Erschienen bei C.H. Beck
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Respekt vor der Leistung
Es gibt Sachbücher, vor deren Umfang man schon vor dem Lesen große Ehrfurcht hat. Wenn sie dann durch Akribie in ihrer Umsetzung und eine Recherche, welche auf dem halben Globus stattfand, auch das entsprechende Niveau mitbringen und sprachlich einbahnfrei geschrieben sind, dann schlägt das Herz des geschichtsbegeisterten Lesers höher – entwickelt man einen großen Respekt vor dieser Leistung. Welch ein Werk hat uns William Dalrymple hier erstellt. Ein Werk, das zwischen den Archiven in London und Neu-Delhi, von Europa bis ins Ferne Asien erarbeitet wurde und allein schon so deutlich macht, dass es hier nicht nur um irgendein beliebiges historisches Wirtschaftsunternehmen geht. Es geht um einen gigantischen Globalplayer der Neuzeit, der das Gebaren eines Staates – mit eigener Armee, eigenen Kriegen, mit Unterdrückung bis hin zur menschenverachtenden, fast sklavischen Ausbeutung – in sich hatte. Dieses Unternehmen war über Jahrhunderte die East India Company. Ein wirtschaftlicher Staat im Staate des britischen Empires. Wenn ganze Teile des entscheidenden Parlaments auch Aktionäre bei einem solchen Unternehmen sind, dann weiß man über den Einfluss und die Macht dieses Unternehmens. Vergleichbar wäre dies vielleicht nur, wenn man die heutigen Unternehmen eines Elon Musks, Jeff Bezos und Bill Gates gemeinsam mit hochrangigen Politikern der republikanischen Partei in den USA zu einem Unternehmen zusammenfassen würde. Ohne die EIC ist die Geschichte des britischen Empires nicht denkbar. Ein spannendes Thema in einem spannenden Werk unter der sehr passenden Überschrift „Anarchie“.
Freibrief
Schon mit ihrem ersten Freibrief am 31.12.1600 erhält die EIC so viel Möglichkeiten, dass sie sich zu einer souveränen Macht aufschwingen kann – eine eigene Imperialmacht.
In ihren Anfängen ist die EIC aber bei weitem nicht der Globalplayer. In Größe, Möglichkeit und Wirtschaftskraft steht sie weit hinter ihrer Konkurrenz aus den Niederlanden. Auch die Mogule im fernen Indien zeigen nur wenig Interesse an ihr und ihren Vertretern. Was sollen die Händler aus Europa diesen megareichen Regenten schon bieten?
Erst mit politischen instabilen Verhältnissen ändern sich dort die Möglichkeiten und der Einfluss (sei es wirtschaftlich oder auch militärisch).
Ein Highlight auf dem Markt der Geschichtsbücher
Dalrymple hat ein, wie eingangs geschildert, beeindruckendes Werk geschaffen (mit ca. 600 Seiten!). Ein Spaß für alle, die Sach- und Geschichtsbücher lieben. Speziell für Leser, die Interesse an der Geschichte des britischen Empires und seiner Gesellschaft haben und die die Geschichte der Entwicklung des globalen Handels besser verstehen wollen. Die Informationsflut ist riesig und während der gesamten Lektüre dauerhaft beeindruckend.
Ein wichtiger Zusatzaspekt zum Transport des umfangreichen Themas, sind die fabelhaften Bildteile, die auch immer wieder im Text angesprochen, miteinbezogen werden. Darüber hinaus gibt es vereinfachte geografische Karten zum Überblick über die Lage der wichtigsten Handelsplätze, sowie, neben den selbstverständlichen Quellennachweisen, ein gutes Glossar zu indischen und militärischen Begrifflichkeiten. Vor allem Ersteres ist ein Gewinn für die Lektüre des Buches. Alles in allem, ein Highlight auf dem Markt der Geschichtsbücher in diesem Jahr.