Erschienen beim Rowohlt Taschenbuch Verlag
Der Klassiker der True-Crime Bücher
Wenn jemand wissen möchte, wie sie entstanden sind, die True-Crime Reportagen und Bücher bis hin zum Podcast, dann stolpert er/sie unwillkürlich über den großen und so umstrittenen Truman Capote. „In cold blood“ schockierte er mit seiner detaillierten Geschichte einer schrecklichen Mordnacht in einem idyllischen amerikanischen Kleinstadtmilieu am Ende der 50er Jahre, die Gemüter weltweit. Wer macht solche Grausamkeiten an scheinbar liebevollen, harmlosen Menschen, die deine Nachbarn sein könnten?
Truman Capote schuf hier nicht nur ein Werk, das man gelesen haben muss, sondern ein ganzes Genre: Den Tatsachenroman! Ein Genre, welches heute in vielen Formen erfolgreicher ist als jemals zu vor. Menschen wollen menschliches Verhalten verstehen. Somit schuf Capote einen heute boomenden Markt zwischen wissenschaftlichem Anspruch und Trash. Jedoch waren seine Art und Vorgehensweise zutiefst umstritten.
Capotes Absicht
Holcomb ist die totale Einöde! Eine langweilige und teilweise etwas heruntergekommene Stadt in Kansas. Gottesfürchtig und fleißig ist man hier. Am 15. Februar 1959 kommt es hier zu einem Gewaltexzess an der Familie Clutter, die unauffällig hier auf ihrer Farm lebt. Dies schockiert die Gemeinde und das Land. Wer macht so etwas? Warum die friedliche Familie Clutter? Als dann die Täter verhaftet werden, kommt es zu einem Mordprozess, in dem es nicht nur um die Todesstrafe geht, sondern auch um Motive, menschliche Abgründe und unser oft eingeschränktes Bild, wie wir uns Täter vorstellen.
Manche Passagen, in denen Ausführungen zu Personen getätigt werden, mögen uns heutzutage als etwas zu lang geraten erscheinen. Dies ist aber Capotes Absicht geschuldet, der ein Psychogramm der Täter erstellen möchte, das sehr viel über die Selbst- und Fremdeinschätzung der beiden sagt. Darüber hinaus ist ihm die tragische Hinführung, die zum Mord führte, wichtig. Auch die Menschen, die sich in ihrem normalen Leben plötzlich mit dieser extremen Gewalt konfrontiert sehen, werden von ihm sehr feinfühlig dargestellt.
Der Tatsachenroman
Einen großen Unterschied bietet Capotes Werk gegenüber modernen True Crime Geschichten: Capote schreibt hier ganz bewusst kein Sachbuch! Er schreibt einen Roman – einen Tatsachenroman. Ihm geht es weniger um die einzelnen Fakten, sondern mehr darum plastische, mehrdimensionale Menschen vorzustellen, in deren Schicksal die grausame und bestialische Tat plötzlich eindringt. Wir leiden daher wahrscheinlich auch mehr mit den Bewohnern der Kleinstadt Holcomb mit, als vielleicht im kühleren Genre des Sachbuchs.
Natürlich mag Capotes Stil, der zeitweise die ländliche Bevölkerung der USA als in einer absolut heilen Welt lebend und Sinnbild der Nettigkeit, Freundlichkeit und Gutmütigkeit darstellt, für uns – mit historischem Abstand – als etwas übertrieben wirken, jedoch schafft er es so (auf geniale Weise) die wahnsinnige Art der Mörder gegenüberzustellen. Es geht darum, dass es das Böse im Menschen gibt und dieses auf perfide und auch triviale Art „Kaltblütig“ hervortreten kann. Und dieses Böse schildert Capote sehr intensiv, detailliert. Es sind die Ergebnisse zahlreicher Interviews (u.A. mit den Mördern), die er hier im Buch verarbeitet hat.
Ein – nach wie vor – spannendes, intelligentes Buch, das uns in die amerikanische Gesellschaft kurz vor die Geschehnisse der extremen 60er Jahre führt. Vielleicht zeigt es schon eine noch fast schlummernde, aber schon existierende Aggressivität.