunst, die (leider) noch lange nicht jeder Historiker besitzt. Dan Jones ist mit seiner Art Geschichte darzustellen, absolut vielen Historikern voraus. Seine Bücher sind voller Spannung, mitreißend, mit allen Bereichen eines Thrillers. Wer dies für maßlos übertrieben hält, möge sich seinem neusten Werk nähern. Was erst einmal wie eine dröge Biographie über einen der vielen englischen Könige des Mittelalters wirkt, ist hier wie ein Familiendrama, voller Intrigen, ist wie eine Justiz-, Agenten- oder Historiendrama voller Waffengängen und Fehlentscheidungen, ist wie ein Actionfilm und so vieles mehr. Auch „Henry V“ ist wieder einmal ein grandioses Geschichtswerk des Multitalents Dan Jones, der nicht nur Historiker im üblichen Sinne ist, sondern auch erfolgreicher Dokumentarfilmer. Das in England, nach wie vor, die Geschichtsabteilungen der Buchläden so riesig und vielfältig sind, hat viel damit zu tun, dass es dort so gute Autoren gibt. Wir sollten in Deutschland endlich davon lernen.
Dschingis Kahn – Der Fürst des Unermesslichen | Gisela Graichen und Matthias Wemhoff
Sein Weltreich war das größte Reich, das jemals in der Geschichte der Menschheit existierte und trotzdem ist uns hier in Mitteleuropa die Geschichte des Dschingis Kahns so wenig präsent. Das sollte nicht sein, denn sein Einfluss auf die weiteren Wege der Weltgeschichte sind immens. Dschingis Kahns Reich zerfiel nicht, wie das von Alexander oder Napoleon. Nein, es lebte auch nach seinem Tode weiter. Insofern ist es gut zu wissen, dass es 2027, 800 Jahre nach seinem Ableben, eine große Ausstellung über den großen Kahn in Berlin geben wird. Als beste Vorbereitung (oder wenn man nicht dorthin kommen kann) und um die doch großen Lücken für die meisten geschichtsinteressierten in Europa zu schließen, haben Gisela Graichen und Matthias Wemhoff jetzt eine Biografie veröffentlicht, die mehr einem Abenteuerroman gleicht als einer Biografie (die bei Geschichtslern ja schnell sehr trocken und rein faktisch sein kann). Dschingis Kahns Geschichte ist wie geschaffen als Vorlage für eine Netflix-Serie. Sie ist Drama, voller Action und seltsamer Wendungen. Sie ist aber vor allem ein Eintauchen in eine ferne Zeit, in eine ferne Kultur. Eine uns fremde Kultur, die vom Nomadentum geprägt war. Packend, oft wie fantastisch und verwunschen, und doch so menschlich, gibt uns das Buch tiefe, gute Einblicke. Ein Geschichtsbuch, das bestimmt auch Menschen, die ansonsten weniger im Bereich Geschichte unterwegs sind, beste Unterhaltung und Knowhow bietet.
Die Vorkämpferinnen | Bianca Walther
Die Geschichtsschreibung ist in den letzten Jahren sehr fleißig in den Bereichen Feminismus, Frauen in der Geschichte und/oder der Biografien von Frauen, die ganz besondere Leistungen vollbracht haben (solange wir dies aufgrund zeitweise schlechter Quellenlagen überhaupt sehen und bewerten können) gewesen. Es gab und gibt sehr viel aufzuholen. So ist es wirklich ein Gewinn, dass Bianca Walther uns nun einen aktuellen Überblick über die Entwicklung zur und innerhalb der Frauenbewegung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts in ihrem Werk mit dem vielsagenden Titel „Die Vorkämpferinnen“ schenkt. Walther schafft die gute Mischung aus sachlicher Darstellung der Strukturen und ihrer Entwicklungen der Organisationen, sowie die sehr persönlichen und sehr nahbar nachzuempfindenden Lebenswege und Lebensbedingungen ihrer mutigen Heldinnen. Ein Buch, das so weitaus mehr ist als eine schnöde Auflistung von Fakten, sondern einen tiefen Einblick in die schwierigen Umstände und Kämpfe dieser Frauen zeigt. Ziel war – mal mehr, mal weniger – irgendwann Gleichberechtigung gegenüber der Männerwelt zu erhalten und somit das Patriarchat zumindest zu schwächen oder es vielleicht auch irgendwann hinter sich zu lassen. Gleichzeitig ist „Die Vorkämpferinnen“ eine wunderbare Zusammenstellung besonderer Charaktere, voller Zivilcourage und Tatendrang. Frauen, die sich für die Gesellschaft einsetzen – oft ohne Lohn, sondern sehr viel Spott und Hohn, Arroganz und Verachtung erfuhren. Aber ihr Tatendrang hat die Welt in den letzten 200 Jahren deutlich verändert. Wir bräuchten auch heute – auf vielen Ebenen – diesen mutigen Einsatz für unsere Gesellschaft. Und zwar von Männern und Frauen. Das macht „Die Vorkämpferinnen“ plötzlich noch aktueller als es ihr Thema an sich schon ist.
Weimar – Glanz und Grauen der deutschen Geschichte | Katja Hoyer
Welch ein besonderes Geschichtsbuch zur Deutschen Geschichte! Und dies am Beispiel einer Stadt, mit dem Blick auf die sehr persönlichen Schicksale und Sichtweisen ihrer Bürger und Bürgerinnen zwischen 1914 bis 1939. Aber es ist nicht irgendeine Stadt. Es ist nun einmal „Weimar“. Eine Stadt, die wie der Schmelzpunkt der Deutschen Geschichte wirkt. Sie ist Zeichen der ersten deutschen Republik und auch deren Untergangs. Und als eine der bevorzugten Städte der NSDAP, steht sie für den Weg in die menschenverachtende Diktatur – den Weg Deutschlands in staatlich organisierten Mord, einen Unrechtsstaat und das totale Gegenteil von menschlicher Kultur.
So wird das beschauliche Weimar, das sich seiner ruhmreichen Kulturgeschichte rühmt, 1919 in revolutionären Zeiten Unterschlupf für die verfassungsgebende Versammlung. Als Touristenstadt hat man genug Betten und ein Hoftheater, das als Parlamentsgebäude fungieren kann. Der neue Parlamentarismus ist für die eher bürgerliche Gesellschaft Weimars ernüchternd. Die Zeiten werden sie in Angst und Schrecken vor einer kommunistischen Revolution versetzen, ihnen zum Teil ihren Besitz durch Inflation nehmen und die Blindheit, mit der viele auf die völkischen Bewegungen gesehen haben, geben.
In Katja Hoyers umfangreichem und beeindruckendem Werk „Weimar“, vermischen sich die Sichtweisen von vollkommen „normalen“ historischen Personen und uns heute noch bekannten Berühmtheiten. All dies erleben wir hier sehr intensiv. Menschliche Schicksale und Katastrophen, Hoffen und Leiden dieser Zeit bekommen Namen. Ein wirklich bewegendes Sachbuch.
Odysseus – Mythos und Wahrheit | Raimund Schulz
Es sind die großen Epen der Welt, deren Ursprünge in der Dunkelheit der Geschichte liegen, die uns immer wieder faszinieren. Denn die Urstoffe, die uns in so vielfachen Verarbeitungen im Leben immer wieder begegnen, drücken viel über die Suche der Menschen aus. Und somit ist die Odyssee mehr als nur ein Buch, mehr als nur eine Geschichte. Sie hat sich auch in unserem Alltag zur Metapher entwickelt, für die Suche, die Fahrt, das Abenteuer, auf dem wir alle im Leben sind – und dies von Homer bis Udo Lindenberg und nun im nächsten Monat auch wieder im Kino. Sie bleibt immer aktuell. Und wir alle wollen der listenreiche, mutige, durchtriebene Odysseus sein und scheitern doch oft – wie auch Odysseus – nach viel Hochmut und dem Hang auch mal alles auf eine Karte zu setzen. Held und Verlierer, das hat viel Menschliches in sich.
Stundenlang könnte man also über Homers Werk philosophieren. Und bei allem stellt sich die Frage: Gab es ihn wirklich? Odysseus? Alles nur erfunden? Was ist Mythos und was ist Wahrheit? Raimund Schulz hat die Möglichkeiten durchleuchtet, was wir aus den dunklen Jahrhunderten – der Zeit zwischen Bronze- und Eisenzeit in Griechenland – vielleicht doch ableiten können, zusammengetragen. All das zeigt, wie spannend die Geschichte doch immer wieder ist – und die Begeisterung vergeht nicht. Ein sehr gutes Buch, um sich dem Epos zu nähern.
Anarchie – Der verhängnisvolle Aufstieg der East India Company 1600 – 1874 | William Dalrymple
Es gibt Sachbücher, vor deren Umfang man schon vor dem Lesen große Ehrfurcht hat. Wenn sie dann durch Akribie in ihrer Umsetzung und eine Recherche, welche auf dem halben Globus stattfand, auch das entsprechende Niveau mitbringen und sprachlich einbahnfrei geschrieben sind, dann schlägt das Herz des geschichtsbegeisterten Lesers höher – entwickelt man einen großen Respekt vor dieser Leistung. Welch ein Werk hat uns William Dalrymple hier erstellt. Ein Werk, das zwischen den Archiven in London und Neu-Delhi, von Europa bis ins Ferne Asien erarbeitet wurde und allein schon so deutlich macht, dass es hier nicht nur um irgendein beliebiges historisches Wirtschaftsunternehmen geht. Es geht um einen gigantischen Globalplayer der Neuzeit, der das Gebaren eines Staates – mit eigener Armee, eigenen Kriegen, mit Unterdrückung bis hin zur menschenverachtenden, fast sklavischen Ausbeutung – in sich hatte. Dieses Unternehmen war über Jahrhunderte die East India Company. Ein wirtschaftlicher Staat im Staate des britischen Empires. Wenn ganze Teile des entscheidenden Parlaments auch Aktionäre bei einem solchen Unternehmen sind, dann weiß man über den Einfluss und die Macht dieses Unternehmens. Vergleichbar wäre dies vielleicht nur, wenn man die heutigen Unternehmen eines Elon Musks, Jeff Bezos und Bill Gates gemeinsam mit hochrangigen Politikern der republikanischen Partei in den USA zu einem Unternehmen zusammenfassen würde. Ohne die EIC ist die Geschichte des britischen Empires nicht denkbar. Ein spannendes Thema in einem spannenden Werk unter der sehr passenden Überschrift „Anarchie“.
Ketzer | Cathrine Nixey
Könnte Jesus ein jähzorniges Kind gewesen sein, das aus Bösartigkeit seine Zauberkräfte nutzte und ein anderes Kind tötete? Oder ein Mann, der einen seiner Anhänger als Sklaven verkaufte? Diese Quellen gibt es! Warum glauben wir unseren Quellen mehr als diesen? Weil wir sie erst gar nicht kennen.
Unser Bild über die Person Jesus Christus ist durch über 2000 Jahre kirchlicher Geschichte und geschickter Machtpolitik intensiv geprägt worden. Jesus ist der Frieden und Heil bringende Sohn Gottes. Aber dieses Image war klar gewollt – durch die Auslassung großer Teile der frühstens Quellen. Und hatte Jesus eigentlich die besondere Stellung mit den angeblichen Alleinstellungsmerkmalen? War er nicht vielmehr einer von vielen selbsternannten Söhnen Gottes? Ist seine Geschichte so einzigartig?
Nehmen wir auch die Zeilen der Apokryphen und zahlreicher antiken Quellen (wie z.B. Plinus den Älteren) dazu, ergibt sich schnell ein anderes Bild – plastischer, vielfältiger und irgendwie nicht mehr ganz so einzigartig.
Die bekannte Altphilologin und Journalistin Cathrine Nixey präsentiert auch in ihrem neusten Werk „Ketzer“, ähnlich wie in ihrem Ausnahmebuch „Heiliger Zorn“ zuvor, wieder beeindruckende Einsichten über die Auswirkungen des frühen Christentums. In diesem Werk geht es um den Kern selbst: Um Jesus Christus.
1776 – Der Sommer der Revolution | erschienen bei C.H. Beck
Von 1776 bis 2026 – es ist in diesem Sommer nunmehr 250 Jahre her, seit dem die amerikanischen Kolonien ihre Unabhängigkeitserklärung verabschiedeten. Ein Meilenstein in der Demokratiegeschichte der Moderne. 1776 war ein Schicksalsjahr für den Verlauf der Weltgeschichte und doch werden wir in diesem Sommer mit gemischten Gefühlen auf die Feierlichkeiten in den USA schauen. In unserer Zeit über die amerikanische Revolution, über die großen Ziele der Unabhängigkeit zu lesen und zu schreiben verbindet sich mit gemischten Gefühlen. Fehlt uns zurzeit nicht die Lust dazu, diesen großen historischen Sieg der Demokratie, der guten „Sache“ und die Bedeutung dessen auch für die Entwicklung hin zu unserer Demokratie irgendwie zu huldigen, wenn wir gleichzeitig täglich erleben, wie diese Demokratie abgebaut und ausgehöhlt wird? Wenn diese Demokratie durch einen Mann und seinem Haufen ad absurdum und pervertiert wird?
Es gibt aber viele „Genau-Deshalb-Gründe“. Z.B. um zu sehen, was aus Idealen werden kann, wenn man sie nicht pflegt und ausbaut. Um zu sehen, was passiert, wenn man Demokratie nicht weiterentwickelt. Vielleicht auch um zu sehen, wie sie untergeht oder sich erholen kann. Wichtig ist aber immer zu sehen, wie sie geschaffen wurde, wie viele Menschen sich aufmachen mussten. Und vor allem dürfen wir nicht die Lust an der Demokratie verlieren! Und genau diesen Geist versprüht das fabelhafte Werk „1776 – Der Sommer der Revolution“ von Pulitzerpreisträger Joseph J. Ellis. Aufbruch und Rebellion gegen Tyrannen und Könige, die Bereitschaft für seine Werte, seine Freiheit zu kämpfen, auch wenn man gegen die mächtigste Armee der Welt kämpft. Und das Gefühl, dass man – historisch betrachtet – in einem solchen Kampf in sehr guter Gesellschaft ist.
Das gibt wieder Hoffnung.