Erschienen bei Kiepenheuer und Witsch
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Mysteriös entfaltet sich das Geschehen
Der Markt der Thriller ist groß und oft erscheint es uns, dass er zu groß geworden ist. Eine herrliche Sache ist es da, wenn sich ein Werk herauskristallisiert. Die erzählerische Raffinesse ist hier über dem Niveau, was man herkömmlich von Thrillern zurzeit gewohnt ist. Und das auf so vielen Ebenen: Atmosphäre, Charaktere, Geschichtsführung und -entwicklung und vieles mehr. Um es gleich zu sagen: Hätte es mein Zeitplan zugelassen, so hätte ich „Home before Dark“ an einem Stück durchgelesen – ohne abzusetzen. Eva Björg Ægisdóttir hat einen Schreistil, der alles so herrlich normal und klar darstellt, so dass wir alles wie selbstverständlich annehmen, egal wo sie uns hinleitet. Wir ziehen absolut nichts in Zweifel, ja haben das Gefühl, natürlich mitten in der Realität zu sein. Dabei wird diese immer unheimlicher und unklarer (Was ist hier wirklich passiert?).
Mysteriös entfaltet sich das Geschehen in der Welt dieses Werkes und ohne zu viel Schrecken, aber natürlich im düsteren Island-Setting. Die Spannung ist wunderbar schleichend-subtil und zieht uns so durchs Buch, so dass es wie ein innerlicher Kampf ist, dieses Buch zur Seite zu legen. So muss ein Thriller sein! Wir leben mit, wir leiden mit – die inneren Fragen wollen beantwortet werden. Aber so einfach macht es uns die Autorin dann doch nicht.
…nur eine blutige Jacke!
Ich gebe zu, dass es mir schwer fällt bei isländischen Namen normalerweise den Überblick zu behalten, aber dies war bei diesem Buch absolut kein Problem. Eva Björg Ægisdóttirs Charaktere erschienen schon nach kurzer Zeit wie gute Bekannte, so dass ihre Individualität natürlich diese (zeitweise) sehr eigenen Namen habt. Sie gehörten einfach wie genuin zusammen.
Und so beginnt die Geschichte schnell und zu Beginn können wir sie eigentlich faktisch schnell umreißen. Aber sind die Dinge so, wie sie uns erzählt werden?
Marsibils ältere Schwester Stina ist vor 10 Jahren als 16-Jährige verschwunden. Nur eine blutige Jacke wurde gefunden. Eine schwere Last liegt seitdem auf der jungen Frau, die jetzt Anfang 20 ist. Sie glaubt Schuld am Verschwinden ihrer Schwester zu sein, hatte sie doch in den Jahren zuvor eine Briefreundschaft zu einem älteren Jugendlichen gehabt und dabei vorgegeben ihre ältere Schwester zu sein, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Nach dem Verschwinden, verschwand auch zeitgleich der Kontakt zum Brieffreund. Nun plötzlich erhält sie am 10. Jahrestag des Verschwindens wieder einen Brief. Sie fährt zu ihren Eltern. Immer deutlicher wird, dass man ihr als junge Teenagerin bei weitem nicht alles erklärt und erzählt hat. Die Familie trägt düstere Geheimnisse in sich. Ihre Eltern waren nicht ehrlich.
Sehr kurzweilig
Eva Björg Ægisdóttirs hält uns auf Trab. Wir vertrauen Marsibil, aber können wir ihr alles glauben? Bringt sie eventuell Tatsachen durcheinander oder sieht Dinge, die überhaupt nicht vorhanden sind? Und wem können wir hier überhaupt glauben?
Auch ein guter Kunstgriff, der hier nicht nur als Masche fungiert, ist der Sprung durch die Zeiten. So erzählt uns die verschwundene Stina die Verhältnisse im Dorf vor ihrem verschwinden. Und uns ist klar: Irgendwann werden die Geschichten sich nähern.
„Home before Dark“ ist große Thrillerkunst. Das Setting Islands ist passend, aber es ist nicht der „typische“ Island-Thriller. Das würde dem Werk bei weitem nicht gerecht. Gerade die Geschichte an sich hat sehr eigene Züge und somit große Überraschungen für uns. Alles, alles sehr kurzweilig!