Erschienen im Propyläen-Verlag/Ullstein
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Das größte Weltreich der Menschheitsgeschichte
Sein Weltreich war das größte Reich, das jemals in der Geschichte der Menschheit existierte und trotzdem ist uns hier in Mitteleuropa die Geschichte des Dschingis Kahns so wenig präsent. Das sollte nicht sein, denn sein Einfluss auf die weiteren Wege der Weltgeschichte sind immens. Dschingis Kahns Reich zerfiel nicht, wie das von Alexander oder Napoleon. Nein, es lebte auch nach seinem Tode weiter. Insofern ist es gut zu wissen, dass es 2027, 800 Jahre nach seinem Ableben, eine große Ausstellung über den großen Kahn in Berlin geben wird. Als beste Vorbereitung (oder wenn man nicht dorthin kommen kann) und um die doch großen Lücken für die meisten geschichtsinteressierten in Europa zu schließen, haben Gisela Graichen und Matthias Wemhoff jetzt eine Biografie veröffentlicht, die mehr einem Abenteuerroman gleicht als einer Biografie (die bei Geschichtslern ja schnell sehr trocken und rein faktisch sein kann). Dschingis Kahns Geschichte ist wie geschaffen als Vorlage für eine Netflix-Serie. Sie ist Drama, voller Action und seltsamer Wendungen. Sie ist aber vor allem ein Eintauchen in eine ferne Zeit, in eine ferne Kultur. Eine uns fremde Kultur, die vom Nomadentum geprägt war. Packend, oft wie fantastisch und verwunschen, und doch so menschlich, gibt uns das Buch tiefe, gute Einblicke. Ein Geschichtsbuch, das bestimmt auch Menschen, die ansonsten weniger im Bereich Geschichte unterwegs sind, beste Unterhaltung und Knowhow bietet.
Temüdschin
Der Sturm der Mongolen brachte im Spätmittelalter eine riesige Zerstörung und brutale Gewalt gegenüber den Menschen und Städten über ganz Europa, sodass die schrecklichen Auswirkungen als teuflische Plagen empfunden wurden. Diese Sicht des westlichen Christentums auf Dschingis Kahn und seinen „Horden“ ist seit Jahrhunderten der vorherrschende Blick bei uns. Dabei war hier nicht der menschgewordene Teufel am Werk, sondern der schon früh verwaiste Temüdschin, der schon in jungen Jugendjahren – mit Courage und Mut – das Überleben seiner Mutter und seiner Geschwister sichern musste. Früh lernte er dadurch auch taktische Packte zu schließen und natürlich den Kampf zum Überleben in der Natur der Mongolei, die von Extremen geprägt ist.
Aufgrund der heutigen Quellenlage kann man nun sehr viel mehr über den Weg Temüdschins sagen. Auch wenn er selbst aus einer Zeit stammt, in der die Geschichte der Mongolen noch nicht verschriftlicht wurde und natürlich die Darstellungen seiner Lebensgeschichte mystifiziert wurden, kommen wir doch in dieser Biografie sehr nah an die historische Person heran. Und wir verstehen mehr über die Lebens- und Denkweise der Menschen im 12. Jahrhundert in der Steppe Asiens. Ein faszinierender Blick.
Eine neue Kultur
Wie oben angemerkt, liest sich Graichens und Wemhoffs Buch wie ein Abenteuerroman. Das bedeutet natürlich kritisch zu schauen, was wohl Legende ist und was historische Wahrheit (soweit dies überhaupt noch zu unterscheiden ist). Aber das Buch gibt uns vor allem die Möglichkeit über unseren, auf Europa zentrierten Blick, hinaus zu schauen. Heutige Geschichtsschreibung darf nicht mehr nur aus der Perspektive unserer Vorfahren und unserer geografischen Perspektive gebildet werden. Wollen wir andere Kulturen verstehen, müssen wir deren Blick verstehen. Genau das schafft die Biografie Dschingis Kahns. Sein Weltreich war mehr als Mord und Todschlag. Es war der Aufbau einer neuen Kultur und Grundlage neuer Länder. Und er selbst ein Kind seiner Zeit, das über besondere Fähigkeiten und einem besonderen Charisma verfügt haben muss.