Kerl aus Koks | Von Michael Brandner

Erschienen im Ullstein Verlag/List
Rezensionsexemplar

Am Ende dieses Jahres durfte ich noch eines der Bücher mit dem Prädikat “Besonders beeindruckend” lesen. Ausgehend von einer wunderbaren Hommage an den klassischen Ruhrpott – mit viel Herz auf der Zunge, dürfen wir Paul durch sein unstetes Leben begleiten von Koks zu Koks. Schauspieler und Autor Michael Brandner präsentiert diesen biographisch angehauchten Roman, mit einem liebevollen und fabelhaften humoristischen Sprachwitz. 


Paul im Pott!

Ich habe viel gelacht, denn Pauls Sicht auf diese Welt, vor allem in seiner Kindheit auf die Welt des „Potts“ und seiner Typen, ist so wunderschön, freundlich und in sich zufrieden. Paul wird mit drei Jahren aus der gewohnten Umgebung herausgerissen – von seinen geliebten Tanten und Onkel. Seine Mutter möchte sich plötzlich wieder ums Kind kümmern und somit kommt es zum Kulturschock: Von Bayern ins Ruhrgebiet!
Er wächst im Pott auf, zwischen Fußball, Pizza vom freundlichen Italiener und den ganzen Papas seiner Freunde. Wir lernen herrliche, markante Typen kennen, wie Bruno Beinlos, der ohne Beine aus dem Krieg kam und im Viertel, auf einem mit kleinen Rädern versehenden Bügelbrett, herumfährt. Oder auch die böse Nachbarin Hete Gericke, deren Hauptbeschäftigung des Tages die üble Nachrede ist. Irgendwie haben wir das Gefühl: Die kennen wir alle!
Gerade die dargestellte Kindheit, ist wie eine lebendige köstliche Milieustudie der Gesellschaft des Ruhrpotts der Nachkriegszeit, mit vielen liebenswerten authentischen Personen. Das Bild wird plastisch – wir kennen solche Typen, aus dem Leben, dem Fernsehen und von vielen schönen Erzählungen in unseren Familien. Alles ist herrlich menschlich und die kleinen Geschichten in der großen Geschichte über Pauls Leben, erinnern zeitweise an Böllsche Satiren. Satiren, die aber auch Momente großer Tragödie in sich haben können.

Ernst des Lebens

Paul erklärt sich auf wunderbar positive Art die Welt, in dem er die einstige Rolle der Kirchtürme auf die nun neu aufkommenden Fernsehtürme überträgt. Die neue Wahrheit, die neue Religion. Aber Paul muss auch lernen, dass diese neuen Türme der Wahrheit bei weitem nicht immer die Wahrheit sagen. 
Es folgen Ausbildung, Bundesgrenzschutz – weiter geht es episodenhaft mit Paul durch sein Älter werden und die Geschichte der Bundesrepublik von RAF bis Hausbesetzern. Hier wird es unstet in Pauls Leben, und so wird das Werk oft unberechenbar, wir wissen nicht (genauso wenig wie Paul), wohin es uns führt. So bleibt eine permanente, unterschwellige Spannung, nämlich die Frage: Was hält das Leben wohl noch für Paul parat? Vor allem viele Frauen, viele Anekdoten und zeitweise auch Verwirrendes. 

Was bleibt:

Das Buch glänzt oft durch eine herrlich ironische Sprache, mit pointiertem Sprachwitz und skurrilen Situationen. Man darf wohl die Zuordnungen der Jahre und Kapitel nicht zu ernst nehmen – alles läuft wohl mehr assoziativ. Das Buch ist halt mehr fiktiver Roman und versteht sich schließlich nicht als Biografie (plötzlich ist die Neue Deutsche Welle und dann scheint man wohl doch wieder in den 70ern zu sein). All dies tut dem unterhaltsamen Werk keinen Abbruch. Dass Pauls Leben in der Erwachsenenzeit hektischer wird, zeigt sich auch in der Sprache – es wird ernsthafter, manchmal etwas schnell, so dass man sich fragt: Mit wem hat er jetzt schon wieder zu tun. Alles sehr kurzweilig und unterhaltsam! Paul ist ein Typ und symphytisch, auch wenn das Leben mal im Chaos zu versinken scheint.

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