Erschienen im S. Fischer-Verlag
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Ausnahmeautorin
Seitdem ich 2007 Tana Frenchs erstes Buch „In the Woods“ (auf Deutsch „Grabesgrün“ als Taschenbuch in den Händen hielt, verfolge ich den Werdegang der irischen Ausnahmeautorin. Allen Neuerscheinungen fieberte ich schon Monate vor dem Erscheinen entgegen. Ich gebe zu, dass der Bruch von ihren ungewöhnlichen Thrillern zu der derzeitigen Serie rund um den ehemaligen Cop Cal (beginnend mit The Searcher“/ “Der Sucher“, 2020) wirklich erst einmal literarisch für mich schwer zu verkraften war. Aber heute und gerade mit dem neusten Werk, Band III, „Wie ein Fluss in der Nacht“ bin ich nun endgültig in dieser „Welt“, in dieser besonderen Atmosphäre angekommen (obwohl ich zugeben muss, dass ich dem Stil ihrer frühen Werke nachtrauere). Zwar wird das Werk auf seinem Cover als „Roman“ angekündigt, aber es ist bei weitem kein reiner Roman. Im Kern ist es ein Kriminalroman, mit immer wieder aufkommenden Thriller-Vibes. Alles ruhig, mit subtilem Thrill und somit sehr kunstvoll umgesetzt. Hier schreibt eine Meisterin ihres Faches. Ein Buch, das einen leise durch die Geschichte lockt, von Situation zu Situation. Und wir sind ganz nah bei diesen Menschen.
French liebt ihre Hauptpersonen
Der ehemalige Cop Cal aus Amerika hatte eigentlich geplant, in seinem Vorruhestand ein Haus instand zu setzen, um dann Europa zu bereisen. Nur dass es auf dem Land in Irland, in Ardnakelty eigene Dynamiken gibt, damit hatte er nicht gerechnet. Und so stirbt die junge Rachel, die mit dem Sohn des ortsbekannten Unternehmers Tommy Moynihan zusammen war. Alle gehen von Selbstmord aus, da es einfach scheinbar besser in ihr Leben passt. Aber natürlich gibt es eine weit größere Geschichte dahinter.
Tana French liebt ihre Hauptfiguren und geht behutsam mit ihnen um. Der Tonfall, die Wortwahl und der Umgang untereinander zwischen Cal, Lena und Trey sind sanft bis zeitweise vorsichtig. Und dies zieht sich – selbst in der größten Schrecklichkeit – mit einer leisen Ruhe durchs Buch. Und so sind auch wir diesen, nicht immer leicht zugänglichen Charakteren, sehr nahe. Überhaupt ist French atmosphärisch stark. Dies beweist sie nicht nur in ihren Dialogen, die sowohl theatralisch, als auch psychologisch stark sind, sondern auch in den herrlich, oft ironischen, Szenen aus der Männerwelt des irischen Pubs. Die schnellen Redegefechte, der derbe Humor und das freundliche Witzeln – all dies wirkt, bei mancher Grobheit, sehr liebevoll und authentisch.
Großes Kino in Buchform
Frenchs Werke sind ein literarischer Genuss und durch ihre Ruhe etwas sehr wichtiges auf einem Buchmarkt, auf dem sich ein angeblich spektakuläres, laut brüllendes und um Aufmerksamkeit haschendes Buch neben dem anderen durchsetzen will. Tana French zeigt, dass spannende Literatur ganz anders, sehr individueller, ruhiger, gelassener und intelligenter funktionieren kann. Ihre ruhige Atmosphäre wirkt, denn wir haben schon von Beginn an das Gefühl, dass irgendetwas diesen Frieden stören wird – irgendetwas ist schon da, aber wir erkennen es nur noch nicht. Das ist ganz großes Kino in Buchform.