Nein, ich war noch nie auf Sylt und schon nach kurzer Auseinandersetzung wird mir klar: Sylt ist anders als der Rest unseres Landes. Es ist exklusiv hier zu leben, zwischen Pizzen für bis zu 1000 Euro und dem Hobokenweg, Deutschlands Straße mit den teuersten Quadratmeterpreisen. Wer hier hinzieht ist etwas oder möchte dringend etwas sein. Somit ist der Beruf des Immobilienmaklers dort bestimmt auch nicht mit dem herkömmlichen Bild über diesen Beruf zu vergleichen. Eric Weissmann setzt genau einen solchen Haus- und Grundverkäufer in den Mittelpunkt seines Sylt-Krimis. Und mit dieser Komponente ist schon der Grundstein einer besonderen Geschichte gelegt.
Immobilienmakler Kristian Dennermann ist Single, kinderlos, Feinschmecker und Hundeliebhaber. Letzteres ist der Grund für den Besitz des Corgi „Prince of Wales“, dem – neben einigen interessanten Damen – seine ganze Aufmerksamkeit gilt. Dennermann ist auch der attraktive Typ, der Frauen auffällt. Wie der Name des Hundes ist alles etwas „Upper-Class-mäßig“, also stilgerecht für Sylt. Aber auch bei Kristian Dennermann ist nicht nur alles im großen Glanz. Er lebt mit einer posttraumatischen Belastungsstörung aufgrund eines schrecklichen Unfalls vor 11 Jahren. Ein dunkles Geheimnis lastet auf seinen Schultern.
Reisen im Mittelalter – Unterwegs mit Pilgern, Rittern, Abenteurern | Anthony Bale
Einen hohen Einsatz hat Autor Anthony Bale für sein eindrucksvolles Buch über das Reisen im Mittelalter gebracht, indem er nämlich ganze Routen aus seinen Quellen nachgereist ist und somit zeitweise total regendurchnässt war und auch mal eine Lebensmittelvergiftung abbekam. Dieses Vorgehen erinnert schon stark an experimentelle Archäologie. Respekt! Aber all dieses moderne Reisen unserer Zeit lässt sich wohl nicht mehr mit der gefährlichen und unberechenbaren Fahrt ins Ungewisse des Mittelalters vergleichen, bei dem die Reisenden wahrscheinlich oft das Gefühl hatten, einen ganz anderen Planeten zu erreichen. Bale hat viele Autobiographien, erste Reiseführer, Enzyklopädien durchgearbeitet, die irgendwo zwischen Selbstdarstellung, Phantastereien und möglichen Realitäten lagen. Eine wunderbare, abwechslungsreiche Lektüre voller Überraschungen!
Und so leiden wir und/oder begeistern uns mit den vielen geschilderten Reisenden auf ihren Wegen im Mittelalter. Faszinierend, interessant und spannend ist dieses Mitterleben und Erleiden für uns heute. Vieles ist sehr menschlich, somit zeitlos und für uns heute sehr gut nachzuempfinden. Das begeistert an diesem Buch. Ein Buch voller historischer Abenteuer.
Doch das Messer sieht man nicht | I.L.Callis
Berlin 1927, die Stadt pulsiert zwischen Bars, Huren, Künstlern, Reichtum und Armut, Alkohol und Kokain, Revuen, politischen Extremen, grell leuchtenden Reklamen und dem Anschein des Glamours des Filmgeschäfts. Und in dieser aufgeheizten Stadt des Chaos schlägt ein Mörder erbarmungslos zu, den bald schon alle den Ripper von Berlin nennen werden. I.L. Callis entführt uns in diese Zeit der Extreme, der instabilen Weimarer Republik. Sie erzählt uns nicht nur einen Krimi, sie erzählt uns von den Realitäten des harten Lebens in Deutschlands Hauptstadt am Ende der 20. Jahre des letzten Jahrhunderts. Deutschland lebt desillusioniert in eine Zeit der Inflation, Armut, Arbeitslosigkeit, Kriegsversehrter – ja, all dies im Kontrast zum Luxus und der Exzesse der Reichen. Ein Leben auf dem Pulverfass! Callis hat die historischen Umstände und das Leben der Endzwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts gut recherchiert – historisch und auch geografisch. Sie gibt uns die Bilder für eine Zeitreise und bettet die Geschichte tief und an vielen Stellen in diese Zeit ein.
Im Takt des Lebens | Isabella Völkl
Isabella Völkl hat das Beste getan, wie man mit den Krisen des Lebens umgeht. Sie hat daraus ein Buch gemacht. Somit hat sie uns ein kurzes, besonderes Werk geschenkt, in dem sie ihre Gedanken und dramatische Geschichte mit Sprachkunst erzählt – uns näherbringt und uns näherkommen lässt. Die großen Wendungen und Krisen können uns weiser machen, wenn wir sie als symptomatisch für das Leben begreifen. Dies ist Isabella Völkl in ihren düsteren Stunden gelungen.
Der Auftakt ihres Buches klingt wie eine düstere Prophezeiung, obwohl sie selbst betont, dass das Buch positiv wirken soll. Es soll positiv zum Leben stehen. Ein Leben, das inmitten der Vielzahl von Leben hier bei uns existiert.
Anbruch der neuen Zeit! | Marina Münkler
Das 16. Jahrhundert erfährt nur selten spezielle Aufmerksamkeit. Wenn, dann ist es im Rahmen der frühen Neuzeit, die üblicherweise bis ins 18. Jahrhundert angesetzt wird oder unter der Überschrift Renaissance, die im Allgemeinen nur bestimmte europäische Phänomene in den Mittelpunkt rückt, ein Thema. Aber Marina Münkler hat eine andere Sicht darauf. Zeitlich fasst sie es enger als viele sonstigen Darstellungen, dafür aber geografisch weiter als unsere herkömmliche Geschichtsschreibung in Mitteleuropa. Es geht darum, wodurch und wo das europäische 16. Jahrhundert direkten Einfluss hatte und wie diese Einflüsse direkte Auswirkungen auf der Welt spüren ließen.
Es ist ein sehr dynamisches Jahrhundert, nach der Zeit des Mittelalters. Welch eine Fülle von weltverändernden Ereignissen schlagen kurz hintereinander ein? Die Entdeckung, Eroberung Amerikas und somit die Zerschlagung der Azteken- und Inkareiche, die Entdeckung des Seewegs nach Indien, Luther, die Reformation bis zur Spaltung der römischen Kirche, Kopernikus, Galileo, Kepler…. All dies brachte die bisherige Welt aus den Fugen und ein Resultat wurde der grausame Krieg, der sich angeblich selbst ernähren sollte – der in 30 Jahren ganze Teile Mitteleuropas wie entvölkerte. Ganz so weit geht Münklers Blick nicht, aber sie macht deutlich, warum das 16. Jahrhundert in einer solchen Katastrophe enden musste. Ein wahrer Umbruch war dieses 16. Jahrhundert und danach sollte nichts mehr in großen Teilen der Welt sein, wie zuvor: Machtverschiebungen und neue Perspektiven auf das menschliche Leben.
Der Fänger im Roggen | J.D Salinger
Viel ist geschrieben worden über den Fänger im Roggen und wer ist eigentlich dieser Holden Caulfield. Dieser Ich-Erzähler, Teenager, der uns ganz unverblümt sagt, dass er nun mal immer lügt. Und dies zieht er in einer großmäuligen Art durch den gesamten Roman. Und dazu passiert auch nicht viel und es vergeht nicht viel Zeit – nur ein Wochenende. Aber dieser verlogene, großmäulige Teenager hat seinen eigenwilligen (oft arroganten) Blick, entwickelt seine Ansicht, wird unterschätz, schlägt quer und äußert dann plötzlich eine zutiefst dunkle Philosophie. J.D. Salingers Werk ist eine große Fundgrube – auch nach über 70 Jahren. Und dies nicht nur für die Menschen, die sich als gebildet und intellektuell ansehen und somit Klassiker lesen. Nein, auch nach wie vor für junge Menschen, die am Start des Lebens sind. Ein dynamischer Klassiker, der das Kontroverse nicht verloren hat. Auch, wenn die Zeit fern ist – seine Haltung ist generationsübergreifen und wahrscheinlich auch für GenZ eine Fundgrube: „Manchmal benehme ich mich um einiges älter, als ich bin – wirklich -, aber das merkt dann bloß keiner. Die Leute merken nie was.“ Holden ist halt zeitlos als junger Mensch sehr klar und unterhaltsam: „Aber man weiß nie – bei der Mutter von jemand, meine ich. Mütter sind alle leicht gestört.“
Im Kaiserreich – Eine kurze Geschichte 1871 – 1918 | Katja Hoyer
Wenn man in Deutschland viele erwachsene Personen nach der Geschichte ihres Landes und Volkes befragt, dann bekommt man wohl viele Aussagen im Rahmen von Fragezeichen bis mangelhaft, als in kaum einem anderen Land. Gibt es noch rudimentäres Wissen zum Nationalsozialismus, so liegen Weimarer Republik und Kaiserzeit bei vielen im Dunkeln. Dabei gilt es doch diese ersten deutschen Staaten zu verstehen, um unsere “Jetzt-Situation” als Staat in der heutigen Welt zu begreifen. Und deutsche Geschichte – die Geschichte des Kaiserreichs – muss nicht verstaubt, konservativ und in rückgewandter Form um die Ecke kommen. Sie kann modern und dossiert geschrieben sein. Ein Beispiel dafür ist dieses Buch!
Katja Hoyer beschreibt den Aufstieg Preußen seit den Befreiungskriegen 1812, die zum Mythos des späteren Deutschen Reichs werden. Ein Staat, der eigentlich nichts anderes ist als eine Erweiterung Preußens. Diesem Geisterstaat der deutschen Geschichte, dessen Geist wir bis heute an vielen Ecken und Enden unserer Gesellschaft, unseres Landes und Denken noch immer finden. Und dessen historischer Geist die Folgestaaten prägen sollte.
Die Neandertaler und wir | Svante Pääbo
Svante Pääbo, Nobelpreisträger und höchst anerkannter Naturwissenschaftler erzählt uns von seinem internationalen Forscherleben und die Fortschritte im Bereich der Genetik der letzten rund 40 Jahre dar. Das Buch besticht aber nicht nur durch seinen mitreißenden, besonderen Sachverstand. Nein! Durch den hohen autobiographischen Anteil, den er in seinen Erzählungen preisgibt, lernen wir auch die Person hinter dem Wissenschaftler kennen. Für Pääbo scheint sein wissenschaftlicher Tatendrang und Erfolg sehr eng mit seinem privaten Lebensweg verknüpft zu sein. Und dabei ist er sehr offen und direkt, was ihn besonders sympathisch macht. Das kennen wir so von anderen Wissenschaftlern bei weitem nicht. Hier gibt es keine Angst durch die Einbringungen sehr intimer und privater Details, eventuell unsachlich zu wirken. Seine persönlichen Entscheidungen haben nach seiner Sicht sehr viel mit seinem erfolgreichen beruflichen Weg zu tun und umgekehrt.
Neben den vielen Errungenschaften, die uns einen ganz neuen Blick auf uns als Menschen und unserer Vererbungen bringen (z.B. die Entschlüsselung des Genoms der Neandertaler oder die Entdeckung des sogenannten Denisova-Menschen), gibt er uns einen interessanten Einblick, wie Forschung in unserer Zeit überhaupt funktioniert – wie z.B. die Arbeit im Labor funktioniert oder die Kommunikation der weltweit forschenden Wissenschaftler. Ein Buch, das (und das sage ich als Geisteswissenschaftler) absolut Lust auf Naturwissenschaften macht.
Verraten | Jussi Adler-Olsen
Zu Beginn ein klares Bekenntnis: Ich bin Fan der 1. Stunde! Wie alle begeisterten „Kommissariat Q“- Fans, habe ich diesem finalen Band entgegengefiebert. Und ganz ohne Spannung aufzubauen, komme ich am Schluss zum Schluss: Es hat sich absolut gelohnt!
Entgegen allen Unkenrufen vieler selbsternannter Kritiker, Buch-Blogger, die die Jahre seit 2008 nicht Stück für Stück diese Reihe begleitet haben, möchte ich sagen, dass für jeden eingefleischten Fan dies ein guter Abschluss ist – ein würdevolles, intelligentes und (so) nicht erwartetes Grande Finale!
All diese einzigartigen Typen werde ich vermissen! Carl, Assad, Rose, Gordon oder Hardy – wir wissen nun so viel über sie. Denn sie sind es, die die Thriller des Dänen so besonders machten. Und wer die Bände zuvor nicht gelesen hat, wird dies vielleicht nur schwer nachvollziehen können. Wenig oberflächliche Klischees, sondern verschrobene, gut durchdachte Individualität, die diese Personen so echt wirken lassen, so dass man auch im letzten Band das Gefühl hat, gute Bekannte wiederzusehen. Und garantiert sind auch in diesem Band Wendungen, die der Leser bei weitem nicht erwartet und erahnen kann. Das war und ist das besondere Können von Jussi Adler-Olsen. Und das macht sehr viel Spaß!
Verdun 1916 | Olaf Jessen
Krieg ist in Europa wieder ein aktuelles Thema und es gibt wohl keine Schlacht in der modernen Geschichte, die auf tragische und fast exemplarische Art den Wahnsinn des Krieges deutlicher auf den Punkt bringt als die Schlacht um Verdun 1916 im Ersten Weltkrieg. In keiner Schlacht kamen mehr Menschen auf engstem Raum um als dort! Man geht von ungefähr 700.000 Menschen aus, die in ca. 8 Monaten dort starben und das Ergebnis der Schlacht war, dass am Ende beide Seiten wieder dort standen, wo sie die Schlacht begonnen hatten. Irrsinn, Wahnsinn, Krieg! Verdun ist somit ein Zeichen für Frieden, für ein vereintes Europa geworden, auch wenn es noch lange bis nach diesem Krieg dauerte, ehe beiden Seite dies eingesehen haben.
Olaf Jessen präsentiert diese schreckliche Schlacht in Form einer chronologischen Abfolge der politischen und kriegerischen Geschehnisse. Deutlich macht er, dass die Führungen auf beiden Seiten die Situation vollkommen falsch einschätzen, was zu fatalen Ergebnissen und Konsequenzen für die Soldaten an der Front auf beiden Seiten führt. Doch der einzelne Soldat hat wenig Wert für sie!
Darüber hinauszeigt er den perfiden Glauben der Generalitäten an die „Errungenschaften“ des modernen industrialisierten Krieges. Die Artillerie soll einfach alles kurz und klein schießen, dann wird man den Krieg schon gewinnen – dann soll es keine Gegenwehr mehr geben. Ein schrecklicher Trugschluss.