ISBN 978-84-09-83918-6
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Ein Land in Angst
Eine überwundene Diktatur ist für ein Volk wie ein kollektives Trauma, denn sie ist wie ein Sammelbecken der persönlichen Traumata der einzelnen Menschen aus diesen Zeiten. Schrecken, Angst, Mord, Folter und Totschlag geschehen und nur sehr wenig wird aufgeklärt, da nicht alle Informationen zugänglich sind. Vieles geschieht quasi hinter unsichtbaren Vorhängen. Nachfrage kann gefährlich sein. Alles liegt in diesem großen Dunkel, ein klarer Blick auf die Geschehnisse dieser Jahre ist unmöglich. Aber diese Schicksale, die hinter diesen Vorhängen liegen, lassen die Menschen nicht los, verfolgen sie ihr ganzes Leben, treiben sie an, um die ungelösten Ereignisse aufzuklären.
Pedro Pérez-Iruela hat mit „Das unsichtbare Abkommen“ einen fabelhaften historischen Politthriller in die 30er Jahre der Franco-Diktatur in Spanien gesetzt. Ein Land, das nach dem Bürgerkrieg unter dem Druck der kriegerischen Erwartungshaltungen der anderen faschistischen Regime in Deutschland und Italien steht und zutiefst beäugt wird, von den einflussreichen Demokratien, wie zum Beispiel dem britischen Staat. Ein Land, gezeichnet durch die Leiden dieser Zeit, in einer bedrückenden Atmosphäre des Wechsels und der sich immer weiter ausbreitenden Unfreiheit. Ein Land in Angst.
Was ist Schauspiel? Was sind wahre Gefühle?
Pérez-Iruelas Geschichte startet schnell: 1939 wird der engagierte Arzt Doktor Rivadulla ermordet aufgefunden. In der Retrospektive versucht sein alter Freund Martín Faura nun – Jahrzehnte später und Fotograf im Ruhestand – diesen Fall endlich abzuschließen. Doktor Rivadulla war lange mit der Krankenschwester María Pilar romantisch liiert. Jedoch hatte der spanische Bürgerkrieg sie für einige Jahre entzweit. Sollte sie die Mörderin sein? Oder Constance Harper, eine gebildete Engländerin, die zeitweise als Spionin tätig ist und auch Interesse am Arzt zeigte. Scheinbar war dies aber nur aus beruflichen Gründen. Oder wurde Rivadulla in politische Zusammenhänge verstrickt, die für alle nur schwer zu erkennen sind? Größer sind!
Deutlich wird, dass in einer Zeit des Bürgerkriegs und der Diktatur auch „normale“ Freundschaften vielleicht nur Ergebnis großer Intrigen der Politik sein können. Es ist schwer festzustellen, was Schauspiel, was wahre Gefühle der Freundschaft und Liebe sind. Wie sind die Personen wirklich, die sich hier kennengelernt haben? Als Leser schwirren wir ständig zwischen den Vermutungen hin und her.
Die Imagination einer historischen Wahrheit
Pedro Pérez-Iruela schreibt lebhaft und fließend und somit ist das Buch auch schnell. Durch das permanente Halten des Spannungsbogens, ist das Werk dauerhaft atmosphärisch dicht. Wir sind wirklich im Franco-Spanien. Das Buch ist fast filmisch durch drei Zeitebene 1934, 1939 und 1975 durchkomponiert, zwischen denen wir gekonnt geführt werden. Wunderbar ist, dass die Zusammenhänge und -geschehnisse gut in die Zeit eingebettet sind und nie konstruiert wirken. Dabei stellt Pérez-Iruela historische Personen gekonnt neben seine Protagonisten, ohne dass diese in irgendeiner Art erdacht wirken. All dies erhält die Imagination einer historischen Wahrheit, hält den Leser fest im Bann der Zeit, der Orte und der sich ständig fortbewegenden Geschichte. Ein gutes Ergebnis einer guten Recherche.
Für mich trifft Pérez-Iruela bestens die Atmosphäre der Franco-Zeit, wie ich es bisher nur in Werken des Spaniers Jaume Cabré erlebt habe. Als Leser haben wir das dauerhafte Empfinden, das selbst die großen Gefühle der Liebe immer mit Angst, einer stetigen Bedrücktheit und der Unsicherheit (Was wird wohl geschehen?) belegt sind. Nie leben die Personen wirklich ungetrübt.
All dies macht „Das unsichtbare Abkommen“ zu einem hochspannenden Werk, auf einem sehr guten Thrillerniveau.
Abschließend muss man noch deutlich anmerken, dass Pérez-Iruelas historischer Politthriller es so eindeutig schafft, sich aus der immer größeren und unübersichtlicheren Anzahl der Selfpublisher in Erzählkunst und der Dramaturgie der Geschichte, deutlich herauszuheben. Ich bin sehr gespannt auf die nächsten Werke von Pedro Pérez-Iruela und hoffe, dass der Autor im Bereich historischer Romane weiter tätig bleiben wird.