erschienen bei DVA
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Einzigartig?
Könnte Jesus ein jähzorniges Kind gewesen sein, das aus Bösartigkeit seine Zauberkräfte nutzte und ein anderes Kind tötete? Oder ein Mann, der einen seiner Anhänger als Sklaven verkaufte? Diese Quellen gibt es! Warum glauben wir unseren Quellen mehr als diesen? Weil wir sie erst gar nicht kennen.
Unser Bild über die Person Jesus Christus ist durch über 2000 Jahre kirchlicher Geschichte und geschickter Machtpolitik intensiv geprägt worden. Jesus ist der Frieden und Heil bringende Sohn Gottes. Aber dieses Image war klar gewollt – durch die Auslassung großer Teile der frühstens Quellen. Und hatte Jesus eigentlich die besondere Stellung mit den angeblichen Alleinstellungsmerkmalen? War er nicht vielmehr einer von vielen selbsternannten Söhnen Gottes? Ist seine Geschichte so einzigartig?
Nehmen wir auch die Zeilen der Apokryphen und zahlreicher antiken Quellen (wie z.B. Plinus den Älteren) dazu, ergibt sich schnell ein anderes Bild – plastischer, vielfältiger und irgendwie nicht mehr ganz so einzigartig.
Die bekannte Altphilologin und Journalistin Cathrine Nixey präsentiert auch in ihrem neusten Werk „Ketzer“, ähnlich wie in ihrem Ausnahmebuch „Heiliger Zorn“ zuvor, wieder beeindruckende Einsichten über die Auswirkungen des frühen Christentums. In diesem Werk geht es um den Kern selbst: Um Jesus Christus.
Viele selbsterklärte Propheten in der Zeit Jesu
Natürlich wussten wir schon zuvor, dass es viele selbsterklärte Propheten in der Zeit Jesu und danach gab, jedoch war uns wohl bisher nicht bewusst, wie ähnlich manche Geschichten klangen und ihre Motive sich glichen. Die Verkündung eines kommenden, menschgewordenen Sohn Gottes durch einen Engel, durch ein höheres Wesen an die werdende Mutter oder die Erweckung von Toten, Blinden das Sehen zu geben und Lahmen das Gehen, sind in vielen Geschichten über Propheten, Magier, Zauberkünstler der Antike bekannt. Jedoch erscheint es im Rückblick, dass diese Geschichten ausgedünnt oder gar absichtlich in den Schatten gestellt oder gar vernichtet wurden. Vieles von dem, was andere Perspektiven auf Jesus Christus und auf die vielen Propheten jener Zeit gezeigt hatte, wurde ca. im vierten Jahrhundert regelrecht „vergraben“. Daneben wurden auch viele Aspekte des neuen Sohn Gottes ergänzt. Sie lassen sich zuvor schon auf dem Marktplatz der Götter des antiken Roms finden, so dass manches an den Fähigkeiten Jesu wie kopiert wirkt. Vielleicht hielt man dies für nötig, um im Konkurrenzgeschäft der Religionen deutlich zu machen, dass die neue Religion alles Nötige mitbrachte und kein Aspekt beim Übergang zur späteren „Staatsreligion Christentum“ verlustig ging.
Wissenschaftlich und persönlich
Bei ihrer Forschung holt Cathrine Nixey das Christentum aus seiner – bei uns im christlich geprägten Europa – privilegierten Stellung heraus. Sie zeigt, dass das Christentum nur eine von vielen Spielarten antiker Religionen war und seine Form durch intensive Auslassungen und Ergänzungen (ob gewollt oder nicht gewollt – wobei Ersteres wahrscheinlicher ist), in seine heutige Form gepresst wurden. Es bleibt wenig romantische Geschichtenerzählung, sondern oft klares Kalkül seiner Anhänger, die sich in vielfacher Konkurrenz mit den Nachbarreligionen sahen.
Nixey bringt – für eine Wissenschaftlerin sehr offen – ihren eigenen Werdegang mit ein. Bevor sie sich kennenlernten, war ihr Vater Mönch und ihre Mutter Nonne. Dieser persönliche Bezug prägt auch ihr schreiben. Für ein Buch mit hoher Wissenschaftlichkeit wirkt ihre Sprache sehr nah bei uns. All das hilft bei einem solch höchst sensiblen Thema wie der Religion.
Darüber hinaus hat Cathrine Nixey wieder sehr fleißig und umsichtig recherchiert. Das hat immer eine besondere Klasse. So fundamentiert sie ihre Thesen mit wirklich zahlreichen Beispielen, welche im obligatorischen Quellenteil gut dokumentiert werden.
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