Erschienen bei Piper
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Das Spiel muss schon jeder selbst durchleben.
Als ständiges Mitglied des National Trust liebe ich es, jedes Jahr durch die Herrenhäuser Englands zu streichen und das Flair der englischen Upper-Class vergangener Jahrhunderte nachzuempfinden, die Dekadenz zu belächeln und mich selbst ein wenig herrschaftlich zu fühlen. Aber ich habe auch große Ehrfurcht vor den wunderbaren architektonischen Leistungen und natürlich vor den fabelhaften Gartenanlagen, die so viel Kreativität widerspiegeln. Jetzt erhalten wir in „Der Gastgeber“ unsere Einladung zu einem Krimidinner der besonderen Art. Wir begleiten Colin Alcott, der die Rolle des ungebetenen Gasts erhalten hat, hinüber zu einer Insel, auf das Herrenhaus Brighton Manor. Tja, wer geht nicht gerne zum Krimidinner? Autorin Alex March bringt uns das Krimidinner quasi nach Hause. In Form dieses Thrillers werden wir Zeugen eines makabren Spiels und vielleicht sind wir auch Teil des Spiels? Alles halt wie beim Krimidinner! Gerne würde ich schon mehr verraten, aber wer hier öfter vorbeischaut weiß: Hier wird nicht gespoilert. Das Spiel muss schon jeder selbst durchleben.
Locked-Room-Mystery
Der exzentrische James Vance lädt seine Freunde zu einem Krimidinner auf sein Herrenhaus ein. Wunderbarerweise möchte er in diesem Jahr auch seinen einstigen Freund Colin Alcott dabeihaben, mit dem er aber seit über 10 Jahren keinen Kontakt mehr hat. Wir ahnen, dass die Freundschaft zwischen diesen beiden damals nicht gut zu Ende ging. Colin kennt keinen der anderen „Freunde“. Es scheint, dass seine Rolle eine andere ist, als die, der anderen Gäste. Was plant James Vance? Und welche Rolle hat seine seltsame Assistentin Lydia, Fragen über Fragen, die uns gut „auf Trab“ halten.
Alex Marchs „Der Gastgeber“ ist natürlich eine schöne Hommage an die „Grande Dame“ des englischen Krimis Agatha Christie. Schon der gewählte Ort, als eindeutiger „Locked-Room-Mystery“ kommt uns so bekannt vor. Der geschlossene Raum voller Verdächtiger, bei denen wir jeden Augenblick damit rechnen müssen, dass einer dieser möglichen Täter das nächste Opfer ist, ist uns bekannt. March spielt auch hier herrlich mit unseren Vermutungen. Und hier sind wir ja nicht nur im Herrenhaus wie eingeschlossen. Nein, dieses liegt auch noch auf einer Insel. Da kommt niemand zur Hilfe, da kann keiner fliehen.
Darüber hinaus finden wir hier natürlich die arrogantesten Vertreter einer verlogenen Upper-Class, die alle ihre üblen Geheimnisse haben. Bitter-böser Sarkasmus schwingt in all den Sätzen der angeblichen guten „Freunde“ mit. Viel, viel britischer Humor. Agatha Christie hätte Spaß gehabt, an einem solchen Lehrling, wie Alex March.
Und bei allem schwingt mit „Nothing is as it seems.“
Englischer Stil absorbiert
Man glaubt bei der Lektüre von „Der Gastgeber“ nicht, dass die Autorin keine Engländerin, sondern Deutsche ist. Absolut hat sie den englischen Stil absorbiert, so dass wir nicht das Gefühl bekommen, hier einen Abklatsch von alt Bekanntem zu erhalten. Wer Agatha Christie Romane und Krimidinner mag, kommt hier voll auf die Kosten. Und Überraschungen gibt es auch. Hätte ich die Einladung zu diesem Krimidinner angenommen? Ja!