Erschienen bei Hoffmann und Campe
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
In China
Das Leben in den Familien Chinas mag uns sehr fern vorkommen. Unzweifelhaft ist dort jedoch, dass in der traditionellen Sicht auf die Aufgabeverteilung einer chinesischen Familie die Schwiegertöchter quasi das unterste Glied bilden. In einer durch und durch patriarchalen Struktur, hat dann auch die Schwiegermutter noch über die Schwiegertochter, die nach der Heirat in die Familie einzieht, zu bestimmen. Die Vorstellung dort ist grundsätzlich davon geprägt, dass die Schwiegertochter in ewiger Dankbarkeit gegenüber der älteren Generation und auch gegenüber ihrem Mann und seiner ganzen Familie, täglich zu zeigen und zu zelebrieren hat.
Autorin Fang Fang stellt uns diese – zeitweise absurde – Situation der verheiraten Frauen in den durch Tradition geprägten Familien in ihrem kurzen Roman (ca. 160 Seiten) in makaberer und wunderbar ironischer Art da. Denn selbst als die Hauptperson He Hanqing ihrer Umgebung deutlich macht: „Ich geh jetzt los und bring mich um“, ist dies für die anderen Familienmitglieder bei weitem keine Aufforderung auf den verzweifelten Hilferuf freundlichen oder zugewandt zu reagieren, sondern es folgt nur die nüchterne Erkenntnis, dass man ihr dies auch nicht zutraut.
Die eigene Prägung
He Hanqing lebt in der Familie ihres Mannes. Ihr tägliches Leben ist dadurch geprägt, den Forderungen und Wünschen ihrer Schwiegereltern nachzukommen. Ihr arbeitsloser Mann gibt ihr keinen Halt oder Rückhalt in dieser Situation. Und auch die Schwester ihres Mannes unterstützt sie an keiner Stelle. Ihre Schwiegermutter gängelt sie. Ihren Schwiegervater fürchtet sie. Häme, Herabsetzung, Spott und Hohn ist sie ausgesetzt. So sucht sie sich ihren Weg, der Situation zu entfliehen, aber selbst davon halten sie ihre täglichen Aufgaben ab. Sie schafft es irgendwie selbst nicht, die eigene Prägung des tradierten Familienbilds abzulegen.
Lächelnde chinesische Ironie
Auch wenn das hier transportierte Familienbild (hoffentlich) nicht in unserer Gesellschaft zu finden ist, so zeigt Fang Fangs Geschichte über diese traditionelle chinesische Familie doch einfach „nur“ die Spitze eines verächtlichen Frauenbilds, was wir in vielen tradierten Gesellschaften weltweit immer noch vorfinden, und was selbst in fundamentalistischen Strömungen des Islams oder Christentums immer noch als „normal“ angesehen wird. Mit einer lächelnden chinesischen Ironie in ihrem Erzählen, entlarvt Fang Fang auf intelligente Art dieses Denken.