erschienen bei dtv
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Die ganze Klaviatur
Nachdem Ivar Leon Menger sich in den letzten Jahren sehr wandelbar in den Ausrichtungen seiner Thriller gezeigt hat, hat er nun mit „Düster“ erstmals eine Art Fortsetzung eines früheren Thrillers (seines Werks „Finster“) geschrieben. Wir dürfen gespannt sein, ob dies der Anfang einer längeren Serie sein wird. Die Grundlage, mit einem neugierigen Ex-Polizisten, der keine Ruhe findet, wenn etwas seine Aufmerksamkeit gewinnt, hat er sich geschaffen. Hans J. Stahl hat etwas von einer männlichen Miss Marple. In „Düster“, das merkt man deutlich, entwickelt Menger seinen Protagonisten stringent weiter. Stahl wird kantiger, marottenhafter und man kann sich sehr gut vorstellen, wie noch so manche „Stahlfälle“ auf uns zukommen, auch wenn die Hauptperson schon 73 Jahre alt ist. Vielleicht ein etwas später Einstieg für eine Buchreihe. Aber wer weiß? Vielleicht erhalten wir noch Fälle in der Retrospektive, zum Beispiel vom „Jungen Inspektor Stahl“.
Mengers Thriller einzuordnen fällt schwer, denn er bewegt sich zwischen Coziness, wenn es um Stahl und seine Lebensgefährtin Geli geht und brutalem Psychothriller à la Fitzek, wenn es um die dunkle Geschichte der Kindheit seines Täters oder den düsteren Umsetzungen seiner Morde geht. Menger spielt gekonnt alle Oktaven auf der ganzen Klaviatur des Thrillerwesens. Das macht das Buch abwechslungsreich und ähnlich wie es in der Musik mit Dur- und Mollakkorden ist, wirkt alles besonders durch den geschaffenen Kontrast. Es gibt Momente, in denen wir aufatmen können, nachdem wir gerade wieder einmal einen Mord miterleben mussten. Das gibt dem Buch einen dauerhaften, guten und weiterdrängenden Lesefluss.
1987
Was „Düster“ (ähnlich wie in „Finster“) zu einem wunderbaren Leseerlebnis macht, ist aber vor allen unser literarischer Ausflug in die 80er Jahre der Bundesrepublik Deutschland. Unsere Zeitreise macht einfach Spaß und sie gibt bestimmt vielen Lesern, die damals schon ein volles Bewusstsein hatten, fabelhafte Fragmente und kollektive Erinnerungen an die Hand, so dass wir uns zeitweise wie in einem virtuellen Museum zu diesem Thema befinden. Sei es durch der Tod Uwe Barschels, den Untergang der Herold of Free Enterprise oder einfach durch das Relikt, das die Welt der Jugend veränderte – den Walkman. All das bringt Atmosphäre, da all diese Dinge und Ereignisse bekannte Gefühle dieser Zeit hervorrufen.
Dies soll aber bitte nicht bedeuten, dass dieser Thriller nur für Leser der Boomer und GenX spannend sein kann. Es zeigt nur den Aspekt einer besonderen Fundgrube für ältere Leser (Anmerkung: Ich kann das sehr, sehr gut beurteilen, denn ich habe das Jahr (zumeist) beim vollen Bewusstsein erlebt und gehöre zur GenX).
Und weiter?
Eine Frage bleibt augenzwinkernd nach der Lektüre des neusten Werks Mengers im Raum stehen: Hat Menger seine eigenen Erfahrungen über Lesungen als bekannter Autor hier in seiner Geschichte eingebaut? Die Erfahrungen des Robert Wagners, dem die Hand schon schmerzt vom Signieren, genauso wie sein Gesicht vom Dauerlächeln? Autobiografisch? Und die weiblichen Fans?
Es bleibt also vielfältig spannend. Denn so drängt auch die Frage – wie eingangs erwähnt – wie viele Stahl-Thriller eventuell noch kommen? Mit „Düster“ hat Menger nun einen sehr soliden Auftakt einer möglichen Reihe geschrieben, so dass die Erwartungshaltung der mittlerweile großen Fangemeinde, bestimmt vorhanden ist, dass dies nicht der letzte Fall von Ex-Kommissar Stahl gewesen sein kann. Es bleibt – wie immer bei Ivar Leon Menger – spannend für alle, die seine Werke und seinen Werdegang verfolgen.