erschienen bei Kohlhammer
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Ein wunderbares Abtauchen
Was uns doch immer umkreist ist die immerwährende Frage: Wo kommen wir her? Wer waren unsere Vorfahren, die unsere Siedlungslandschaft hunderte von Jahren prägten – die die “Grundsteine” vieler unserer Ortschaften legten. Und dies nicht nur geografisch, sondern oft auch sprachlich. Für mich als Niederrheiner ist die Auseinandersetzung mit den Franken eine Suche nach Antworten – danach meine Heimat mehr verstehen zu können. Ja, noch besser hinzuschauen. Oliver Schipps fabelhaftes, sehr fleißiges Werk, ist aber bei Weitem nicht nur ein Buch mit Antworten für die Menschen rechts und links des Rheins, sondern hilft ein besseres Verständnis vom Übergang der römischen Antike in unserem Land zu dem, was wir Mittelalter nennen, zu bekommen. Und deutlich wird, dass der angeblich harte Bruch zwischen diesen historischen Gedankenabschnitten, bei weitem eher ein schleichender Übergang war. Schipps Werk ist nicht nur ein Lesegenuss für alle Historiker, sondern ein wunderbares Abtauchen in eine Zeit, in der wir oft leider nur die römische Sichtweise auf einen Kriegerverband (denn die Franken bestanden aus Gruppen verschiedener bekannter Völker und Clans als sie im dritten Jahrhundert „auftauchten“) erhalten, der dann die große Macht an sich bringt. In den ersten 2 Jahrhunderten lebten noch keine Menschen am Niederrhein, die sich als Franken bezeichneten und so genannt wurden. Doch dann sollten sie die damalige Welt erheblich verändern.
Die Protofranken
Schipps geht methodisch sicher und systematisch vor, indem er die Quellenlage bezüglich schriftlicher Aufzeichnungen oder archäologischer Funde umreißt. Wir müssen erkennen, dass viele Aspekte im Dunkeln liegen, doch lassen sich die Völker, die später zu den Franken zusammengefasst werden oder sich als solche verstanden, zumindest geografisch und zum Teil auch namentlich relativ klar feststellen. Teile der Vorläufervölker, der Protofranken, die am Niederrhein wohnten, waren in die gallo-römische Gesellschaft gut integriert – dienten auch im römischen Heer. Andere, wie die Sugambrer, Usipeten oder Tenkterer lebten östlich des Rheins. Starken Einfluss auf Änderung dieser Gesellschaft kam durch den Klimawandel und einem daraus resultierenden agrarischen Wandel. Gleichzeitig ließ die römische Grenze keine Migration in wärmere Gefilde zu. Der Migrationsdruck auf die Grenze stieg aus Richtung Osten an. Die Ausbreitung der Franken über die ersten Jahrhunderte nachzuvollziehen ist oftmals schwierig, denn Wanderungen, Eroberungen, Raubüberfälle, etc. kamen und gingen. Nichtsdestotrotz versucht Oliver Schipps die Entwicklungen, soweit es die Quellen zulassen, gut nachzuvollziehen.
Es ist und bleibt spannend in der Frankenforschung
Durch die fast akribischen Auflistungen der vorhandenen Quellen, deren Umfang und Aussagekraft gibt Schipps einen guten Überblick über die generelle Quellenlage, mit zusätzlichen Informationen durch Kartenmaterial und einem wahren Schatz an Anmerkungen und Verweisen im Quellen- und Literaturverzeichnis. Themen, neben der politischen Entwicklung der Franken, sind z.B. ihre materielle Kultur, soziale Schichtung, ökonomischen Bedingungen und ihre religiöse Entwicklung. Leider kann Oliver Schipps zurzeit noch nichts wirklich konkretisiert zur Archäogenetik der frühen Franken sagen, da das Forschungsgebiet – angeführt in Deutschland vom fabelhaften Johannes Krause – noch sehr am Anfang seiner Möglichkeiten steht. Aber dies macht deutlich: Es ist und bleibt spannend in der Frankenforschung.
„Frühe Franken“ ist ein wunderbares Fachbuch für Historiker, aber bestimmt auch ein guter Einstieg für alle Menschen, die mehr über dieses Volk mit riesigem Einfluss auf unsere Geschichte verstehen wollen.