ISBN 978 3 758367786
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Durch die Augen der Kinder
Als am 22.02.2022 Russland die Ukraine überfiel war Europa geschockt. Nur wenige haben es zu diesem Zeitpunkt für möglich gehalten, dass es in unserer Zeit in Europa wieder Kriege um Territorialansprüche geben könnte. Nachdem wir in den ersten Tagen wohl davon ausgingen, dass dieser Krieg – durch die Ungleichverteilung der Kräfte – schnell zum Nachteil der Ukraine ausgehen würde, erleben wir nun bis heute, wie das ukrainische Volk seine Souveränität verteidigt. Und dies täglich, seit nunmehr über viereinhalb Jahren. Aber wie jeder Krieg – auch wenn er, wie dieser so nahe „vor unserer Haustüre“ stattfindet – verschwindet das Tägliche aus unseren Nachrichten, aus unseren Gedanken. Wir sind nicht mehr geschockt, sondern nehmen nur noch zur Kenntnis. Martin Kreuels hat dies zum Anlass genommen, uns von diesem Krieg, vor allem aus dem Blickwinkel durch die Augen derer zu erzählen, die ihn am meisten ertragen müssen, die ihn aber am wenigstens zu verantworten haben und denen aber einer der wichtigsten Teile ihres Lebens genommen wird. Sein Buch ist der Blick auf den Krieg durch die Augen eines ukrainischen Kindes.
Kreuels schreibt auf besondere Art, der man sich nicht entziehen kann, nämlich emphatisch, mitfühlend und mitnehmend. Sein Werk ist engagiert. Ein Appell für den Frieden und dafür, die Auswirkungen eines Krieges auf die schwächsten Mitglieder einer Gesellschaft nicht zu vergessen, auf die, die kein Mitspracherecht haben.
Entlarvend
Wir begleiten Danylo und seinen Freund Mykyta aus Fastiw durch die Kriegszeiten. Schon früh verliert Danyll seinen Vater, der in den Krieg gezogen ist. Wir müssen erleben, wie schwer das Leben für Danylo und seine Mutter wird. Und lernen, dass der Krieg Elend vervielfacht, keine Rücksichten nimmt und keine Gerechtigkeit kennt. Es wird sie noch härter treffen. Danylo und seine Familie werden z.B. die Gefahren von Landminen, die wie Spielzeug aussehen, kennenlernen, werden merken, dass die Trauer um den Vater und den Ehemann, in Ausweglosigkeit und Depression enden kann und dass die Angst vor dem, was noch kommen wird, nicht endet. Und wir dürfen sie begleiten.
Kreuel Buch wirkt wie ein Kinderbuch, ist es aber bei weitem nicht. Es ist ein Buch für Kinder und uns Erwachsene. Kreuels nutzt die oft naive Sicht des Kindes, um uns in die Realität zurückzuholen. Der ungetrübte Blick lässt keine Ausreden zu, sucht Erklärungen für das zeitweise Unerklärbare. Die durch die Augen eines Kindes geschrieben Kapitel haben etwas entlarvendes in dieser kindlichen Naivität. Sie beobachten, erfinden oft naheliegende Erklärungen und werten wenig. Kinder sind halt der Realität ausgesetzt, müssen diese annehmen – können diese nicht verändern,
Ein Buch über den Krieg für Kinder, betont der Autor im Vorwort, doch es wird zu einem Buch, über das Eltern und Kinder in den Dialog über das Thema „Krieg“ kommen können.
Das Erbarmungslose des Krieges
Kreuels Aufbau und Umsetzung ist eigenwillig. So ist das Werk eingeteilt in Kapitel, die wie episodenhafte Kurzgeschichten daherkommen. Aber darüber hinaus gibt es auch nachdenkliche, atmosphärisch-dichte und teils assoziative Kapitel, mit Gedanken, die den Schrecken und das Erbarmungslose des Krieges widerspiegeln. Oft ändern wir die Perspektive.
Zwar ist das Buch ruhig, aber die tiefe Traurigkeit in der Geschichte ist aufwühlend und wir merken, wie der Autor uns vor Augen halten möchte, dass die stetige Angst, die immerwährende Gefahr und Traurigkeit, jetzt, in diesem Augenblick, für die Kinder und deren Familien in der Ukraine lebensbestimmend ist.
Ein höchst humanitär-politisch engagiertes Werk, das uns auch zeigt, dass Kriegsalltag fern ab von dem ist, was man alltäglich nennen kann und nennen sollte.