Erschienen im Diogenes Verlag
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Nie ohne Empathie für seine Protagonisten
Wir scheinen oft zu vergessen, wie viel Armut es in Europa während und resultierend aus der Industrialisierung gab. Obwohl diese Armut einer damals immens wachsenden Bevölkerung, in der es nur wenige Gewinner gab, nur einige Generationen von uns entfernt ist, hat unser – von Wohlstand geprägtes – Leben dies scheinbar sehr verdrängt. Ein Alltag, in dem Krankheit, der frühe Tod vieler Familienmitglieder, die ständige Angst um die Existenz und ein Leben ohne soziale Absicherungssystem eine permanente Bedrohung waren, sind uns heute sehr fremd. Leben bestand aus täglicher, fast alle Stunden umfassender, schwerer Arbeit und alle Entscheidungen unterlagen unmittelbar den ökonomischen Umständen. Lukas Hartmann bringt uns diese Leben, die es millionenfach gab, in seinem einfühlsamen und eindrucksvollen Roman „Martha und die Ihren” sehr präsent nahe. Und das alles, ohne zu romantisieren, zeitweise sehr nüchtern, aber nie ohne Empathie für seine Protagonisten.
Das Schicksal der „Verdingkinder“
Das dörfliche Milieu der Schweiz, zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Martha ist acht Jahre, hat sechs Geschwister und ihre Eltern sind sehr arm. Ihr Vater verunglückt bei seiner Arbeit als Tagelöhner. Er wird krank und stirbt. All dies zu einer Zeit, in der Armut Hunger und Elend den Tod bedeuten. Die Kinder werden zu „Verdingkinder“, also Kinder, die zu anderen Familien kommen, in denen sie vor und nach der Schule hart arbeiten müssen, um sich ihre Existenz in diesen Haushalten zu verdienen. Dafür erhalten sie ein Bett (oder besser einen Strohsack) und etwas zu essen. Vollständiges Mitglied der Familie werden sie nicht. Liebe, Zuneigung, Elternersatz gehören nicht zu ihrem Lohn. In einer Zeit der Armut basiert alles auf den Gesetzen der Ökonomie.
Dieses Trauma des Verdingmädchens wird Martha ein Leben lang begleiten. Ihr Leben ist ein Leben aus der Armut heraus, welches stetig nach besseren Lebensumständen strebt. Es hat kleine Schritte, mit kleinen Erfolgen und herben Misserfolgen und Rückschlägen.
Wie ein authentisch historischer Bericht
Lukas Hartmanns Roman ist in seiner Erzählweise zeitweise sehr sachlich geschrieben und wirkt daher oft wie ein authentischer, historischer Bericht. Aber diese Erzählweise ist so passend, denn romantische Gefühle können „Martha und die Ihren“ sich nicht leisten. Es geht primär darum, die Existenz zu sichern. Dies soll bei Weitem nicht bedeuten, dass wir eine zu große Distanz zu den Figuren aufbauen. Nein, wir verstehen ihre Gedanken, an denen wir teilhaben dürfen. Es sind Menschen, die sich in Zeiten des Umbruchs, der sozialen Frage, des Einsatzes der Arbeiterschicht für gerechtere Arbeitsbedingungen, stark durch die eingeschränkten Möglichkeiten des Alltags geprägt sind. Marthas Fähigkeiten liegt vor allem darin, lernwillig, anpassungsfähig und zukunftsorientiert zu sein. Der daraus resultierende Fleiß sichert ihr Überleben, hilft ihr immer wieder sich sozial behaupten zu können und führt sie langsam zu einer Form der Emanzipation.