erschienen bei Klett-Cotta
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Immer aktuell
Es sind die großen Epen der Welt, deren Ursprünge in der Dunkelheit der Geschichte liegen, die uns immer wieder faszinieren. Denn die Urstoffe, die uns in so vielfachen Verarbeitungen im Leben immer wieder begegnen, drücken viel über die Suche der Menschen aus. Und somit ist die Odyssee mehr als nur ein Buch, mehr als nur eine Geschichte. Sie hat sich auch in unserem Alltag zur Metapher entwickelt, für die Suche, die Fahrt, das Abenteuer, auf dem wir alle im Leben sind – und dies von Homer bis Udo Lindenberg und nun im nächsten Monat auch wieder im Kino. Sie bleibt immer aktuell. Und wir alle wollen der listenreiche, mutige, durchtriebene Odysseus sein und scheitern doch oft – wie auch Odysseus – nach viel Hochmut und dem Hang auch mal alles auf eine Karte zu setzen. Held und Verlierer, das hat viel Menschliches in sich.
Stundenlang könnte man also über Homers Werk philosophieren. Und bei allem stellt sich die Frage: Gab es ihn wirklich? Odysseus? Alles nur erfunden? Was ist Mythos und was ist Wahrheit? Raimund Schulz hat die Möglichkeiten durchleuchtet, was wir aus den dunklen Jahrhunderten – der Zeit zwischen Bronze- und Eisenzeit in Griechenland – vielleicht doch ableiten können, zusammengetragen. All das zeigt, wie spannend die Geschichte doch immer wieder ist – und die Begeisterung vergeht nicht. Ein sehr gutes Buch, um sich dem Epos zu nähern.
Homer, eine Vielzahl von professionellen Lyraspielern
Klar ist, dass wir uns Homer nicht als einen wirklichen Autoren vorstellen dürfen. Homer, dahinter vereinigen sich wahrscheinlich eine Vielzahl von professionellen Lyraspielern, die von lokalen Größen gebucht wurden. Diese „Größen“ waren weniger Könige als vielmehr Großbauern. Aber sie befanden sich schon in einem gewissen gesellschaftlichen Konkurrenzkampf zueinander und da hieß es die Bevölkerung einzuladen und zu beeindrucken.
Raimund Schulz stellt die richtigen Fragen und bringt uns sehr lebendig in die Zeit und Orte zurück. Diese Reise macht Spaß und bringt auch für den Geschichtsfreak noch einmal neue Aspekte. So startet unsere Suche da, wo Odysseus lebte, auf Ithaka und natürlich zu seiner Liebe Penelope. Aber wie wurden solche Ehen eigentlich 700 vor Chr. arrangiert? Solche Fragen beantwortet Schulz durch geschickte Querverweise zu anderen Quellen. Aber Schulz bleibt auch hart am Text der Odyssee und schweift nicht ab.
Befassen wir uns mit Odysseus, kommen wir an Troia nicht vorbei. Auch hier die Frage: Wieviel ist historische Wahrheit? Die Diskussion ebnet nicht ab, ist heftig wie eh und je – aber auch so spanend wie eh und je.
Schulz sieht Mythos und Wahrheit nicht unbedingt als Gegensatz
Für uns wirkt die Odyssee heute wie ein Spin-Off der Ilias. Aber Raimund Schulz macht uns deutlich: Sie ist dann doch mehr. Mehr werden uns die Charaktere der Personen hier verdeutlicht – im zentralen Mittelpunkt natürlich Odysseus. Um sich der Wahrheit zu nähern, interpretiert Schulz (wie oben genannt) eng am Text und zerlegt so die literarischen Aspekte von den zu vermutenden historischen Gegebenheiten in der Zeit um 700 v. Chr. Denn das Epos erzählt uns mehr aus der Zeit seiner Entstehung als unbedingt der möglichen Zeit seiner Handlung.
Schulz betont schon in seinem Vorwort, dass Mythos und Wahrheit nicht unbedingt einen Gegensatz bedeuten. Er sieht, dass wohl beides in beidem steckt. Ein Kern ist da, der ausgeschmückt wurde. „Osysseus – Wahrheit und Mythos“ ist ein schönes, motivierendes Buch sich wiedereinmal mit der Odyssee auseinanderzusetzen.