Erschienen im Herder-Verlag
(Rezensionsexemplar – daher Werbung)
In einem fernen Land?
Dadurch, dass ich im (fast) äußersten Westen unseres Landes wohne, ist das „Blaue Land“ für mich nicht nur geistig, sondern auch geografisch weit weg und sehr, sehr fremd. Zwar gibt es natürlich auch in meiner Heimat Menschen, die die AfD wählen, jedoch kann man hier (noch?) von einer deutlichen Minderheit sprechen. Olaf Sundermeyer berichtet uns, gekonnt und professionell, aus dem nun scheinbar „Blauen Land“, aus dem Osten Deutschlands, wo die AfD seit ihrem Bestehen immer mehr Zulauf bekommen hat. Seit 20 Jahren berichtet er von dort, lange bevor es die Partei gab und hat die Entwicklungen der heutigen Strukturen, hautnah, miterlebt. Pegida, die großen Proteste gegen die Flüchtlingspolitik (gegen das „Wir schaffen das“), die Proteste gegen die Coronamaßnahmen, Auswüchse der irregulären Zuwanderung, Angst vor Krieg und Inflation, Proteste der Bauern – ja, es zeigt sich im Rückblick deutlich der große Nährboden der Unzufriedenheit, des Pessimismus, des Unverständnisses und der daraus resultierenden Wut. Sundermeyers Buch ist ein gutes Buch für alle, die den Aufstieg der in Teilen als rechtsextrem rechtlich angesehenen Partei, besser verstehen wollen und gleichzeitig ist es ein deutlicheres Plädoyer, sich inhaltlich mit den Beweggründen der Wähler dieser Partei auseinanderzusetzen. Die Parolen der Partei fielen vor allem dort im Osten (aber nicht nur dort) auf einen vorbereiteten Boden.
Vorbereiteter Boden
Sundermeyer macht klar: Das Land ist dort besonders blau, wo die Menschen wenig Aufmerksamkeit bekommen haben – sich in ihren alltäglichen Sorgen und Problemen nicht gehört, vergessen und nicht ernst genommen fühlen. Dies ist das absolute Versäumnis der Parteien, die sich als demokratische Mitte verstehen. Daher funktionierte die Methode der AfD sehr effektiv und sehr schnell in den „neuen“ Bundesländern, wo die kollektiven Erfahrungen der Enttäuschung in der Zeit nach der Wiedervereinigung nicht verheilte. Schon Ende der 90er Jahre wurde deutlich, dass damals die DVU und die NPD deutliche Erfolge in den östlichen Bundesländern verzeichnen konnten, was dort zu einer Normalisierung der rechtsextremen Gesinnung führte. Und man kann Rechtsextremismus nicht mehr problematisieren, wenn er als normal und somit, nicht als Problem angesehen wird.
Und im Westen? Zwar ist die AfD noch für keine Landesregierung im Westen eine wirkliche Gefahr, allerdings erhält die Partei auch dort, in strukturell schwachen und vernachlässigten Gebieten (wie z.B. in NRW in Gelsenkirchen) immer mehr Zulauf.
Die „Nazikeule“ bringt nichts
Sundermeyer geht mit uns zum einen noch einmal zurück, schaut, wie die Partei in ihre heutige Position gekommen ist und zum anderen fährt er mit uns durchs aktuelle Deutschland. Dabei zeigt er sich als absoluter Fachmann und bringt Aspekte ausführlich ein, die in den kurzen Nachrichten des Tages zweitweise untergehen oder im größeren Zusammenhang nicht beachtet werden. Das ist interessant und schärft die Blicke für dieses Phänomen. Sein Vorteil ist durch die Bank hinweg, dass er in Kontakt mit den Menschen ist und bleibt, die dieser Partei ihre Stimme geben. Und er rät auch dazu, im Gespräch und Diskurs zu bleiben, da alle Versuche die AfD in die Schmuddelecke zu stellen, gescheitert sind. Die Partei nutze dies mehr dazu, ihre Wähler und sich in eine „Die-Gegen-Uns“-Situation zu bringen. Diese Diskursbereitschaft fordert er z.B. auch sehr konkret, wenn er darauf hinweist, man möge sie nicht von Diskussionsveranstaltungen ausschließen. Denn, ob gewollt oder nicht, die politische Realität ist: Die AfD ist zurzeit eine Volkspartei. Er rät davon ab, immer gleich die „Nazikeule“ gegenüber Anhängern der AfD herauszuholen. Er sieht dies als historisch falsch und kontraproduktiv an, weil man sich nicht mehr demokratisch mit dieser Herausforderung auseinandersetzt.
Fazit: Ein aktuelles, aufwirbelndes, gut recherchiertes und auch in seiner Art schnelles Buch, das uns auch fordert.