Erschienen bei BoD
ISBN: 978-3-6957-4116-8
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Tiefgreifend und mitnehmend
Nichts ist im Leben wohl traumatischer, dramatischer und lebenseinschneidender als der Verlust eines uns sehr geliebten Menschen. Wenn es dann der Partner ist, mit dem man eine Familie gegründet hat, mit dem man die Zukunft gestalten wollte, Ziele hatte, um den sich – wie selbstverständlich – das ganze eigene Leben drehte, dann pulverisiert dies alles, was einem zuvor Sinn, Grund, Stabilität und Fundament im Leben gegeben hat.
Martin Kreuels hat uns ein aufwühlendes Werk dazu geschrieben, das in poetischer Weise diese Situation, das Trauma und alle Versuche danach wieder einen „roten Faden“ im Leben zu finden, in einer sehr emphatischen, assoziativen und manchmal wie verträumten Art vermittelt. Sein Protagonist Ehm muss alle Verwirrtheiten, die diese Situation, in die man unvorbereitet, ungewollt, ungefragt, brutal geworfen wird, durchleben. Blicke zurück, Suche in Vergangenheit, in Kindheit und Blicke nach vorne, was überhaupt noch Sinn geben kann – Ehm scheint wie gehetzt, sucht, findet keine Ruhe, findet keine Richtung. Oder wie er selbst sagt: „Das Handbuch zum Leben lag noch in der Bibliothek und ich hatte keinen Ausweis für die Ausleihe.“
Das alles ist tiefgreifend und mitnehmend. Kreuels lässt uns einen langen Weg mit Ehm zusammen gehen. Und alle, die ähnliche Erfahrungen von Verlust, Lebenskrisen und/oder seelischen Tiefpunkten durchlebt haben, werden sehr viel Verständnis für Ehm haben – werden Teile von Ehms Gedanken und Ansichten in sich selbst wiederfinden und erkennen.
Ohne Umschweife
Kreuels kommt schnell zu seinem Thema. Ohne Umschweife. Es erscheint uns – ähnlich wie im anfänglichen Gespräch zwischen seinem Protagonisten Ehm und einem Reporter – dass wir keine Lebenszeit vergeuden sollen, für lange Hinführungen oder hochtrabende Vorworte. Es ist keine Zeit dafür da, denn schließlich geht es hier wirklich um Leben und Tod. Der schnelle Weg soll nicht heißen, dass wir oberflächlich werden. Die Beziehung zwischen Ehm und dem Reporter bleibt uns lange unbekannt und ihr Interview ist bei Weitem kein einfaches Frage-Antwort-Spiel. Vielmehr ist es das Intro zu einer Sammlung voller Episoden aus Ehms Geschichte. Aber immer wieder werden wir zu den beiden zurückkommen, denn der Reporter ist seltsam bewegt von Ehms Geschichten.
Unter dem Berg
Ehm lernt für sich aus seiner Trauererfahrung heraus, dass bewusstes Leben erst nach einem Schicksalsschlag heraus entstehen kann – wenn wir erfahren haben, dass alles keinen Sinn mehr macht und wir kraftlos sind. Erst dahinter liegt das bewusste Leben. Als Ehms Frau stirbt, bricht seine Welt zusammen und gleichzeitig hat er die alleinige Verantwortung für vier Kinder. Er glaubt, dass seine Frau ihm in den vier Kindern ein „stilles Erbe“ hinterlassen hat. Eine große Aufgabe, der er sich nicht umfassend gewappnet fühlt. Seine Kräfte reichen nicht aus. Es gilt schwere Entscheidungen zu treffen. Kann er allen Kindern gerecht werden? Was ist da eine richtige Entscheidung? Wie soll man Entscheidungen treffen, wen man das Gefühl hat, keinen Überblick zu haben, ja „unter dem Berg“ zu liegen, von dem man eigentlich sein Leben, seine Lebenssituation überblicken möchte?
Sprachlich intensiv
Dem Thema angemessen gibt uns Kreuels die Möglichkeit emphatisch den Gedanken Ehms zu folgen. Er nimmt sich hier Zeit – Zeit für Beschreibungen, Zeit für Atmosphären. Ehm wird gefordert, fordert von sich selbst, ist immer wieder überfordert und Kreuels fordert auch uns. Ehm wirkt oft wie jemand, der nur noch empfangen kann. Der „rote Faden“ im Leben ist verlustig und wie sein Protagonist sein Leben, müssen wir das Buch erkunden. Sinneseindrücke preschen auf Ehm ein, er nimmt sie wahr, will verstehen: „Das Verschwinden der Farben ist kein Mangel, sondern die Konzentration auf das Wesentliche. Der Mensch zieht sich zurück“. In seiner dauerhaften Situation der Überlastung schweift Ehm wie verträumt ab, er ist müde. Dazu passt die gewählte Form des Romans. Wir werden gefordert, denn wir müssen Ehm durch stakkatoartige, episodenhafte Kapitel in seinen Gedanken folgen. Das ist sprachlich intensiv, auch mal experimentell, aber deutlich gekonnt und es bringt uns atmosphärisch seiner Sicht sehr nahe.