Messalina ist wohl das historische Synonym für weibliche sexuelle, unkontrollierbare, exzessive und unstillbare Lust. Messalina ist die Top für Begriffe wie Untreue, Nymphoman – für die personifizierte moralische Verdorbenheit, gepaart mit der Dekadenz der römischen Cäsarendynastien. Sie ist einmalig. Aber die Frage bleibt beim heutigen Blick auf die Quellen, was können wir wirklich sagen? Was können wir vermuten? Es ist dann schon mehr als spannend, wenn eine junge Autorin, wie Honor Cargill-Martin, dieses, von männlichen Geschichtsschreibern geprägte Bild hinterfragt – fragt: Konnte das überhaupt sein? Oder erfahren wir hier eigentlich etwas über den römischen Blick auf Frauen? War Messalinas Fall aus der Höhe als Frau des Kaisers zum Todesurteil eigentlich nicht eine politische Intrige? Und sind nicht zumindest die exzessiven Sexgeschichten so absolut übertrieben? Sollten sie nicht eventuell spektakulär, aber vor allem rufvernichtend sein. Die Nymphomanin neben dem naiven, viel älteren Kaiser klingt mehr wie ein Trivialroman aus der Schmuddelecke der Geschichte und doch hat man die Geschichte lange so stehen lassen und wenig hinterfragt.
Die letzten Tage der Diktatur | Svenja Falk
Endlich – ja endlich ein aktuelles Buch, das sich mit diesen letzten Tagen der NS-Diktatur beschäftigt. Die wenigen, skurril anmutenden Tage des von Hitler in seinem politischen Testament zum Reichspräsidenten erhobenen Karl Dönitz und seiner “Regierung“, sind leider den meisten Werken über den Niedergang des selbsternannten „1000- jährigen Reichs“ nur einige Sätze wert. Was und wen regierte diese Gruppe von Flensburg aus eigentlich? Ein Thema, das oft vernachlässigt wird, weil es irgendwie nicht so offensichtlich den Schrecken den Schrecken in sich trägt und sich wie ein Staat als lebender Toter darbietet. Und doch ist es viel mehr. Die Ansammlung einer unendlichen Zahl von Versuchen die Deutungshoheit über das NS-Regime zu erlangen, vieles und viele reinzuwaschen, Fluchtmöglichkeiten zu geben, Menschen verschwinden zu lassen, ja sogar immer noch „Recht“ im Namen des Deutschen Volkes zu sprechen und vieles mehr. Vieles mutet seltsam an, viel Blindheit existiert immer noch. Aber auch viel Angst, da man weiß, dass die Zeit naht, in der man nun endgültig für seine Verbrechen einstehen muss.
Autorin Svenja Falk geht logisch, sachlich und chronologisch vor und hilft uns damit, einen sehr guten Überblick in diesen chaotischen letzten Kriegstagen zu behalten. All dies wirkt noch einmal wie ein Schmelztiegel des Nationalsozialismus, wenn in dem kleinen Flensburg mit ca. 70000 Einwohnern, die letzten Nazigrößen der oberen und mittleren Ebene, vereint mit tausenden, hilflos durch das Reich verschickten und verhungernden KZ-Häftlingen, mit fast 170.000 von Wehrmachtssoldaten, Spionen und vielen mehr zusammengepfercht irgendwie leben. Ein wichtiges und spanendes Buch, das so manche Facette dieser kleinen historischen Episode zeigt, die man zuvor noch nicht vermutet hat.
Gelb, auch ein schöner Gedanke | Nefeli Kavouras
Mit der letzten Seite dieses Buches habe ich wohl eines der eindrucksvollsten Werke, die ich in diesem Jahr bisher gelesen, abgeschlossen. Ein Buch, das nach seiner letzten Zeile lange nachhallt. Ein Buch, das man verdauen muss, nicht wegen Schrecklichkeiten, sondern wegen der Tiefe seiner Worte und Personen, seiner Atmosphäre, der angesprochenen Emotionen und deren Intensität und Authentizität. Zwischenzeitlich war es immer wichtig, einmal tief Luft zu holen, um seine eigene Lebendigkeit zu spüren.
„Gelb, auch ein schöner Gedanke“ ist ein kleines literarisches Meisterwerk. Nefeli Kavouras´ assoziativer Schreibstil, der so sehr auf den Punkt bringt, wie z.B. ihre Protagonistin Ruth vom langen Sterbeprozess ihres Mannes – von den kleinen und großen Situationen – übernommen ist, macht fast sprachlos, lässt uns mitleiden – trifft uns mit voller Wucht. Wie Ruth selbst, können auch wir nicht aus dieser Situation entfliehen.
Alle ihre Sinne sind – gerade zu Beginn des Buches – permanent vollkommen auf „Habt-Acht“ gestellt. Es strömen zu viele Informationen in den Verstand, der diese nur wenig nach ihrer Wichtigkeit sortieren kann. Das ist ein Körper und Geist im permanentem Stresszustand, in Aussichtslosigkeit, Hilflosigkeit, Verzweiflung. Es ist meisterhaft, wie die Autorin dies erzählerisch umsetzt.
„Gelb, auch ein schöner Gedanke“ ist ein Buch über das Sterben, aber viel mehr über die, die dies begleiten und aushalten müssen.
Frühe Franken | Oliver Schipp
Was uns doch immer umkreist ist die immerwährende Frage: Wo kommen wir her? Wer waren unsere Vorfahren, die unsere Siedlungslandschaft hunderte von Jahren prägten – die die “Grundsteine” vieler unserer Ortschaften legten. Und dies nicht nur geografisch, sondern oft auch sprachlich. Für mich als Niederrheiner ist die Auseinandersetzung mit den Franken eine Suche nach Antworten – danach meine Heimat mehr verstehen zu können. Ja, noch besser hinzuschauen. Oliver Schipps fabelhaftes, sehr fleißiges Werk, ist aber bei Weitem nicht nur ein Buch mit Antworten für die Menschen rechts und links des Rheins, sondern hilft ein besseres Verständnis vom Übergang der römischen Antike in unserem Land zu dem, was wir Mittelalter nennen, zu bekommen. Und deutlich wird, dass der angeblich harte Bruch zwischen diesen historischen Gedankenabschnitten, bei weitem eher ein schleichender Übergang war. Schipps Werk ist nicht nur ein Lesegenuss für alle Historiker, sondern ein wunderbares Abtauchen in eine Zeit, in der wir oft leider nur die römische Sichtweise auf einen Kriegerverband (denn die Franken bestanden aus Gruppen verschiedener bekannter Völker und Clans als sie im dritten Jahrhundert „auftauchten“) erhalten, der dann die große Macht an sich bringt. In den ersten 2 Jahrhunderten lebten noch keine Menschen am Niederrhein, die sich als Franken bezeichneten und so genannt wurden. Doch dann sollten sie die damalige Welt erheblich verändern.
Zwei in einem Bild | Morgan Pager
Bilder sind gute Zuhörer, denn sie geben dir Zeit, sie reden nicht dazwischen und beobachten dich genau. Wem diese Sicht auf Bilder seltsam verdreht vorkommt, der möge – um den Gedanken besser verstehen zu können – den fabelhaften Roman von Morgan Pager „Zwei in einem Bild“ in die Hand nehmen und einfach zuhören. Und plötzlich verdrehen sich die Perspektiven. Wer schaut eigentlich wen an? Wer wird zum wahren Voyeur? Und wer lernt von wem. Die Perspektive liegt immer im Auge des Betrachters. Pagers zuerst verwirrendes Spiel, wirkt so natürlich in seinen Zeilen, selbst wenn es phantastisch wird. Wir lesen, erleben diese verdrehte Welt ohne, dass ein Zweifel in uns aufkommt. Es wirkt fast schon wie selbstverständlich, dass wir in eine Form „Alice im Wunderland“ der Gemälde hineingleiten.
Ihr Erzähler Jean ist uns sehr schnell sehr nah. Er wirkt fragil, wie Gemälde halt wirken. Und es ist die Ruhe der Gemälde, die sich in allem hier – in Sprache und Geschichte – in uns ausbreitet.
Ob die Grundidee in diesem Roman ganz neu ist oder nicht, mögen andere diskutieren. Sie funktioniert klar. Über die gesamte Länge des Romans, lässt sie keine Längen aufkommen. Sie entwickelt sich, wie natürlich, weiter. Und sie macht „Zwei in einem Bild“ zu einem durchdringend, besonderen erzählerischen Werk. Kunst ist nicht nur mehr Kommunikation, sie wird zum eigenen Wesen, mit eigenem Verstand, eigenen Gefühlen, eigenen Gedanken. Welch wunderbare Vorstellung!
Trotzdem Zuhause | Tupoka Ogette
„Trotzdem Zuhause“. Es ist eine positive Motivation, die hinter dem „Trotz“ steckt, den Tupoka (die Betonung liegt auf der 2. Silbe) Ogette uns erklärt. Die Motivation, dass man zu einer Gesellschaft gehört, weil man dort aufgewachsen ist, Teil einer Gesellschaft ist, dort lebt und seine Familie dort haben möchte, gesehen und akzeptiert werden möchte und vieles mehr. Dann ist es bewunderungswürdig, wenn man den Widerständen „trotzt“. Und das ist anstrengend. Das wurde mir sehr bewusst im Laufe der beeindruckenden Lektüre dieses Buches. Es ist anstrengend und bedeutet immer wieder die Kraft zu finden.
In Schlaglichtern wird uns ein Leben vorgestellt, in dem die Hautfarbe immer eine Rolle spielte. Es ist befremdlich und bedrückend. Bedrückend ist der tägliche Rassismus. Der permanent ist und immer plötzlich in irgendeiner Form übergriffig werden kann. Bedrückend ist die eingeschränkte Freiheit zu Beginn dieses Lebens in der DDR. Eines von beiden würde das Leben schon schwer machen, sich zu entfalten. Aber beides zusammen quadriert sich in seiner Unfreiheit. So ist es gut, dass ihre Mutter mit ihr kurz vor der Wende nach Westberlin zieht.
Tupoka Ogettes Darstellung ihres Lebens, ihres Weges ist aber (und das gilt es zu würdigen) nicht eine Aneinanderreihung von Frustrationen, sondern eines Kindes, Teenagers, einer jungen Erwachsenen, die zumeist ein ganz normales Leben möchte. Sei es beim Kinderspiel, als „Backstreet Boys“-Fan oder als Erwachsene.
Rousseau – Auf der Suche nach der verlorenen Natur | Volker Reinhardt
Es ist das Leben eines Sonderlings. Und wenn man sein Leben unter 30 Jahren betrachtet, dann muss man bei Jean-Jaques Rousseau feststellen, dass es in dieser Zeit oft das Leben eines Hochstaplers ist, der sich die Welt in seinen späteren autobiografischen Darstellungen, den Confessions, oft schöngeredet hat. Aber gleichzeitig ist es das Leben eines genialen Menschen, dessen Werk viele große Denker – die ihm folgen sollten – beeinflusste, so wie Kant, Herder, Pestalozzi oder Montessori. Aber sein historisches Vermächtnis? Darüber kann man streiten – wie man in Volker Reinhardts Biografie über Rousseau bestens feststellt.
Sich diesem eigenwilligen Menschen und seinem zeitweisen fast bizarren und unsteten Leben zu nähern, bedeutet ein sehr genaues Hinschauen. Und genau dies beweist Reinhardt, und zwar kritisch, scharf – ja, vorzüglich.
Reinhard stellt Rousseau mit all seinen Verfehlungen, Selbsttäuschungen und Selbstbeweihräucherungen, mit seinen Schwächen und Naivitäten, sehr menschlich dar. Aber auch mit seinen seltsam genialen, individuellen, kreativen Anteilen, die er im Leben aber scheinbar erst entwickeln muss. Selbst zu Unrecht als Kind eines Diebstahls bezichtig, empfindet Rousseau sich Zeit seines Lebens als Verteidiger der Entrechteten. Was ihn aber nicht davon abhält, zeitweise das Leben eines Lügners und Hochstapler zu leben, der falsche Behauptungen und Namen über sich in Umlauf bringt, um sich eine höhere Herkunft zu attestieren.
Und trotzdem werden seine Werke die Philosophie, das politische Denken und die Pädagogik in vollkommen neue Wege leiten. Es ist vielleicht wieder einmal die Nähe von Genialität und Wahnsinn.
Der unaufhaltsame Aufstieg des Ministers Karsten Richter | Wolfgang Schorlau
erschienen bei Kiepenheuer und Witsch (Rezensionsexemplar, also Werbung) Vorsicht Satire … … und alles ist…
Die literarische Hausapotheke | Stefan Bollmannn
Ich bin mir mehr als sicher, dass wir alle um den psychologischen Einfluss unserer Lektüren bezüglich der Sicht auf unser Leben wissen. Lesen erweitert den Fokus auf unser Leben, auf das menschliche Leben überhaupt – unsere Meinungen, unsere Empfindungen, es testet unsere Werte und Normen, ist voller Träume, Wünsche, Gefühle, Lehren und Wissen. Lesen ist bei weitem nicht nur ein kognitiver Prozess. Und es ist somit eine wunderbare Erkenntnis, dass wir uns mit der Wahl unserer Lektüre, gezielt und bewusst Gutes tun können.
Stefan Bollmann ist diesen Weg in seinem Werk „Die literarische Hausapotheke“ konkret gegangen und seine Umsetzung ist beeindruckend.
Seine Erkenntnis ist, dass wir Literatur nutzen, um weiterzuleben. „Um das Leben zu ertragen. Und wer das seltsam findet, dem mag gesagt sein, dass die heilende Wirkung von Literatur mittlerweile auch erforscht und nachgewiesen wurde.“ Eine Erkenntnis, der sich wohl jeder Bücherfreund/ jede Bücherfreundin anschließen kann. Aber dieses Buch ist nicht nur eine wunderbare Fundgrube von Geschichten und Erzählungen für schon eingefleischte Bookies. Nein, es ist auch voller guter Hinweise für die Menschen, die bisher nur bedingt oder gar nicht den Weg zum wohltuenden Bücherlesen gefunden haben. Auch sie werden garantiert sich – oder etwas für sich – in dieser literarischen Hausapotheke finden.
Real Americans | Rachel Khong
Erschienen bei Kiepenheuer und Witsch (Rezensionsexemplar, also Werbung) Tja, was sind „Real Americans“– wahre Amerikaner?…