Erschienen im Langen Müller Verlag
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
1986
Das Jahr 1986 war ein Jahr voller weltgeschichtlicher Katastrophen. Für mich war es das Jahr, in dem ich erstmals als Schüler des 10. Schuljahrs auf Abschlussfahrt die DDR und Ost-Berlin kennenlernte. Das war alles sehr bedrückend und beklemmend. Dieses Gefühl stellte sich nun direkt wieder ein, als ich nun durch Katrin Reisers Kriminalroman „Der Fall Fechtner“ wieder in diese besondere zeitliche Situation hineingeworfen wurde. Reisers Werk bietet einen wundervollen Zugang zu einem Teil der deutsch-deutschen Geschichte jener Zeit, den es nach wie vor gilt aufzuarbeiten, denn so viele Familiengeschichten wurde durch die Teilung in zwei sehr verschiedene Staaten durcheinandergewirbelt. Aber das Buch ist mehr als ein Roman (wie es auf dem Cover betitelt wird), es ist die Aufarbeitung der sehr persönlichen Geschichte der Autorin. Wie im Buch, ist Reisers Vater 1986 unter seltsamen Umständen in der DDR verstorben. Dies ist also nun ihr literarischer Umgang mit dieser Geschichte. Heraus kam ein Werk, dessen Anspruch – sich nämlich einer möglichen Realität anzunähern – man deutlich durchweg anmerkt.
Der autobiografische Aspekt
Ben ist 10 Jahre alt, als sein Vater, 1986, als Beamter des bundesdeutschen Landwirtschaftsministeriums in der DDR stirbt. Unfall oder Selbstmord ist die These, die auch von niemandem angezweifelt wird. Erst 17 Jahre später erhält Ben erste Hinweise, dass es sich um einen Mord, mit staatlich-politischen Hintergründen, handeln könnte. Langsam entwickelt sich in ihm der Ehrgeiz mehr zu hinterfragen, was ihm schon als Kind seltsam vorkam, er aber nie getraut hatte zu artikulieren.
Die Geschichte lässt aber auch den privaten Teil der Geschehnisse nicht aus und erklärt, was die Lücke des verstorbenen Vaters in der Familie und speziell für den jungen Ben bedeutete. Somit erhält diese auf dem ersten Blick vielleicht politisch anmutende Geschichte, einen sehr familiären Anstrich, der zeigt, dass Politik in jener Zeit sehr konkrete Auswirkungen auf die Familien hatte.
Die autobiografischen Aspekte zeigen sich besonders engagiert in der deutlich, permanent durchscheinen Vehemenz des persönlichen (und verständlichen) Sendungsbewusstseins der Autorin. Uns wird die Dramatik eines solchen gewaltsamen Todes des Vaters auf die Familie immer vor Augen gehalten. Dieser Tod hinterließ dort Fragen, Schweigen und, Verdrängen. Und somit ähnelt der Umgang dieses Todes in der Familie, dem Umgang, wie auf staatlicher Ebene dieser Tod ignorieret wurde.
Aspekte und Details
Katrin Reiser schafft es, dass sich das historische Setting (sei es 1986 oder auch 2002) absolut realistisch anfühlt. Der Roman ist voller kleiner zeitlicher, liebevoll eingearbeiteter Aspekte und Details (wie z.B. dem lokalbekannten „Bonner Loch“). Handwerklich gut durchdacht und konstruiert, funktioniert die „Zeitreise“ hier im Werk sehr gut. Hier zeigt sich Reisers Profession als promovierte Historikerin.
Wir dürfen also gespannt sein, was für Inhalte uns die Autorin in einem nächsten Werk – vielleicht ohne einem solchen dramatischen, biografischen Hintergrund – präsentieren wird.