Dan Jones hat sich in den letzten Jahren seinen festen Platz in der aktuellen europäischen Geschichtsschreibung gesichert. Und ich gebe zu, dass ich seit dem sensationellen Werk „Kampf der Könige“, rund um das Haus Plantagenet, auf sein nächstes Werk hin geschmachtet habe. BBC-Journalist, Historiker, bekannt aus TV-Dokus (z.B. über den Brand Londons 1666) repräsentiert er die typische moderne, mitreißende, faktensichere Geschichtsschreibung im anglo-amerikanischen Raum. Diese Art des Schreibens fasziniert sowohl Fachleute wie auch Newcomer im Bereich Geschichte. Somit ist auch sein neuestes Werk ein Buch für die, die sich schon ganz lange für Geschichte begeistern und auch die Leser, die noch den nötigen Überblick suchen.
Kategorie: Sachbuch
Der Papst, der schweigt – die Geschichte von Pius XII, Mussolini und Hitler | David I. Kertzer
Es herrschen die grausamsten Diktatoren, die die Welt sich vorstellen kann. Sie morden, quälen millionenfach – entfachen den größten Krieg der Menschheit. Und was macht der erste Vertreter des christlichen Glaubens? Des Glaubens, der angeblich für Menschlichkeit, Nächstenliebe, Fürsorge steht? Der angebliche Stellvertreter Gottes und Christi auf Erden? Ein Mann, der sich als Nachfolger eines Märtyrers sieht, der für seine Überzeugung gestorben ist? Welche Reaktion kommt aus seinem Palast? Was sagt Pius XII zu Hitler und Mussolini? Er schweigt oder hält tief exegetische Predigten, die sehr viel Spiel lassen, wie man sie verstehen kann. Nichts Konkretes, keine Hilfe, kein Wort für die Millionen unschuldigen Opfer! Das Schweigen Pius XII ist in diesem fabelhaften, großen Werk von Pulitzer-Preisträger David I. Kerzer fast nicht auszuhalten! Ein wichtiges Werk, ein – nach wie vor – brisantes Thema! Denn es macht klar: Pius XII ging es darum seine Institution zu retten – vielleicht sich zu retten, aber nicht um die wehrlosen Opfer der Faschisten und der Nationalsozialisten.
Surrender – 40 Songs, eine Geschichte | Bono
Ja, ich muss hier direkt zugeben, dass ich absolut nicht neutral an dieses Buch herangehen konnte. Ich bin seit meiner Jugend der totale Fan der irischen Band U2 und vor allem ihres charismatischen Sängers Bono (zuerst noch Bon Vox, gebürtig aber eigentlich Paul David Hewson), der die literarisch oft tiefgreifenden Texte dieser Band (und manche Texte sind ein Mysterium für den Zuhörer) verfasst. U2 ist nicht irgendeine Band – U2 hat all die Menschen, die ihre Jugend in den 80er/90er ansiedeln geprägt.
Somit möchte ich gar nicht versuchen meine Rezension als „neutral“ darzustellen. Das kann sie nicht sein – dass vermögen meine Gedanken nicht. Um meiner Herangehensweise zumindest etwas den Versuch einer kritischen Distanz zu geben, kann ich höchstens die Fragestellung an mich selbst stellen: Wurden deine sehr hohen Erwartungen an dieses Buch ansatzweise erfüllt? Und hier muss ich ehrlich und unmissverständlich sagen: Ja!
Und genau das möchte ich hier erklären
Cancel Culture – Ende der Aufklärung? | Julian Nida-Rümelin
Unsere Gesellschaft steigert und spaltet sich immer extremer im Streit. Es erscheint, dass die verschiedenen Pole sich immer unversöhnlicher gegenüberstehen! Ein Stein z.B. des Anstoßes: Political Correctness der Sprache! Aber geht es hier überhaupt um Sprache? Geht es nicht darum bestimmtes Denken, bestimmte Meinungen zu verbieten? Geht es um die Sprachpolizei oder gar um orwelsches Neusprech? Woke-Sprache oder Intoleranz? „Cancel Culture“ ist das Reizwort! Und Julian Nida-Rümelin nähert sich diesem Thema philosophisch gekonnt und souverän. Mutig ist ein solches Buch zu dieser Zeit in dieser Gesellschaft, denn es gleicht emotional bei vielen Gruppierungen in unsrer Zeit einem Minenfeld. Dazu geht Nida-Rümelin geschickt in die Geschichte der Philosophie. Die Beispiele wirken oft wie Analogien. Deutlich wird, dass es den Versuch, unliebsame Meinungen moralisch zu unterbinden – ja, eventuell sie ganz auszulöschen, immer schon gab. Nida-Rümelin hilft mit seinem Weg dem Thema etwas die vorgefertigte emotional verkrustete Meinung zu nehmen. Es wird wieder sachlicher! Wir beginnen uns kritisch mit der Methode auseinanderzusetzen und sind weniger in z.B. Geschlechts- und/oder Gesellschaftsdebatten.
Anatomie des Verbrechens – Meilensteine der Forensik | Val McDermid
Ein Sachbuch? Bei dieser Autorin? Habe ich etwas falsch verstanden? Ich war verwundert, als ich den ersten Werbehinweis auf dieses Buch in die Finger bekam. Und was es für ein Sachbuch ist! Mehr als nur das eigentliche Thema über die großen Meilensteine der Forensik. Nein, wir lernen etwas über diese erfolgreiche schottische Autorin selbst. In der Dynamik so vieler Sätze und Abschnitte dieses Buches verrät Val McDermid, was sie an Mord, an Verbrechen fasziniert. Diese Motivation, diese Neugierde steckt an! In akribischen wissenschaftlichen Rekonstruktionen von Tathergängen, präsentiert sich hier eine Fachfrau. Hier lernen wir wahrscheinlich- weit weg von ihren mitreißenden Krimis – die wahre Motivation der Erfolgsautorin kennen. Und man liest begeistert, welches Wissen sie von dieser besonderen Wissenschaft hat. Auch wenn es zum Beispiel einmal unappetitlich wird und wir das Arbeiten von Maden oder Schmeißfliegen (die mit zwei Haken an ihrem Mund verwesendes Fleisch zerkleinern können) geht.
Glanz und Größe – Der Aufbruch Europas 1648 – 1815 | Tim Blanning
Welch ein Werk! Ein Werk für alle Geschichtsfreaks und – fans! Für alle, die sich gerne in die tiefen der Geschichte abseilen und es lieben, dort die Welt zu erforschen und erkunden. Glanz und Größe meint hier den Aufbruch Europas in die Neuzeit. Aber für mich passt es zu diesem großartigen, voluminösen Werk, welches allein schon durch seinen Umfang (über 900 Seiten mit Quellen und Kartenteil) absolut besticht! Wie so oft, sind es Menschen außerhalb Europas, die uns die Geschichte Europas besser nahebringen. Vielleicht ist es dieser Blick von außen, der neutraler bewertet – somit nie die „Nationale Brille“ auf hat. Tim Blanning schafft dies auf jeden Fall.
Adieu, Osteuropa – Kulturgeschichte einer verschwundenen Welt | Jacob Mikanowski
“Das kaleidoskopartige Muster aus Sprachen, Berufen und Gesellschaftsklassen, das das Leben in Osteuropa strukturierte, wirkte auf Außenstehende oft rätselhaft, aber auch für Einheimische konnte es eine Herausforderung darstellen.”
Und so wirkt es bis heute auf uns! Jacob Mikanowski erzählt hier liebevoll und emphatisch diese Geschichte, in der Form einer Kulturgeschichte!
Es gibt kein Land, das Osteuropa heißt oder Menschen, die sich als Osteuropäer sehen. Daher hat dieses Buch einen wunderbaren, bezaubernden Ansatz dieser Geschichte Osteuropas, es sieht das historisch Verbindende in vielen Teilen gelebter Kultur. Dort spricht wohl kaum jemand von einer Geschichte, sondern von lettischer oder ukrainischer, etc. Geschichte. Es ist also in diesem Buch erst einmal der Blick von außen auf einen gemeinsamen Kulturraum – von sich gegenseitig prägenden Ländern. Ein Blick auf viele Länder, die während der Sowjetzeiten oft so grau wirkten und die in ihren Nationalitäten, Religionen, Geschichten so vielfältig und bunt sind.
Frauengeschichten – Kulturgeschichten aus Kunst und Musik | Anja Weinberg
Wo finden wir sie in der Geschichte? Die Frauen in der Musik, Kunst Kultur? Gab es sie? Oh, ja!
Anja Weinberger gibt uns in ihrem Buch viele Antworten dazu! Ein Buch, das durch viele Geschichten in Form von individuellen kurzen Biografien, ja, durch viele Darstellungen von Frauenleben in den Jahrhunderten eine klare Antwort gibt: Sie waren immer da! Wir müssen uns nur die Mühe machen, genauer hinzuschauen- die Mühe machen sie zu finden. Und es ist spannend dies gemeinsam mit der Autorin zu erforschen! Wir erleben Frauen, die um ihr Werk und Ansehen kämpften, aber auch zeitweise “schräge Typen” waren.
Moral – Die Erfindung von Gut und Böse | Hanno Sauer
Ja, und wir brauchen es mehr denn je! Unsere “Moral” ist zurzeit scheinbar im Dauerkrisenmodus und scheint sich in linken und rechten Identitätskonflikten aufzureiben. Wer glaubt, dass dies ein Thema von Vorgestern ist, muss beantworten, wie wir zukünftig zusammenleben wollen und sollen. Daher ist dieses Buch zutiefst aktuell und absolut am Puls der Zeit! Und ich gebe zu: Es fällt mir an dieser Stelle sehr schwer nicht zu spoilern, weil es nun so viel aus diesem Buch zu berichten gäbe!
Sprechen wir über Moral, klingt doch im Allgemeinen darin für uns schnell ein Verbot, etwas von Restriktion, mit. Ja, etwas, dass unser Handeln, unsere Freiheit einschränkt. Aber die Moral in unseren Gesellschaften ist etwas tief Verbindendes – gemeinsame moralische Vorstellungen sind der Kitt der Gesellschaft. Gleichzeitig kann es auch für andere Teile den Ausschluss bedeuten. Aber wir brauchen Moral – einen festen Normen- und Wertekomplex unseres Handelns. Selbst der Mensch, der sein Handeln als amoralisch einordnet, muss eine Vorstellung davon haben, was Moral bedeutet.
Die Geburt des römischen Kaiserreichs | Barry Strauss
Immer wieder setzen wir uns mit der Geschichte Roms auseinander- unzählige Male. Und warum? Weil uns alles als so typisch menschlich erscheint! Wir erkennen die Schwächen und Stärken rund um das Thema der Macht. Denn viele Geschichten haben die Züge von Parabeln. Bei der Schlacht von Actium stehen sich 31v. Chr. Marcus Antonius mit Kleopatra und Octavian mit seinem Admiral Marcus Vipsanius Agrippa gegenüber. Eine sehr heterogene Gruppe, die das Schicksal dort zusammengebracht hat. Marcus Antonius, Lebemann, Spross einer Skandalfamilie aus Rom. Dagegen: Octavian, der 18jähriger Haupterbe Cäsars und der so vor allem den türöffnenden Namen erhält. Sein Freund Agrippa, sein Unterstützer der ersten Stunde! Und – auf der Seite des großen Heerführers Markus Antonius – die ptolemäische (also eigentlich griechische), mit einem Gespür für Macht ausgestattete, ägyptische Königin Kleopatra. Ein vom individuellen Ehrgeiz jedes Einzelnen getriebene Quartett.