Erschienen bei C.H.Beck
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Die Kunst der aktuellen Geschichtsschreibung
Fakten zu sammeln ist in der Geschichtsschreibung das Handwerk, das man, wie jedes Handwerk erlernen kann. Dazu muss man Akten und Urkunden und andere Primär- und Sekundärquellen lesen, verstehen, analysieren und auch einordnen können. Und dazu benötigt man ein Vorwissen, das man in seinem Handwerk gelernt haben muss. Umso größer dieses Vorwissen, umso besser, genauer und umfangreicher ist die Möglichkeit der Interpretation der Quellen – die Möglichkeit die Geschichte besser zu verstehen und nachvollziehen zu können. Aber wie gesagt: das ist alles Handwerk – das sollte jeder, der ein Geschichtsbuch schreibt beherrschen.
Jetzt kommen wir aber zum fabelhaften englischen Historiker Dan Jones. Denn die wahre Kunst der Geschichtsschreibung ist: Geschichte erzählen zu können! Sie zu erwecken, sie lebendig zu machen. Und vor allem sie für die Menschen seiner eigenen Zeit zu einer Wichtigkeit zu machen, bei der es sich lohnt, sich mit dieser auseinanderzusetzen. Und das ist die Erzählkunst, die (leider) noch lange nicht jeder Historiker besitzt. Dan Jones ist mit seiner Art Geschichte darzustellen, absolut vielen Historikern voraus. Seine Bücher sind voller Spannung, mitreißend, mit allen Bereichen eines Thrillers. Wer dies für maßlos übertrieben hält, möge sich seinem neusten Werk nähern. Was erst einmal wie eine dröge Biographie über einen der vielen englischen Könige des Mittelalters wirkt, ist hier wie ein Familiendrama, voller Intrigen, ist wie eine Justiz-, Agenten- oder Historiendrama voller Waffengängen und Fehlentscheidungen, ist wie ein Actionfilm und so vieles mehr. Auch „Henry V“ ist wieder einmal ein grandioses Geschichtswerk des Multitalents Dan Jones, der nicht nur Historiker im üblichen Sinne ist, sondern auch erfolgreicher Dokumentarfilmer. Das in England, nach wie vor, die Geschichtsabteilungen der Buchläden so riesig und vielfältig sind, hat viel damit zu tun, dass es dort so gute Autoren gibt. Wir sollten in Deutschland endlich davon lernen.
Eine neue Dynastie
Henry V war eigentlich nur 9 Jahre König. Aber im Gegensatz zu Shakespeare (der Henry auch zum Helden eines seiner bekanntesten Dramen machte) beginnt Jones die Geschichte mit dem, was Henry prägte – nämlich indem er ausführlich die Kindheit und (wirkliche) Jugend Henrys darstellt. Henry gehört zwar von Geburt an zum hohen Adel, aber er wird nicht direkt als Thronfolger geboren. Dies wird er erst, als sein Vater den unfähigen Richard II absetzt und damit die Dynastie der Plantagenets, nach fast über 200 Jahren als englische Könige, beendet. Was folgt sind die Lancasters. Wer sich jetzt wie mitten in „Game of Thrones“ fühlt, bekommt eine Ahnung der Atmosphäre des späten Mittelalters und von Jones Erzählstil.
Henry wird dahin aufsteigen, wohin bis dahin kein englischer König kam.
Aber Jones Buch ist nicht nur eine Biografie, sondern er gibt auch einen intensiven Blick auf die Politik und das Selbstverständnis des Adels im Spätmittelalter in Europa. Zwänge, Verpflichtungen, Erwartungen untereinander galt es nachzukommen. Der mittelalterliche Monarch ist – möchte er seine Herrschaft sichern – bei Weitem nicht frei in all seinem Handeln.
Die krude Wirklichkeit des Mittelalters
Geschickt spielt Jones oft mit den Spannungsbögen eines solchen Werkes, in dem er z.B. Dinge andeutet, die später wichtig werden sollen, ohne diese aber schon abgeklärt zu nennen. Er lässt dies erst einmal offen. Die gesamte Lösung folgt später im Buch. Es geht ihm bewusst darum Spannung zu schaffen. Geschichtsschreibung muss also nicht langweilig, nüchtern und abgeklärt sein. Jones erzählt plastisch und ausführlich. Und dieses Spiel mit der Spannung, macht das Werk bei Weitem nicht trivial. Den Horror für den fortlaufenden Thrill bringen dann oft schon die Fakten rund um Tötungen, Schlachten, Foltern oder umfänglichen Hinrichtungen. Das war die krude Wirklichkeit des Mittelalters und ist nicht die Erfindung eines auf die Spektakularität des Außergewöhnlichen schielenden Thrillerautors.
Erzähltechnisch ist auch zu nennen, dass Jones dieses Geschichtsbuch grammatikalisch in der Gegenwart geschrieben hat. Ein – wie er es formuliert – unkonventioneller Ansatz. War ich kurz verwundert, so muss ich dem Autor beipflichten: Es funktioniert fabelhaft. Henry „handelt“ und nicht „handelte“. Wir sind näher dran und dabei.
Wieder ein Dan Jones Buch, das auch für Nicht-Geschichts-Freaks eine spannende Lektüre verspricht.