Erschienen bei Kiepenheuer und Witsch
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Als Frau in gefährlicher Mission in einer absoluten Männerdomäne
Es ist wunderbar zu sehen, dass in den letzten Jahren der Fokus auf die Leistungen vieler Frauen in der Geschichte immer mehr geschärft wird. Nicht nur im Sachbuchbereich, sondern auch durch die Romanform wird versucht, die außerordentlichen Leben vieler Frauen, ihren Mut, ihre Courage und somit ihren Versuch ein selbstbestimmtes Leben zu führen, zu erforschen und ins Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Natürlich war vielen die Engländerin Gertrud Bell schon zuvor bekannt, da sie zu den Privilegierten und Persönlichkeiten ihrer Zeit gehörte, die dadurch auch besondere Möglichkeiten hatte. Aber all dies soll ihre Leistungen nicht schmälern, denn auch für die Frauen der Upper-Class im Viktorianischen Zeitalter und auch danach war das „Korsett“ des Lebens sehr eng geschnürt, die Erwartungen auf einen Weg in Ehe mit Kindern, sehr eng. Um so mehr ist ihr beachtlicher Weg einer hohen Bildung und ihr Freiheitsdrang zu bewundern.
Erfolgsautor Oliver Guez hat sich nun in seinem neusten Roman dem Leben, Denken, Handeln und Schaffen der hochintelligenten Gertrud Bell in sehr feinfühliger Art genähert. Ein Roman zwischen Sachlichkeit und Emotion, der somit sehr passend zu Bell ist. Ihr Leben gleicht einem Abenteuerroman und zeitweise einem Spionagethriller. Denn sie war unter anderem als inoffizielle Mitarbeiterin des britischen Geheimdienstes während des 1. Weltkriegs im Orient – als Frau in gefährlicher Mission in einer absoluten Männerdomäne.
Sprache, Taktgefühl und eine Engelsgeduld
Guez startet in Basra 1916. Wir sind mitten im 1. Weltkrieg. Gekonnt springt er durch das Leben Gertud Bells, um uns eine eigenwillige, intelligente, sprachen- und geschichtsfaszinierte Frau vorzustellen, ein Ausnahmetalent der Bildung, mit dem großem Können einer Literatin und der Neugierde und Akribie der Archäologin. Trotz vorheriger offizieller Einführung in die Londoner Gesellschaft und guter Aussteuer, findet Gertrud keinen Mann oder besser es scheint, dass sie als gebildete, intellektuelle Frau nicht dem Bild von Frau entspricht, das die Männer der gehobenen Schicht als Mutter ihrer Nachkommen haben möchten.
1916 ist sie schon lange eine anerkannte Wissenschaftlerin mit bester Beziehung in die Welt der Politik. Dies bedeutet im Krieg auch Kontakte in die zwielichtige Welt der Geheimdienste. Es ist die Zeit der Arroganz der Großmächte England, Deutschland, Frankreich und des niedergehenden Osmanischen Reichs. Darüber hinaus versteht sie auch bestens die Dynamiken und Begehrlichkeiten in den eigenen Reihen.
Aber Guez hat uns nicht einen rein politischen Roman geschrieben. Zwar gibt es zusammenfassend immer wieder Passagen, die uns helfen den Überblick im Orient des „großen Kriegs“ zu verstehen, aber ihm geht es darum, diese besondere Frau zu verstehen. Gerade als gebildete Frau, kann sie hier auch Vorteile haben – Vorteile im Zugang zu mächtigen Männern. Oft erklärt Guez die Person Gertrud Bells mehr darin, wie sie auf andere wirkt. So scheint sie in Thomas Edward Lawrence (dem berühmten Lawrence von Arabien) den Abenteurer zu wecken, der sich aber auch ihr gegenüber erklären will.
Guez charakterisiert ihren Einsatz die heimische Bevölkerung für die britische Sache mitzugewinnen so: „Die besten Waffen sind Sprache und Taktgefühl, eine Engelsgeduld“.
Wunderbar recherchiert
Oliver Guez fängt gut die Zeit der imperialen Welt ein. Der Roman liest sich oft wie ein journalistischer Erfahrungsbericht. Man vergisst zeitweise, dass es sich um einen Roman handelt. Wunderbar wurde hier recherchiert. Selbst kleinste Details werden passend zur Jahreszahl erwähnt. Die Illusion des Zeitsprunges gerät nie ins Wanken. Ob Wissenschaft, Kunst, Kultur oder politisch-kriegerische Spekulationen und Erwartungen passen zu den wechselnden Verläufen, den „Auf und Abs“ der Globalplayer während des Krieges.