Erschienen im Rowohlt-Verlag
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Von Generation zu Generation
Es gibt Dinge, die ich als Mann der GenX Generation an der GenZ sehr schätze. Sie sind oft ganz bei ihrem Empfinden, vergessen sich selbst nicht in der Hektik des Lebens – in seinen Entwicklungen, in seinen Phasen, im Alltäglichen. Nun habe ich einen Lyrikband in den Händen, der dies in wunderbarer Art festhält. Ein Lyrik Band! Ja, Lyrik kann so viel. Und sie kann (glücklicherweise) auch wieder modern sein. War sie mal out? Ja, leider. Lyrik hatte lange etwas vom verstaubten, konservativen Bildungsbürger und konnte große Teile der Gesellschaft nicht erreichen. Und doch war sie ungesehen und unerkannt fast omnipräsent: In der Popkultur, in Songtexten von Pop, Rock, Singer-Songwriter oder z.B. (auch wenn es zeitweise schwer zu ertragen war) im Schlager. Von dort kommt sie scheinbar wieder zurück zu ihrem Ursprung – in die Mitte der Gesellschaft. Nun zeigt uns eine junge Frau, wie viele Worte man nutzen kann, um mit Sprache mehr als zu sprechen – dass man mit Sprache auf feinste Art berühren kann. Und dies nicht verkrampf, nicht in die Ketten der Stilistik gelegt, nicht in Jambus und Trochäus gequält, nicht in Reimschemen gepresst, sondern lebendig, mit einfachen und sehr mächtigen und mitnehmenden Worten. Clara Lösel schafft auf vielfache Art und Weise Brücken in unserer Gesellschaft. Beginnend mit ihrer Wahl der Form des Lyrischen bis zu ihren vielfältigen Themen, die deutlich machen, was uns in unseren Gefühlen als Menschen – egal welcher Generation oder Lebenssituation – immer verbindet.
Unsere Themen
Im gedachten Dialog zu Clara Lösels Titel „Ich dachte, sowas fühl nur ich“, können wir ihr antworten: „Nein, das Fühlen, kennen wir und betrifft auch uns.“ Die Themen sind auch unser aller Themen in unserer Gesellschaft – in Medien und wahrscheinlich auch auf jeder Arbeitsstelle bei der Frühstückspause: Body Shaming, Achtsamkeit, Ungerechtigkeit, Liebe, Hass in unserer Gesellschaft, Freundschaft, Wertschätzung, die Bewältigung von alltäglichen Herausforderungen und vielem mehr. Lösel überrascht uns auch mal – in äußerer Form oder in ihren Fragestellungen. So schafft sie Gedankenpausen für den Alltag, gibt uns Momente, die uns atmen und stutzen lassen – die uns Zeit und Verständnis geben. Und dabei ist sie tiefgründig, aber nicht weinerlich oder negativ. Hier gibt es keinen Anspruch für eine umfassende neuen Philosophie – das hier ist Lyrik.
Was Lyrik kann
Lösel fordert uns auf, wieder genauer hinzusehen, nicht zu übersehen und tägliches zu hinterfragen. Ich bin mehr als gespannt auf ihren weiteren Weg und ihrer weiteren Entwicklung, denn viele Blicke sind natürlich auf ihre Kindheit und ihr Leben als junger Mensch. Mit Mitte zwanzig legt sie hier ein zeitweises un- und ruhiges, selbstständiges, energisches Buch vor. Den Untertitel „101 Texte, die dein Leben verändern“ hätte das mit diesem großen Anspruch nicht gebraucht. Diese Texte verändern nicht das Leben, aber sie können unser Leben unterstützen und geben uns das Gefühl als einzelner zu einer großen Gemeinschaft namens Menschheit zu gehören, die ungesehen alle miteinander verbunden sind. Das Beste, was Lyrik kann.