Viel ist geschrieben worden über den Fänger im Roggen und wer ist eigentlich dieser Holden Caulfield. Dieser Ich-Erzähler, Teenager, der uns ganz unverblümt sagt, dass er nun mal immer lügt. Und dies zieht er in einer großmäuligen Art durch den gesamten Roman. Und dazu passiert auch nicht viel und es vergeht nicht viel Zeit – nur ein Wochenende. Aber dieser verlogene, großmäulige Teenager hat seinen eigenwilligen (oft arroganten) Blick, entwickelt seine Ansicht, wird unterschätz, schlägt quer und äußert dann plötzlich eine zutiefst dunkle Philosophie. J.D. Salingers Werk ist eine große Fundgrube – auch nach über 70 Jahren. Und dies nicht nur für die Menschen, die sich als gebildet und intellektuell ansehen und somit Klassiker lesen. Nein, auch nach wie vor für junge Menschen, die am Start des Lebens sind. Ein dynamischer Klassiker, der das Kontroverse nicht verloren hat. Auch, wenn die Zeit fern ist – seine Haltung ist generationsübergreifen und wahrscheinlich auch für GenZ eine Fundgrube: „Manchmal benehme ich mich um einiges älter, als ich bin – wirklich -, aber das merkt dann bloß keiner. Die Leute merken nie was.“ Holden ist halt zeitlos als junger Mensch sehr klar und unterhaltsam: „Aber man weiß nie – bei der Mutter von jemand, meine ich. Mütter sind alle leicht gestört.“
Kategorie: Roman

Wie ich unsterblich wurde | Nero Campanella
Wer will es nicht sein? Unsterblich! Unsterblich für die Menschheit! Das besondere Werk geschaffen, das vielleicht Jahrhunderte in die Menschheitsgeschichte nachhallte.
Nero Campanella kreiert Decker, der eigentlich ein Dilettant ist, aber Großes in sich spürt. Er erklärt uns, wie er unsterblich wurde.
Das Buch spielt während der Coronazeit und der Autor überfällt uns etwas damit, dass er die Hauptperson Decker vorstellt, indem er diesen sich erst einmal übergeben lässt. Decker ist ein etwas runtergerockter Typ. Aber auch ein etwas sensibler Mensch, dem bei heftigen Nachrichten direkt der Magen versagt. Nun ist er, Hegelianer und Schriftsteller, auf dem Weg ins tiefste Brandenburg – etwas fern ab. Eingeladen vom saarländischen Kultusministerium soll er ein Buch schreiben. In einer Villa mit einigen anderen Gästen, Pseudokünstlern, Pseudo Intellektuellen, haust er einige Wochen mit großem, kreativem Ziel. Decker hat sich nichts anderes vorgenommen als die Deutsche Gegenwartsliteratur in die Luft zu sprengen.

Ich, Sperling | James Hynes
Bildung, Wissen, Ästhetik – dafür steht die Antike. Wir befinden uns in diesem Roman kurz vor dem Untergang diese Zeit, im 4. Jahrhundert nach Christ Geburt, im Süden des heutigen Spaniens – in Hispania. Wir befinden uns also kurz vor dem langen Schlaf der Kultur und des Wissens im kommenden Mittelalter. Auch Jakob, die Hauptperson, geht nicht mehr davon aus, dass seine Geschichte zukünftig von jemandem gelesen wird. Es erscheint, dass alles in Vergessenheit geraten wird.
„Ich, Sperling“ ist ein eindrucksvoller, besonderer Roman in einer historischen Umgebung. Geprägt ist das Erzählen des Autors James Hynes durch eine fabelhaft lyrische, bunte, vielfältige und sehr ausgefeilte Sprache, voller intensiven Darstellungen, die sich in Momenten der Gewalt und des Sex plötzlich brachial und derb präsentierten kann. Das alles ist ausdrucksstark und verfehlt beim Leser nicht seine Wirkung.

Da bin ick nicht zuständig, Mausi
Vorsicht, Vorsicht: Satire! Und sie nimmt sich nicht zu ernst!Was gibt es Deutscheres als die deutsche Verwaltungsbürokratie, getragen von einem starren Beamtenapparat, welcher scheinbar in einer penetranten Überreguliertheit das Leben der Bürgerinnen und Bürger immer weiter verkompliziert. Lebst du in Deutschland, so ist dies der Kampf, in dem jeder Bürger immer wieder bestehen muss! Und man kann sich aufregen – was wohl die erste Reaktion ist – oder einfach nur darüber lachen und mit viel, viel Ironie alles nicht zu ernst nehmen. Genau dies vermittelt Conny from the Block. Nun als Buch verpackt, was die Nation zuvor schon oft in Social-Media erleben durfte. Um jedoch den Tonfall, die comicgleichen Charaktere besser vor dem geistigen Auge spielen zu lassen, rate ich dringend, sich kurz vor der Lektüre einmal einige Sequenzen aus der Welt der „Conny from the Block“ auf YouTube oder Instagram anzuschauen. So wird die Ironie weitaus verständlicher.

Die fernere Zukunft | Adam Thirlwell
Welch ein eigenständiges und eigenwilliges Werk hat uns Adam Thirwell durch diesen Roman geschenkt! Kraftvoll, dynamisch, wortstark, in einer zeitlosen und zeitweise skurril verknüpften Umgebung. Wir sind in Frankreich der Vorrevolution und Revolution und werden auch ins revolutionäre Amerika geführt, aber gleichzeitig sind wir auch in unserer „Jetzt-Zeit“. Ein revolutionärer Erzählansatz über eine Geschichte aus einer stürmischen Revolution, über den gelebten (vor allem hier feministisch gelebten) Willen, frei von gesellschaftlichen Konventionen zu leben. Und dies fordert vollkommen überraschende Reaktionen. Es liegt Veränderung, der Wille nach mehr als dem bisherigen Leben, in der Luft. Daher sind die Personen direkt und alles hinterfragend. Thirlwells Schreibstil ist stark, wie seine Hauptperson Celine. Er inszeniert sie durchweg in den extremen Emotionen der Jugend, auch wenn sie älter wird. Diese sind voller Leidenschaft, Gedanken an Sex, Wut und Rache. Celines Auflehnen findet intensive Frauensolidarität in ihrem Kampf gegen ein Patriachat, das als natürlich gegeben um die Ecke kommt und das man nicht unterschätzen sollte.

The Marriage Act – bis der Tod euch scheidet | John Marrs
In seinem neusten genialen Werk hat John Marrs die dystopische „schöne neue Welt“, die uns durch die Digitalisierung und die Gefahren versagender Demokratien blühen kann, erneut fabelhaft auf den Punkt gebracht. Und ganz oft überkommt uns während des Lesens das Gefühl, dass wir sehr, sehr knapp vor dieser Welt stehen und wir schon in wenigen Monaten und Jahren in dieser Welt leben könnten. Das ist nicht das zeitliche Science-Fiktion-Katapult in eine ferne Zukunft in 200 oder 300 Jahren. Nein, das ist die mögliche, erdrückende Lebensrealität vielleicht im Jahr 2024 oder 2025. Und all dies hinterfragt unser Jetzt! Unsere naive Technikgläubigkeit, unseren eingepaukten Positivismus, in dem wir glauben, dass am Ende immer alles gut wird. Wird es aber nicht!

Der Abstinent | Ian McGuire
Ich mag gut recherchierte historische Romane, die mal nicht an den typischen Orten (London, Rom, Paris) und mit den typischen, historischen Personen (berühmten Könige, überhaupt Blaublütern aller Zeiten, berühmten Politiker, etc.) spielen. Somit ist „Der Abstinent“ eine wunderbare, willkommene Abwechslung im Genre! Schauplatz hier ist eine der englischen Metropolen der Industriellen Revolution: Manchester in den 1860er Jahren. Eine schmutzige, laute, quirlige Stadt der Arbeiter und mittendrin der immer wieder aufkeimende Konflikt zwischen England und den Iren, die hier eine Art Enklave haben. Solch ein Ort in solcher Zeit ist Schmelztiegel der politischen Probleme, ist Schmelztiegel zischen „Oben“ und „Unten“, zwischen Bevölkerung und Staatsvertretern, zwischen den Nationalitäten. Wenn dann noch eine Winzigkeit geschieht, können schnell die sozialen Probleme alles zum Explodieren bringen. Somit sind hier Ort und Zeit eine geniale Wahl!

Noch wach? | Benjamin von Stuckrad-Barre
Ja, ich habe nun ein Buch gefunden, das ich des Öfteren in diesem Jahr auch einigen Menschen, aus gegebem Anlass, schenken werde. Denn ich kenne solche Typen! Männer, irgendwo zwischen Mitte 30 bis Mitte 60, die sich jenseits von Gesetzen, Regeln, Verpflichtungen (welche nach ihrer Meinung für andere, aber nicht für sie gelten) empfinden. Ständig unter Strom! In ihrem Umfeld mächtige Männer oder die, die immer mächtig wirken möchten. Für die Bildung, Wissen, Erfahrung nicht unbedingt viel zählen – die sich lächerlich darüber machen! Die in ihrem Allmächtigkeitsgefühl nerogleich nur noch ihre Wahrnehmung und Wahrheit ausleben, akzeptieren und Unterwerfung erwarten. Kritik wird sofort bekämpft – Kritik bedeutet Krieg!

Der Sonne so nah | Axel S. Meyer
Was für eine fabelhafte Idee, die Leben zweier Pioniere der Luftfahrt in solch einer Form in Beziehung zu setzten. Zweier Personen, die ein ganz besonderes Ego hatten, mit Hartnäckigkeit, Durchsetzungsvermögen, Kreativität – zwei besondere Typen:
Ferdinand Graf von Zeppelin und Otto Lilienthal!
Und aufgrund dieser Persönlichkeiten sind die Wege sehr, sehr unterschiedlich!
Dieses Buch ist ein frühes Lesehighlight in diesem Bücherjahr, das jeden, der Spaß hat an niveauvollen historischen Romanen, eine sehr gute Zeit garantiert!

Siddhartha | Hermann Hesse
Erschienen bei Suhrkamp Klassiker ohne Ablaufdatum! Immer wieder ist es mir wichtig in diesem Blog…