Was gibt es Neues in der Germanenforschung? Und: Gibt es da überhaupt Neues? Karl Banghard hat sich mit seinem Sachbuch „Die wahre Geschichte der Germanen“ eine große Aufgabe gestellt. Mögen wir nicht immer wissen, wie es war oder was war und auch nur oft auf Thesen aufgebaute Vorstellungen haben, so ist jedoch hier sehr klar, dass Banghard mit vielen Mythen, Märchen und Gerüchten rund um die Bewohner Mitteleuropas in der Antike, aufräumen will. Dazu zieht er – neben den bekannten Quellen um Cäsar und Tacitus – neuste archäologische Grabungsergebnisse vor, die zum Teil die schriftlichen Quellen (im Gegensatz zu vorherigen Interpretationen) bestätigen, zum Teil aber auch deutlich widerlegen. So startet er seinen (wie er es im Buch benennt) „Roadtrip“ durch Europa und fasst die aktuellen Ergebnisse zusammen. Ein interessanter „Rundumschlag“, durch ein fesselndes und nie endendes Thema.
Autor: Textopfer
Born to run | Bruce Springsteen
Ein amerikanischer Musiker zieht mit seinen großen Trucks und großer Crew um die Welt. Vor seinen Konzerten versucht er zu erklären, dass die aktuelle Lage in seinem Heimatland, nicht das Amerika ist, das er besingt – er distanziert sich vom Amerika des derzeitigen amerikanischen Präsidenten. Und wie reagiert dieser? Für seine Verhältnisse, bei diesem Rockmusiker plötzlich sehr zurückhaltend. Fast keine Beleidigungen, wie bei anderen Künstlern. Warum? Wer ist dieser Bruce Springsteen, bei dem sogar der ansonsten laut pöbelnde Donald Trump fast devot reagiert? Kleinlaut wirkt. Es erscheint, dass Springsteen die Seele Amerikas so sehr verkörpert, dass der derzeitige dunkle Geist etwas zurückschreckt.
Um sich dieser besonderen, eindrucksvollen Person zu nähern, ist meine klare Empfehlung, seine 2016 erschienene Autobiographie „Born to run“ zu lesen. Eine Musikerbiografie, die so viel mehr ist als die typischen imageaufpolierenden Werke, die man ansonsten in diesem Genre kennt. „Der Boss“, ist und bleibt der Boss, ohne den Boden zu verlieren. Das Werk ist eine Autobiographie und wirkt doch an so vielen Stellen in Sprache, Wirkung und Darstellung, wie ein Roman. Ein eindrucksvolles literarisches Werk, das uns den Menschen Bruce Springsteen, seine Sichtweisen und wie sie entstanden sind, von der ersten bis zur letzten Seite erklärt, ohne jemals wie eine Rechtfertigung zu klingen. Nie großspurig, ohne Legendenbildung – nur durch die pure Darstellung der Geschehnisse seines Lebens in den USA.
Die Vögel, Wenn Gondeln Trauer tragen und andere Novellen | Daphne Du Maurier
Du Mauriers Kurzgeschichten stammen aus einer Zeit, die noch keine harte Einteilung der Autoren nach Thrillern, Fantasy, Historischer Roman, Science-Fiction, Dystopie kannte. Autoren waren auf fabelhafte Art nicht festgelegt. Es ging nur darum gute Geschichten zu erzählen. Und so sind auch Du Mauriers Geschichten genreübergreifend. Genau das macht sie so spannend, denn wir wissen nie, wo wir hingeleitet werden. Und: Wie wird alles enden?
Daphne Du Maurier (1907 – 1989) war wohl eine der einflussreichsten Autorinnen des letzten Jahrhunderts. Jedoch scheinen viele sie nicht zu kennen. Auch wird sie nur selten genannt, wenn genau die Frage danach gestellt wird. 1952 schrieb sie, die hier vorliegende Kurzgeschichte, „Die Vögel“, die 1963 von Alfred Hitchcock verfilmt wurde und somit Filmgeschichte schrieb. Überhaupt beeinflusste Du Maurier den Großmeister des Films mit ihren Werken. „Rebecca“ und „Jamaica Inn“ (als Film „Riffpiraten“ und auch schon hier bei Textopfer behandelt) wurden ebenfalls große Erfolge des Regisseurs. „Wenn Gondeln Trauer tragen“ wurde zwar nicht von Hitchcock, jedoch mit dem unvergesslichen und großartigen Donald Sutherland 1973 erfolgreich verfilmt. Eine düstere, fast mystische Stimmung durchzieht den Film, wie auch die Kurzgeschichte. Eine Geschichte um den Tod, um Verlust, um Leben.
John | Bernhard Aichner
In Bernhard Aichners Welt werden Personen vollkommen neu besetzt. Er verdreht unsere Welt. John und Yoko sind nicht die lieben, etwas naiven, pazifistischen Aktivisten. Nein, sie sind eine Person, morden auf makabre Art, um ihre Gerechtigkeit zu erhalten, um zu überleben. Und dabei überschreiten sie Grenzen oder besser gesagt: Sie kennen keine Grenzen. Bernhard Aichner ist sich mit seinem neuesten Werk, selbst treu geblieben, ohne langatmig, langweilig oder eintönig zu werden. Ganz im Gegenteil. Sein Werk „John“ ist schnell, treibt uns von Seite zu Seite. Und dabei hatten wir uns doch alle nach dem Vorgängerwerk „Yoko“ gefragt: Was gibt es noch zu erzählen?
Wer den kurzweiligen, schnellen Thriller, fürs allabendliche Abschalten sucht, wird mit „John“ das richtige Buch finden. Man sollte, muss aber nicht „Yoko“ gelesen haben, um in diese rasante Fahrt einzusteigen. Man sollte sich in Aichners Welt aber darauf einstellen, dass viele Menschen „verschwinden“.
Reset – Die Wahrheit stirbt zuerst | Peter Grandl
Peter Grandls beeindruckendes Werk „Reset” hebt sich schon mit den ersten Zeilen deutlich vom großen Markt der Krimis, Kriminalromane, etc. die sich in Deutschland Thriller nennen, ab. Schon von Beginn an macht der Autor uns Lesern deutlich, dass es hier um weitaus mehr als schnöde Unterhaltung geht. Peter Grandl will unterhalten, ja, aber er hat mehr als nur eine durch und durch spannende Geschichte zu erzählen. „Reset“ verdeutlicht, wie – vielleicht in einem der ungünstigsten Fälle – unsere postmoderne digitale Welt sich urplötzlich dramatisch wandeln könnte. Unser fast religiöser Glaube an die immerwährende Verlässlichkeit von Technik hat uns in tägliche Abhängigkeiten gebracht, die beim Zusammenbruch, Millionen von Leben gefährden und kosten würden. Und wir verlassen uns dabei gleichzeitig oft allein auf unsere menschlichen Wahrnehmungen, unsere doch so leicht zu täuschenden Sinne.
Wenn die Welt keine verlässlichen Fakten mehr kennt, wenn z.B. Gesehenes nicht mehr verlässlich ist, dann stürzt die Welt ins Chaos. Denn wie können wir Fakten und Fiktion unterscheiden, wenn diese mit Logik nicht mehr zu unterscheiden sind? Was ist verlässlich? Da macht sich Angst und Panik breit.
Grandls Vision ist düster. Sie ist gut durchdacht, sehr gut recherchiert und daher so besonders bedrückend.
Das Spiel ist aus | Jean-Paul- Sartre
Es gibt Literatur, die einfach zeitlos ist, weil sie zeitlos schreibt und deren Themen die Menschen immer ansprechen werden – auch sie sind zeitlos.
Sartres Geschichte „Das Spiel ist aus“ aus dem Jahre 1943, ist solch ein Buch. Und vor allem ist es eines seiner Werke, bei dem ich mir sicher bin, dass es für jeden (auf irgendeiner Ebene) zugänglich ist.
Sartre reißt viele Themen an. Schon zu Beginn sterben seine sehr unterschiedlichen Protagonisten. Aber dieser Tod kennt keine Ängste oder Schmerzen. Der Tod ist profan und unspektakulär. Er hat mehr etwas Verwaltungstechnisches, nichts Religiöses – außer vielleicht, dass es ein Leben danach gibt. Aber klar ist: Bei ihm gibt es kein großes Mysterium rund um den Tod. Zu sterben hat etwas zutiefst Sachliches.
Aber „Das Spiel ist aus“ ist auch eine Geschichte der Klassenunterschiede und der Frage, ob es – selbst bei größter Zuneigung und Liebe – die Möglichkeit überhaupt gibt, dass man diese überwindet. Werden Sie immer die Welt der Menschen teilen?
Aber auch Verrat ist Thema. Oft sind es die, die uns verraten, die uns am nächsten stehen.
Der große Philosoph hat sehr viel in dieses kleine Werk gesteckt, so wie auch Faschismus, einhergehend mit dystopischen Elementen. Ein Werk, das als Drehbuch gedacht war und somit in reiner Buchform eher an eine Novelle oder kurze Erzählung erinnert.
Else | Katharina Zorn und Jasna Fritzi Bauer
Wir alle hatten wohl in den 60er und 70er Jahren (falls wir damals schon lebten) mindestens einen Willy in der Familie. Ja, und die Welt der Autos war männlich. Erst recht, wenn es um einen Mercedes ging! Mag der Name auch weiblich sein, der Fahrer war auf jeden Fall ein Mann. Alle Berufe rund ums Auto – der LKW-Fahrer, der Baggerfahrer, ja der Gabelstaplerfahrer (wie einer meiner Onkel) – ja, jeder, der hinter einem Steuer saß und etwas lenkte, die Richtung bestimmte, war „natürlich“ männlich. Und erst recht die Fahrer für andere: Busfahrer und natürlich Taxifahrer. Der Taxifahrer war eine Art Lonely Wolf der Großstadt, der jede Gasse kannte – der, wie autark, ganz allein in den großen Städten des Landes zurechtkam. Welch eine Revolution, wenn dann eine Frau als Taxisfahrerin in dieses Territorium eindrang. Wobei man trotz der Weiblichkeit, noch Taxifahrer gesagt hätte.
Katharina Zorn erzählt gemeinsam mit Filmemacherin Jasna Fritzi Bauer die Geschichte ihrer Oma Else, die diesen besonderen Weg ging. Eine Geschichte über eine sehr eigenewillige Frau, geschrieben aus einem zumeist sehr weiblichen Blick auf die damalige Gesellschaft der Bundesrepublik.
Konfliktzone Ostsee | Oliver Moody
Die Ostsee hat es geschafft, dass sie nunmehr fast täglich unsere Aufmerksamkeit erhält. Und dies nicht wie jahrzehntelang durch Begriffe wie Familienurlaub, Sonne, Sand und Meer. Nein, nun durch die geisterhafte, russische Schattenflotte oder geheimdienstorganisierte Anschläge auf Unterwasserkabel und Pipelines. All dies zeigt uns plötzlich die Verletzlichkeit unseres so festverankerten Glaubens an einen nicht endenden Frieden in Mitteleuropa. Die aktuellen Geschehnisse in der Ostsee sind (wie der Krieg in der Ukraine) deutliche Zeichen von dem, was als Zeitenwende in unsere Geschichtsbücher eingehen wird – egal ob positiv oder negativ behaftet. Es geht um einen deutschen Perspektivwandel auf die Welt, auf unsere unmittelbare Nachbarschaft, auf unsere derzeitige Situation. Für viele der anderen Anrainerstaaten hat sich die Perspektive bei weitem nicht so drastisch verändert, sondern nur verschärft, was eigentlich schon seit langer Zeit ihr Denken und Handeln prägte, ihre Gefahren und Ängste waren und sind. Sie beäugen Russland, sowie seine Enklave rund um Kaliningrad und versuchen mit viel Einsatz den russischen Einfluss, die gezielten Übergriffe auf ihre Länder abzuwehren. Die tägliche Bedrohung ist fassbare Realität dort. Aber was wissen wir von unseren neuen und alten Partnern im Osten und Norden?
Oliver Moody hat ein Buch geschrieben, das wie längst überfällig wirkt. Topaktuell lenkt es unsere Sicht auf einen Lebensraum, der unsere Aufmerksamkeit immer mehr benötigt, um die politischen Vorgänge und Gefahren jetzt und zukünftig immer besser verstehen zu können. Und genau dies schafft dieses beeindruckende Buch auf die beste Art eines Sachbuchs: Aufmerksamkeit und Verständnis zu fördern, indem es unsere Perspektiven für die Staaten des Ostseeraums schärft. Perspektiven, die wir zu oft vernachlässigt haben, obwohl wir unsere Partner dort dringend brauchen und von ihnen lernen können.
Zeit der Magier – Heinrich und Thomas Mann 1871 – 1955 | Hans Wisskirchen
Geschwister – ein kompliziertes Verhältnis zwischen Liebe und Konkurrenz. Vor allem, wenn beide Brüder, wie im Fall von Heinrich und Thomas Mann, sehr eigene Typen sind und der gleichen Profession nachgehen. Sie waren Künstler und Intellektuelle. Zwei ungleiche Magier und doch vom gleichen Stamm. Natürlich lagen sie mit ihren Einschätzungen und Sichtweisen auf die damalige Welt und möglichen Entwicklungen, auch mal falsch. Aber welcher politinteressierte Mensch tat das nicht in den Wirren des 20. Jahrhunderts?
Natürlich gibt es in der heutigen öffentlichen Wahrnehmung die deutliche Dominanz von Thomas Mann gegen Heinrich, aber das war während der Lebzeiten der beiden, vor allem zu Beginn des 20. Jahrhunderts, nicht so. Das ist der Blick vieler in der Retrospektive. Trotzdem sind beide Schriftsteller nur im Kontrast zueinander, in ihrer großen Verschiedenheit und Auseinandersetzung miteinander vollständig zu verstehen.
Hans Wisskirchen präsentiert uns die neusten Erkenntnisse der vergleichenden Wissenschaft über die beiden so ungleichen Brüder. Durch neue Quellen und viele Querverweise gibt es uns die Chance, mehr über beide und die Wechselwirkung der beiden aufeinander zu verstehen. Ein tiefer Einblick, der nicht nur die nüchternen Fakten zeigt, sondern vor allem die besonderen Tiefen des sehr menschlichen Verhältnisses der beiden zueinander. Manchmal sehr komplex, manchmal auch fast banal.
Die Victoria Verschwörung | Andreas Storm
Mit der „Victoria Verschwörung“ hat Andreas Storm nun seinen dritten Band rund um den Kunsthistoriker Dr. Lennard Lomberg geschaffen. Eine große Erwartungshaltung von seinen Lesern hieß es von Seiten des Autors zufriedenzustellen, denn die Bände zuvor waren historische Kriminalromane auf einem sehr hohen und im deutschen Sprachraum besonderen Niveau. Fakten und Fiktion wurden fabelhaft unterhaltsam vermischt, so dass es selbst für den geübten Historiker eine Herausforderung war, diese während der Lektüre irgendwie zu sortieren. All das machte den Charm der Lombardserie aus. Und genau dort – wo er seine beiden Eingangsromane stilistisch beendet hat – hat er nun, mit viel Erzählkunst und geschichtlichem Knowhow, wieder geschickt und gekonnt angesetzt.
Schon auf den ersten Seiten bekommt der Leser verschiedenste Fäden in die Hand und fragt sich: Was haben all diese historischen Ereignisse miteinander zu tun? Was wird sie zusammenführen? Es erscheint, als ob Storm neue historische Realitäten setzt. Das macht auf vielen unterschiedlichen Ebenen des Romans einen riesigen Spaß. Ein Buch, das bestimmt nicht nur geschichtsversierte Leser anspricht, sondern auch jeden, der die klassische Kriminalgeschichte liebt. Wir beginnen ungewollt Spekulationen zu kreieren – wir wollen mitlösen – wir wollen dabei sein!