Erschienen im KiWi-Verlag
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Eine normale Familie?
Nathalie scheint im Traum der perfekten Familie angekommen zu sein. Mann, Kind, Leben auf dem Land und das möglichst autark, mit Selbstversorgergarten, und, und, und…. Was kann da schieflaufen? Ok, irgendwie ist ihre Tochter Ruby in ihrer Entwicklung scheinbar etwas verzögert und somit ergeben sich für Nathalie nervige und aus der Sicht Ihres Mannes unnötige Gespräche mit Erzieherin Jenny. Und was ist eine normale Entwicklung? Wir bewerten Kinder in ihrer Entwicklung, wie in einer gesellschaftlichen Qualitätskontrolle, ja wie in einer Firma, die Nähmaschine oder Kühlschränke herstellt. „Ihr Kind ist 6 und es kann noch nicht…?“
Nathalie sorgt sich auch um Ruby. Und es ist etwas anders, was sie an Jennys besonderer Aufmerksamkeit für ihre Tochter stört – etwas, was über die Störung ihrer sozialen Interaktionen hinausgeht.
Und so langsam scheint für uns bei dieser Familie etwas durch, das nämlich doch nicht alles perfekt ist, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Autorin Judith Marchant zieht uns sanft in eine Geschichte, die harmlos beginnt, die aber schnell ahnen lässt, dass dies nicht so harmlos bleiben wird.
…immer mehr Risse
Auf besondere Art verunsichert uns Autorin Judith Marchant von den ersten Seiten an. Ihre Nathalie ist mit ihren Worten entweder nicht ganz ehrlich zu uns oder selbst in einem Zustand tiefster Verunsicherung. Oder beides? Auf sprachlich ganz besondere Art schafft Merchant so eine Atmosphäre, die uns ein- und mitnimmt, die uns sagt: Hier stimmt etwas nicht. Wir erfahren die Oberfläche, ahnen dass uns nur eine familiäre Kulisse vorgestellt wird, die schon nach den ersten Seiten Risse bekommt. Dieses erzählerische Spiel mit uns beherrscht Merchant wirklich meisterlich. Wir bleiben lange in einem Rätselzustand, ob wir vielleicht absichtlich belogen werden, ob vielleicht Nathalie selbst das Problem ist oder viele Dinge hier eine große Illusion? Das fördert bestens unsere Neugierde. Diese fabelhafte Spannung müssen wir erst etwas durchhalten. Wir dürfen in Spekulationen gehen, was dies für eine Familie ist. Die Kulisse der so bürgerlich wirkenden Kleinfamilie, die Verhältnisse untereinander – all dies erhält immer mehr Unklarheiten.
Dezent, intelligent, einnehmend
Wer Geschichten mit gekonntem Aufbau mag, der ist hier in diesem Thriller an der absolut richtigen Stelle. Was auch sehr charmant an Merchants Werk ist, dass wir gekonnt, sanft in die Geschichte hineingeleiten, aus der wir dann auch nicht einfach aussteigen können und wollen. Uns zwingt es nach der Auflösung, die – das mag dann doch schon gesagt sein – doch sehr anders sein wird, als wir vielfach zwischenzeitlich gedacht haben. Ein etwas anderer Thriller in der großen Flut dieses nach Extremen und Exzessen gierenden Genres – nämlich dezent, intelligent, einnehmend.