Herausgegeben von Ursula Wagner und Karl Stenerud
Erschienen im Herder-Verlag
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Von der ersten Zeile an…
Dies ist bei weitem kein alltägliches Buch. Wir wissen definitiv bereits vor der ersten Zeile: Das ist kein normales Sachbuch. Unsere Erzählerin wird ihren Einsatz in der Ukraine nicht überleben – sie wird sterben. Da es aber ein Sachbuch ist, wissen wir auch: Dies ist keine Fiktion. Es sind die Darstellungen der Realität von Savita Diana Wagner, die ausgezogen war, das in die Tat umzusetzen, was viele Politiker Europas propagieren, nämlich die Demokratien Europas in der Ukraine zu verteidigen. Und somit wird uns – bezogen auf dieses Buch – deutlich: Dies wird keine leichte Lektüre. Aber eines möge vorweg gesagt sein: Es wird eine sehr eindrucksvolle Lektüre, denn es ist bei weitem nicht vergleichbar mit den Nachrichten, aus dem mittleiweile seit über vier Jahren gequälten Land, das unter dem Angriffskrieg Russlands so sehr leidet. Mit Nachrichten, die vielleicht aufgrund des Täglichen, mittlerweile fast emotionslos an uns vorbeigleiten. Wir erleben hautnah, was Krieg in den 20er Jahren des 21. Jahrhunderts bedeutet, welche Folgen er für die Menschen dort hat und wie der Krieg (wenn er einmal begonnen hat) alles im Leben beherrscht. Und: Es gibt keine natürliche Gerechtigkeit. Krieg kennt keine Gerechtigkeit, er ist Brutalität, Zerstörung, unerbittlich, fordert alles von uns ab. Er hat hunderte Gesichter und kennt vor allem kein Happy End.
All das geht tief unter die Haut. Savita Wagners Buch ist ein Manifest, ist wie ein Testament, ein besonderes Erbe, eine wertvolle Hinterlassenschaft. All dies macht es mehrfach kostbar und zu einem ganz anderen Leseerlebnis.
Werte, Krieg und Zukunft
Wagner ist schon vom ersten Tag in der angegriffenen Ukraine an sehr klar, dass das Leben im Krieg von ihr vollkommen neues Wissen und Agieren abverlangen wird, wenn sie dies überleben will. So beginnt sie schon in den ersten Tagen in ihren Aufzeichnungen eine Art immer wiederkehrende (und zeitweise sich ändernde) Rubrik „Neue Erfahrungen, Fähigkeiten, Erkenntnisse“, in der sie diese Dinge sehr pointiert verschriftlicht und sich selbst verdeutlicht. Von der Einsicht geleitet, dass die meisten Menschen durch unangepasstes Verhalten im Krieg sterben, durch eine Form der Naivität, wird sie vorsichtig und lernt von ausgebildeten Soldaten. Ihre Aufgaben beginnen als die einer Fahrerin und mit der Versorgung von Verletzen.
Wagner ist Idealistin. Dies hat ihre Entscheidung geprägt, hierher zu kommen. Vor Ort muss sie erkennen, dass dem Ruf Europa in der Ukraine zu verteidigen, nur wenige aus anderen Ländern gefolgt sind.
Aber Savita ist auch sachlich, denn der Krieg fordert eine hohe, kühle Rationalität ein. Darüber hinaus spricht sie frei weg. Oft pointiert, nimmt sie kein Blatt vor den Mund. Wer im Krieg ist hat keine Zeit für schwulstige und hohe romantisch-idealisierte Politreden. Ihr Einsatz, bis an die Grenzen des Physischen, zeigt sich auch in einer Art tatkräftigen Direktheit ihrer Sprache. Ein unverschönter Blick in die Schrecklichkeiten von Krieg. Ein Krieg, von dem wir wissen, dass er – auch trotz ihres Todes – jetzt gerade stattfindet. All dies bringt uns Savita näher. All dies fordert uns zum Nachdenken über Werte, Krieg und Zukunft auf.
„Ich-kann-nicht“ ist keine Option!
Neben den Aufzeichnungen Savitas enthält das Buch auch zahlreiche Fotos. Fotos zwischen Zerstörung und der Suche nach schönen Dingen des Lebens (wie z.B. die so wichtigen Katzen an der Front).
Eine Umgebung, in der „Ich-kann-nicht“ keine Option ist, treibt Menschen voran. Savitas Handeln ist vor allem geprägt etwas tun zu wollen in unmenschlichen Zeiten.
Ein Buch, das in jedem Leser lange nachhallen wird.