Erschienen im Penguin-Verlag
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Ist das ein Thriller?
Ist das ein Thriller? Oh, ja! Auch, wenn wir doch sprachlich und im Storytelling eigentlich etwas anderes erwarten. Thriller kann auch leiser, Thriller kann auch langsamer und all dies nimmt ihm nichts von der Spannung, vom Thrill. Zwar erfindet Chris Warnat den Thriller nicht neu, aber sie definiert ihn in vielen Nuancen anders. Und das macht ihren Thriller nicht zur Fast-Food-Lektüre, wie wir sie in diesem Genre, aufgrund des Überangebots, so oft finden. Nein, ihr Thriller besticht durch eine ungewöhnliche Mischung. Ein Thriller, der sich die Zeit nimmt in wohlplatzierten Worten und wohltemperierten, ausgefeilten Sätzen, die uns gekonnt mit einer ganz spezifischen Atmosphäre umgarnen, langsam einspinnt. „Vier Minuten Stille“ ist nicht nur ein Spannungserlebnis, sondern auch literarisch ein Leseerlebnis. Eine Fundgrube für alle, die Spaß an Sprache haben. Und in dieser sprachlichen Raffinesse erinnert das Werk manchmal doch eher an einen Roman. Und das mag den ein oder anderen Leser, der die Geschwindigkeit des klassischen anglo-amerikanischen Thrillers sucht und mag, vielleicht etwas holprig durchs Buch führen.
Das richtige Set-Up
Rahimi Wase von der Kripo Hamburg ist als Figur eine gute Wahl für diesen Schreibstil, denn er agiert mit emotionalem Feingefühl für die Situation, mit großer Empathie und auch mal gekonnt intuitiv. Zusammen mit seiner Kollegin Emma Paulsen steht er vor einem seltsamen Fall. Die ziemlich erfolglose Schauspielerin Rahel Winter ist tot. Kleidungslos liegt ihre Leiche im eiskalten Winter, leicht schneebedeckt, nur mit einer Kindermütze auf dem Kopf in ihrem Garten. Geprägt war ihr Leben von Alkohol und Depression, so dass es erst einmal naheliegt, dass es sich um einen Suizid handeln könnte. Aber ihre gesamte Geschichte ist weitaus komplexer, als alles zu Beginn erscheint. Und vor allem wird es für Wase noch sehr persönlich.
Auch wenn es direkte Verbindungen zu Chris Warnars erstem Thriller „Fünfzehn Sekunden“ gibt, ist das Werk trotzdem unabhängig davon gut zu lesen und zu verstehen.
Jedes Kapitel erhält von der Autorin ein individuelles Intro, um den Leser dann mit dem richtigen Gefühl in die weitere Handlung zu entlassen. Das ist zwar nach einigen Kapiteln sehr berechenbar, gibt dem Thriller aber auch hier eine besondere, eigenwillige Note und verstärkt doch deutlich den Willen der Autorin das richtige Set-Up für ihre Geschichte zu vermitteln.
…weil es anders ist und anders sein will
Natürlich dürfen Thriller auch platt, kurzatmig, zu tiefst trivial und mit dem vollen Klischee von Sex-Crime „rüberkommen“, aber es ist auch wunderbar zu sehen, dass Chris Warnat mit ihrer Sprache einen deutlichen Kontrapunkt zu diesem großen Teil des Genres setzt. Das mag mal umständlich klingen, stockt vielleicht daher mal die Handlung für einen Augenblick, aber es nimmt sich Zeit und setzt sich im Massenphänomen Thriller deutlich ab. Das tut gut, weil es anders ist und anders sein will.