Mit seinem zweiten Band seiner Romanbiografie über Julius Cäsar „Rom sei verflucht“, hat der spanische Professor Santiago Posteguillo, ein sehr beeindruckendes Werk verfasst. Und für alle, die direkt fragen: Ja, man kann diesen (in Qualität und Quantität) umfangreichen Roman (von über 800 Seiten) auch dann lesen, wenn man nicht den ersten Band gelesen hat, da der Autor uns einen geschickten Rück- und Überblick auf den ersten Seiten über die Grundzüge des ersten Bands bietet. Posteguillos Werk wirkt – trotz seiner so großen Verschiedenheit – inhaltlich, wie ein Gegenpol zur großen Cicero-Trilogie von Robert Harris, denn wir sehen nun mehr durch die Brille des großen Cicero Rivalen: Julius Gaius Cäsar. Aber natürlich sind aufgrund der Charaktere und der Lebensgeschichten die Schwerpunkte der Romane sehr verschieden (erst recht der Erzählstil). Während bei Cicero die Politik, das strategischen Vorgehen im Senat und bei Gericht im Mittelpunkt stand, geht es in Cäsars Leben natürlich um seine militärische Laufbahn, das Ringen mit anderen militärischen und politischen Führern, aber vor allem um den Aufstieg zum mächtigsten und vielleicht charismatischen Politiker Roms. Sein Name wird nach ihm für tausende von Jahren für eine solche politische Macht stehen, sei es als Begriff Cäsar, Kaiser oder Zar. Und Santiago Posteguillo schafft es uns diesen Menschen, dieses Phänomen, sehr menschlich nahezubringen.
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Thomas Mann – ein Leben | Tilmann Lahme
In diesem besonderen Jahr hat uns wohl kein Autor mehr begleitet als der große Thomas Mann. Sei es durch sein umfangreiches, beeindruckendes Werk, das vielfach neu verlegt wurde oder sei es in den vielen Kontroversen, Vorträgen und Diskussionen, die von selbsternannten bis anerkannten Literaturexperten über ihn geführt wurden. Mich hat vor allem intensiv sein Werk begleitet. Einiges kannte ich, einiges war voller neuer Erfahrungen und natürlich stellte sich immer die Frage nach der Person dahinter. Wer war der Mensch Thomas Mann?
So war die Lektüre der Biografie „Thomas Mann – Ein Leben“ von Tilmann Lahme in den letzten Wochen für mich ein großes Finale des Jahres 2025 – des 150. Geburtsjahrs. Und es war gut, sich dieses wohldurchdachte und mit Feingefühl verfasste Werk als Finale aufzubewahren. Keine, der vielen kleinen und großen Biografien, die ich – begleitend zu den Werken Thomas Manns – in diesem Jahr gelesen habe, hat es geschafft, den manchmal unpersönlich und distanziert wirkenden Menschen, so viel näher zu bringen als diese Biografie, so dass ich heute, allen Literaturinteressierten, dieses Buch deutlich empfehlen kann. Unterhaltsam und informativ präsentiert Lahme hier eine Lebensgeschichte, garniert mit Quellen, Bildern und Geschichten von Freundschaften und Familie – eine Geschichte von Geheimhaltungen, von einer öffentlichen Person, eines Familienvaters, eines Menschen, der litt und vor allem die Geschichte eines Künstlers. All dies gibt uns Zugang zum Menschen Thomas Mann – hilft ihn besser zu verstehen, noch mehr zu schätzen, um ihm weiter zu folgen.
Der Tower | Ivar Leon Menger
Stell dir vor, du bist ganz unten. Job weg, Freund weg, Wohnung weg. Das Leben hat eine Dynamik, die du so nicht wolltest. Doch dann bekommst du den Hauptgewinn. Da freuen sich alle mit. Endlich gewinnt mal jemand, der/die vom Leben so schlecht behandelt wurde. Ivar Leons Menger vierter Thriller ist absolut eine Geschichte in der Jetzt-Zeit. Allein schon sein Aufschlag ist top aktuell. Denn wir alle kennen – sei es aus eigener leidvoller Erfahrung und der unserer Freunde und Bekannten – den heiklen, harten Kampf um eine bezahlbare Wohnung und somit das Gefühl, bei den überfüllten Wohnungsbesichtigungen, der/die verlorene Bittsteller/in zu sein. Und genau, weil dieser Auftakt so unscheinbar, mitten aus dem Leben unserer Zeit kommt, lassen wir uns in die Geschichte hinziehen. Das Setting ist Berlin, in dem wir uns alle gut orientieren können. Die urbane Atmosphäre hat somit alles, was die Millionenstadt ausmacht: Vertrautes, aber auch die große Anonymität. Und vor allem Modernität. Wenn irgendwo in Deutschland die Zukunft des Wohnens einen Schritt weiter gemacht hat, dann doch bestimmt hier – in der größten Stadt des Landes. Und Menger stellt uns den Tower vor – vielleicht eine Zukunft des Wohnens. Aber will man wirklich so wohnen?
Der sixtinische Himmel | Leon Morell
Leon Morells umfangreiches Werk „Der sixtinische Himmel“ bietet uns, auf eine unterhaltsame und sehr faktenreiche Art, einen wunderbaren Zugang zum Leben und Werk des genialen Michelangelo Buonarroti. Es gibt uns die Möglichkeit das gewalttätige Italien im Einfluss mächtiger Familien, wie den Borgias Sforzas oder Medici, das Italien der Renaissance, besser zu verstehen und einen interessanten Zugang zu erhalten. Wir erleben auch die Diskrepanz zwischen den damaligen Nachfolgern Petri und ihrer sehr weltlichen Ausführung des Amtes als Papst. Julius II ist ein deutlich mehr gewalttätiger Herrscher über ein Land, als ein Priester. Er herrscht, ohne Widerspruch zuzulassen. Er ist ein Mäzen, der seine Künstler fürstlich belohnt, jedoch über sie verfügt, wie über Diener.
Morells Werk ist fabelhaft recherchiert und bietet uns darüber hinaus einen wunderbaren Zugang zum Rom jener Zeit. Der zeitgemäße Aufbau der Stadt, seine Straßen, Plätze, Kirchen zu Beginn des 16. Jahrhundert – alle dies lässt der Autor geschickt immer wieder in seine Geschichte einfließen. Das lässt das Herz der Fans für historische Romane höherschlagen.
Reset – Die Wahrheit stirbt zuerst | Peter Grandl
Peter Grandls beeindruckendes Werk „Reset” hebt sich schon mit den ersten Zeilen deutlich vom großen Markt der Krimis, Kriminalromane, etc. die sich in Deutschland Thriller nennen, ab. Schon von Beginn an macht der Autor uns Lesern deutlich, dass es hier um weitaus mehr als schnöde Unterhaltung geht. Peter Grandl will unterhalten, ja, aber er hat mehr als nur eine durch und durch spannende Geschichte zu erzählen. „Reset“ verdeutlicht, wie – vielleicht in einem der ungünstigsten Fälle – unsere postmoderne digitale Welt sich urplötzlich dramatisch wandeln könnte. Unser fast religiöser Glaube an die immerwährende Verlässlichkeit von Technik hat uns in tägliche Abhängigkeiten gebracht, die beim Zusammenbruch, Millionen von Leben gefährden und kosten würden. Und wir verlassen uns dabei gleichzeitig oft allein auf unsere menschlichen Wahrnehmungen, unsere doch so leicht zu täuschenden Sinne.
Wenn die Welt keine verlässlichen Fakten mehr kennt, wenn z.B. Gesehenes nicht mehr verlässlich ist, dann stürzt die Welt ins Chaos. Denn wie können wir Fakten und Fiktion unterscheiden, wenn diese mit Logik nicht mehr zu unterscheiden sind? Was ist verlässlich? Da macht sich Angst und Panik breit.
Grandls Vision ist düster. Sie ist gut durchdacht, sehr gut recherchiert und daher so besonders bedrückend.
Der Premierminister | Craig Oliver
Es ist immer besonders faszinierend, wenn ein Autor uns ein Werk präsentiert, das seine Welt und seine Kreativität miteinander verbinden. Craig Oliver weiß, wovon er uns in seinem Thriller „Der Premierminister“ berichtet, denn er war von 2011 bis 2016 Kommunikationsdirektor des Premierministers Cameron in der Downing Street No. 10. Seine Schilderungen rund um das Leben, um den Ort der Handlung und das Miteinander dort dürfte intensiv von seinen Erfahrungen und von den gedachten Szenarien geprägt sein. All das macht das Buch zu etwas Besonderem in der großen, großen Schar der Konkurrierenden Neuerscheinungen auf dem Markt der Thriller und Krimis. Ein Blick des Kenners, des Eingeweihten. Und noch etwas ist ganz anders. Kennen wir als Hauptperson in vielen Thrillern (auch in Filmen, wie z.B. „Airforce One“) das Staatsoberhaupt oder den Ministerpräsidenten als Verteidiger der Freiheit, ist sein Premier das totale Gegenteil: Kein Idealist! Ein egozentrischer Karriererist. Ein charakterlicher Schwachmat, dem man schon nach kurzer Zeit wünscht, dass ihn möglichst schnell der (literarische) Tod ereilt. Ein Seitenhieb Olivers auf seinen ehemaligen Chef?
Herz der Finsternis | Joseph Conrad
„Ich kenne den Teufel der Gewalt, den Teufel der Gier und den Teufel glühenden Verlangens… Als ich jedoch an diesem Berghang stand, ahnte ich, daß ich im blendenden Sonnenschein dieses Landes einen schlaffen, heuchelnden, schwachsichtigen Teufel kennenlernen würde, von räuberischer, unbarmherziger Torheit.“
Kein Klassiker bringt uns den Ursprung des heutigen Elends, Leids, ja den Ursprung der Gewalt auf dem afrikanischen Kontinent wohl so nahe, wie Joseph Conrads „Herz der Finsternis“. Wieso? Ich denke, weil Joseph Conrad, der eigentlich Jozef Konrad Korzeniowski hieß, das, was er erzählte, wirklich erlebt hat. Zumindest sind Teile seines grandiosen und auch inhaltlich fürchterlichen Buches biographisch. Conrad ist in vieler Hinsicht ein Phänomen, erlernte er doch die englische Sprache erst mit Anfang zwanzig und verfasst dann in dieser Sprache dieses Werk – und auch andere – die Literaturgeschichte im anglo-amerikanischen Raum schreiben sollten. „Herz der Finsternis“ erzeugte über Jahrzehnte hinweg Kontroversen und wer es liest, wird dies bis heute verstehen. Nicht still wurden die Diskussionen um Auslegung, Wertung und/oder Verständnis. Es geht um Rassismus, chauvinistisches Sendungsbewusstsein und das Verschwinden von Menschlichkeit an diesem Ort. Dies alles gibt es natürlich nicht nur in Afrika (so konnte Francis Ford Coppola die Handlung in „Apocalypse Now“ nach Vietnam verlegen). Aber dort in Afrika hat diese Vergangenheit bis heute ihre Auswirkungen. Eine scheinbar immer wieder stattfindende Wiederauferstehung der brutalsten Gewalt, die Menschen anderen Menschen antun.
Finster | Ivar Leon Menger
Mit dem dritten erfolgreichen Buch ist man am Autorenhimmel wohl ein etablierter Autor. Und somit bin ich mir vollkommen bewusst, dass Ivar Leon Menger nun in Deutschland zu den etablierten Autoren gehören wird. Denn mit seinem nun dritten vorgelegten Thriller „Finster“, wird er erneut großen Erfolg haben! Woher ich mir hier so sicher bin? Ivar Leon Menger hat es geschafft, dem Druck – der bestimmt auf ihm und seiner Kreativität gelastet hat – standzuhalten und eine packende, mitreißende Geschichte zu erzählen, die den Leser nicht eher Ruhen lässt, bis er die letzten Seiten erreicht hat. Respekt vor dieser Leistung, an der so manche – zuvor hochgelobte Autoren – gescheitert sind. Dieses Buch zu lesen hat Spaß gemacht! Und ich gebe zu: es war leider ein viel zu kurzes Lesevergnügen, da ich es durchgesuchtet habe. Ja, ich habe es fast an einem Tag am Stück gelesen (und hätte dies getan, wenn nicht auch meine Welt noch andere Dinge außer Menger-Thriller beinhalten würde). Fazit also: Top! Es war wunderbar zu lesen, dass Menger auch nach „Als das Böse kam“ und „Angst“, das Niveau eines besonderen Thrillers hält. Hier hat sich jemand die Zeit genommen wieder einmal eine besondere Geschichte zu kreieren. Kein Abklatsch, keine dauerhafte Masche wird hier gefahren – wie bei manchen hochgehypten deutschen Krimiautoren, die viel zu schnell „Neues“ auf den Markt bringen – sondern etwas Innovatives und Anderes präsentiert Menger hier. Das macht Spaß, hält die Spannung und man freut sich auf weitere Werke!
Mord unterm Reetdach | Eric Weissmann
Nein, ich war noch nie auf Sylt und schon nach kurzer Auseinandersetzung wird mir klar: Sylt ist anders als der Rest unseres Landes. Es ist exklusiv hier zu leben, zwischen Pizzen für bis zu 1000 Euro und dem Hobokenweg, Deutschlands Straße mit den teuersten Quadratmeterpreisen. Wer hier hinzieht ist etwas oder möchte dringend etwas sein. Somit ist der Beruf des Immobilienmaklers dort bestimmt auch nicht mit dem herkömmlichen Bild über diesen Beruf zu vergleichen. Eric Weissmann setzt genau einen solchen Haus- und Grundverkäufer in den Mittelpunkt seines Sylt-Krimis. Und mit dieser Komponente ist schon der Grundstein einer besonderen Geschichte gelegt.
Immobilienmakler Kristian Dennermann ist Single, kinderlos, Feinschmecker und Hundeliebhaber. Letzteres ist der Grund für den Besitz des Corgi „Prince of Wales“, dem – neben einigen interessanten Damen – seine ganze Aufmerksamkeit gilt. Dennermann ist auch der attraktive Typ, der Frauen auffällt. Wie der Name des Hundes ist alles etwas „Upper-Class-mäßig“, also stilgerecht für Sylt. Aber auch bei Kristian Dennermann ist nicht nur alles im großen Glanz. Er lebt mit einer posttraumatischen Belastungsstörung aufgrund eines schrecklichen Unfalls vor 11 Jahren. Ein dunkles Geheimnis lastet auf seinen Schultern.
Verraten | Jussi Adler-Olsen
Zu Beginn ein klares Bekenntnis: Ich bin Fan der 1. Stunde! Wie alle begeisterten „Kommissariat Q“- Fans, habe ich diesem finalen Band entgegengefiebert. Und ganz ohne Spannung aufzubauen, komme ich am Schluss zum Schluss: Es hat sich absolut gelohnt!
Entgegen allen Unkenrufen vieler selbsternannter Kritiker, Buch-Blogger, die die Jahre seit 2008 nicht Stück für Stück diese Reihe begleitet haben, möchte ich sagen, dass für jeden eingefleischten Fan dies ein guter Abschluss ist – ein würdevolles, intelligentes und (so) nicht erwartetes Grande Finale!
All diese einzigartigen Typen werde ich vermissen! Carl, Assad, Rose, Gordon oder Hardy – wir wissen nun so viel über sie. Denn sie sind es, die die Thriller des Dänen so besonders machten. Und wer die Bände zuvor nicht gelesen hat, wird dies vielleicht nur schwer nachvollziehen können. Wenig oberflächliche Klischees, sondern verschrobene, gut durchdachte Individualität, die diese Personen so echt wirken lassen, so dass man auch im letzten Band das Gefühl hat, gute Bekannte wiederzusehen. Und garantiert sind auch in diesem Band Wendungen, die der Leser bei weitem nicht erwartet und erahnen kann. Das war und ist das besondere Können von Jussi Adler-Olsen. Und das macht sehr viel Spaß!