erschienen im Herder-Verlag
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Eindrucksvoll und aufwühlend
Es liegt in der Natur der Sache, in der Professionalität eines guten Fotografen, sehr genau, scharf und klar zu fokussieren. Und dies gilt nicht nur für die bloße Optik. Nein, es gilt für den Blick auf den Menschen, der mehr als den physikalischen Gesetzen unterliegt. Das wird so deutlich, wenn wir die Zeilen im Werk Luigi Toscanos lesen. Fotografieren ist das intime Kennenlernen von Menschen. Es ist das Erfahren von und über Menschen, ist der Austausch, ist das tiefe Verstehen von Schicksalen und so viel mehr. Aber wer ist dieser Mensch, der es schaffte und immer wieder schafft, so tief verletzte Menschen, wie die Überlebenden des Holocaust, vor seine Kamera zu bekommen. Was bringt er mit? Was verbindet sie eventuell, so, dass er ihr Vertrauen gewinnen kann? Eine seiner Antworten (neben anderen) liegt in der Frage: Wo komme ich her, wo will ich hin?
Und „Kanakenkind“ bietet uns eindrucksvolle, aufwühlende, manchmal schwer zu ertragende, aber ehrlich klingende und authentische Antworten dazu, wo Toscano herkommt. Ein Buch, das nach seiner Beendigung im Kopf, im Verstand bleibt – weiter wirkt. Denn es sagt nicht nur etwas über die Vergangenheit, sondern seine Wahrheiten; über Ausgrenzung, Intoleranz, offenen und versteckten Rassismus und Antisemitismus. All diese Dinge sind 2026 in der deutlichen Gesellschaft im Wachsen begriffen. Sie sind scheinbar in Gestalt der Wahlerfolge von rechten Gesinnungen gesellschaftsfähiger geworden. Darüber und dazu hat die außergewöhnliche Persönlichkeit des Fotografen Luigi Toscano uns nun einen tiefgreifenden Beitrag geschenkt.
Unter „Alarm“
Toscano erzählt uns seine packende, wirre Lebensgeschichte. Eine Geschichte über viele, viele Tiefen, die zeitweise wie aus einem Drehbuch wirken, aber schrecklich real sind und man ahnt: Das Ende wird gut, aber der Held wird aus dieser Geschichte nicht unbeschadet hervorgehen.
Toscano wächst auf als Sohn italienischer Einwanderer. Geprägt durch ihre Kultur, Sprache und mit einem katholischen Glauben, der uns wie aus dem 19. Jahrhundert anmutet, kommen seine Eltern eigentlich nie in der Gesellschaft an und werden auch nie hineingelassen. Die vielen Kinder sind keine Wunschkinder. Die Mutter liebt Bier mehr, der Vater – im Dreischichtensystem gefangen und schlechter bezahlt als seine deutschen Kollegen – ist gewalttätig gegen jeden in der Familie. „Der Druck wird weggevögelt, weggesoffen…“!
Der kleine Luigi erfährt sexuellen Missbrauch bei einem Mann der Kirche, ausgerechnet in dem Moment, in dem er seine erste tiefgreifende Erfahrung mit dem Fotografieren und dem Entwickeln von Fotos erlebt. Eine mehr als zwiespältige, lebensbeeinflussende und traumatische Erfahrung. Es folgt ein langer, außergewöhnlicher, aber beeindruckender Weg. Was passiert mit einem Kind in solchen Umständen, das eigentlich in einem ständigen Stress lebt? Unter „Alarm“ lebt? Es wird noch tiefer fallen.
Direkt und dynamisch, wie das dargestellte Leben
Mag der Titel „Kanakenkind“ auf uns verstörend wirken – er passt! Denn Toscanos Lebensthema sind die Ausgegrenzten, die Außenseiter, die Chancenlosen. Es sind die Menschen, die mit Vorurteilen belegt und ungerecht behandelt werden, denen der Zutritt zur Gesellschaft nicht gewährt wird. Es sind die Menschen, die sich verstecken müssen, die abgelehnt werden. Das Buch ist ein umfangreiches und fleißiges Werk. In vielen, kurzen und dynamischen Kapiteln beweist Toscano eine enorm große Transparenz und Offenheit im Blick auf sein Leben. Das zeitweise kurze Umschlagen aufs Italienische, wenn seine energische Impulsivität ihn packt, macht dieses Buch so authentisch (Anmerkung: Italienisch mögen wir im Wortlaut nicht immer verstehen – aber in der Emotion auf jeden Fall). Diese Sprache ist direkt und dynamisch, wie das dargestellte Leben.
Zum noch besseren Verständnis hilft auch im Buch die Kunst des Fotografen. So erlebt man eindrucksvolle, packende Bilder – vom Schnappschuss bis zum kunstvollen Porträtbild.
Toscano lässt auch seinen „berühmten“ Modellen, den Überlebenden des Holocaust, Platz um sie vorzustellen. Es wird deutlich: Ihm geht es nicht nur um das ausdrucksstarke Bild, um das Gesicht, es geht um den Menschen dahinter. Es geht um ihr Leben, ihre Geschichte.
Und er kämpft um das Gehör für seine Anliegen, durch seine Bilder, sein Buch und bis hin zum Ohr des Bundespräsidenten.
Eine sehr moderne Autobiografie und ein beeindruckendes Werk!
Hier geht es direkt zum Buch: Kanakenkind | Luigi Toscano