Die Kürze der Würze | Klaus Zeyringer

“Vom Elbstrom den 1. Januario. Dises Orts ist anjetzo nichts schriftwürdiges vorgefallen.” Eine solche Einsicht von manchem Journalisten in Tageszeitungen würde ich mir heute auch wünschen!
So ist es bei diesem Werk aber bei weitem nicht! In der Rubrik “Vermischte Meldungen” ist über die Jahrhunderte so viel zwischen Spektakulärerem bis Profanem erzählt worden, was seinen Autoren so würdig erschien festgehalten und verbreitet zu werden, dass wir dies doch oft schmunzelnd und/oder kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen.
Die kleinen spektakuläreren Geschichten in der Zeitung, Randnotizen, “Aus aller Welt” oder wie sie sich nennen – wir lieben sie! Sie sind über den Schlagzeilen des Tages das Salz in den Nachrichten. Und sie verraten uns doch auch so viel über unsere Gesellschaft, über unsere Vorlieben, heimlichen Neigungen, unseren persönlichen Voyeurismus und unserem nicht endenden Spaß am Skurrilen. 

Krieg in Europa | Norbert Mappes-Niediek

Ein bestialischer, brutaler Krieg voller extremer Gräuel, voller schlimmster Kriegsverbrechen! Wie konnte dies im Europa der Nachkriegszeit geschehen? Warum zogen Bevölkerungsgruppen, die jahrzehntelang friedlich miteinander lebten, geblendet durch Nationalismus in so einen barbarischen Krieg geraten?

Norbert Mappes-Niediek holt uns die Erinnerung in den Kopf zurück, dass Krieg nach dem 2. Weltkrieg Europa nicht verlassen hatte. Wir hatten vor dem Ukraine Krieg in Zentraleuropa etwas aus dem Blick verloren, dass Krieg immer noch möglich ist und ein großer verheerender Krieg gerade einmal vor 20 Jahren vor unseren Haustüren wütete. Ein Krieg der Ethnien, der Religionen, ein Krieg geboren durch Nationalismus, ein Krieg um Geschichtshoheit.

Die dunkle Spur des Blutes | Stuart MacBride

Lese ich schottische Thriller und Krimis, so wächst in mir sofort das Gefühl von Ferien, Urlaub – gute Zeit, auch wenn die grausamsten Dinge geschehen. “Die dunkle Spur des Blutes” ist der zwölfte Fall für Inspector Logan McRae, doch für mich sein erster! Und trotzdem: Es war ein guter Einstieg. Zwar überrascht die Bandbreite einer feinen bis derben Sprache, oft schnörkellos, aber sie macht den Inspector in ihrer Direktheit sehr lebendig. Er ist halt sehr klar und voller Ironie und Sarkasmus: “Sobald die Medien davon Wind bekommen, wird es sein, als ob man ein verletztes Ferkel in eine Badewanne voller Piranhas schmeißt”. Das alles macht ihn zu einem wirklichen Schotten und oft auch einem kleiner Chauvi – eine gewisse politische Inkorrektness schwingt oft bei ihm mit.

Normandie 1944 – Die Entscheidungsschlacht um Europa | Klaus-Jürgen Bremm

Klaus-Jürgen Bremm ist ein Profi in Bezug auf Darstellung von militärisch-historischen Wendepunkten. Insofern manövriert er uns geschickt und immer mit dem richtigen Faktenwissen zum richtigen Zeitpunkt des Buches durch eine chaotische Geschichte. Denn wie General Patton sagte: „Krieg das völlige Chaos!“ Und das bedeutet für die rückblickende Darstellung, dass sie besonders gut und übersichtlich organisiert werden muss. Genau das beherrscht Klaus-Jürgen Bremm!
Ergänzt wird die Darstellung der Landung im Buch zeitweise durch detailliertes Kartenmaterial, das hilft, die Planung, Durchführung und möglichen Fehler der Operation besser zu verstehen. Alles wird so geografisch weitaus verständlicher – sprich nachvollziehbarer.

Königsmörder | Robert Harris

Auch bei „Königsmörder“ beweist der britische Autor und Journalist Robert Harris wieder einmal ein Gespür für die Geschichten hinter der Geschichte. Sein erzählerisches Talent formt nicht nur einen Roman, sondern agiert vielmehr als historische These: So hätte es gewesen sein können!

Er schafft es uns lebendige, fühlende Menschen der Vergangenheit vor Augen zu projizieren. Und das, obwohl er uns in diesem Roman schon auf den ersten Seiten zu Verbündeten seiner Fiktion macht, in dem er uns offen erklärt, welche der vielen Figuren seiner Phantasie entstammt. Aber er flechtet diese Hauptperson so in die Geschichte ein, dass sie – selbst für den kenntnisreichen, historisch-bewanderten Leser – nicht mehr wegzudenken ist. Die historische Fiktion wird so perfekt! Schon nach wenigen Seiten, ja nach wenigen Zeilen, des Beginns der Geschichte, fängt alles an, vor unserem inneren Auge zu leben.

1979 – Jäger und Gejagte | Val McDermid

Einmal Zeitreise bitte!
Ziel? Äh, 1979! 
Und schon haben wir unsere Reise in die Zeit ganz knapp vor der Thatcher-Ära – Winter 78/79! In die Zeit von David Bowie und Burt Reynolds! Ein harter Winter. Ich war zwar nicht dort – in Edinburgh (ich war als Kind in London 1979) – aber es fühlt sich so an. Die Typen vor meinem geistigen Auge sehen so aus, wie einst. Val McDermids Zeitreise funktioniert – fühlt sich real an – voller orange-braunem Design, Nebel und “Die Profis” …. Nichts reißt einen mehr aus solch einem Film als ein kleiner Anachronismus. Denn ich gebe zu: Darauf reagiere ich zutiefst allergisch – so etwas würde die gesamte Illusion einstürzen lassen. Doch das geschieht hier nicht! Vielmehr erleben wir ein literarisches Mosaik aus Bildern, Typen, Moden und Themen, das das Bild von 1979 zusammensetzt. 

Kalt Und Still | Viveca Sten

Hannah Ahrlander ist am Tiefpunkt ihres Lebens: Sie ist kurz davor ihren Job zu verlieren, da man ihr bei der Stockholmer Citypolizei Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit,  Eigensinn und mangelnde Disziplin vorwirft. Gleichzeitig geht ihre Beziehung in die Brüche und sie verliert ihre Wohnung – ihr Zuhause! Das verschlägt sie ins ländliche Åre, uns bekannt von der Ski-WM 2019.
In Åre wohnen auch Amanda und Ebbe.

Ulysses | James Joyce

Das Internet, die Sozialen Medien sind voller Menschen, die sich als Bücherliebhaber, Bücherfans oder Büchernerds bezeichnen. Die betonen, dass sie nicht ohne Bücher können und Bücher ihnen so viel geben, und, und, und … – ihr wisst, was ich meine. ABER: Was, wenn das Buch es dir nicht leicht macht? Was, wenn du darum ringen musst es zu verstehen? Oder: Wenn auch nach über einhundert Jahren eigentlich noch immer nicht ganz klar ist, was es uns sagen will? 

Deutschland 1923 | Volker Ullrich

Wir steuern auf 2023 zu und da ist der Blick zurück zum Krisenjahr 1923 sehr gut. Haben wir heute das Gefühl, die Welt verliert ihre Fasson, so blicken wir in Volker Ullrichs Buch auf ein Deutschland im Chaos, am Rande von Anarchie, Fremdherrschaft, Faschismus und Kommunismus. Während der Lektüre ist die dauernde Frage: Wie konnte das Land dies überstehen?

ODER: War dies schon der Anfang vom Ende?

Und so sehen wir Besetzung, Inflation und antidemokratische Bestrebungen auch heute in Europa und können vielleicht von der Hartnäckigkeit der Demokraten von damals lernen. Was damals die junge Demokratie Deutschlands traf, trifft zurzeit – in anderer Form – Europa als Ganzes! Zurzeit noch nicht in dieser extremen Form – aber wer weiß: 2023 steht erst noch vor uns!

Blicke in die Geschichte lohnen sich immer – dieser Blick zum jetzigen Zeitpunkt ganz besonders! 

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