Königsmörder | Robert Harris

Erschienen im Heyne-Verlag | Rezensionsexemplar

Das Autorenphänomen Robert Harris

Auch bei „Königsmörder“ beweist der britische Autor und Journalist Robert Harris wieder einmal ein Gespür für die Geschichten hinter der Geschichte. Sein erzählerisches Talent formt nicht nur einen Roman, sondern agiert vielmehr als historische These: So hätte es gewesen sein können!

Er schafft es uns lebendige, fühlende Menschen der Vergangenheit vor Augen zu projizieren. Und das, obwohl er uns in diesem Roman schon auf den ersten Seiten zu Verbündeten seiner Fiktion macht, in dem er uns offen erklärt, welche der vielen Figuren seiner Phantasie entstammt. Aber er flechtet diese Hauptperson so in die Geschichte ein, dass sie – selbst für den kenntnisreichen, historisch-bewanderten Leser – nicht mehr wegzudenken ist. Die historische Fiktion wird so perfekt! Schon nach wenigen Seiten, ja nach wenigen Zeilen, des Beginns der Geschichte, fängt alles an, vor unserem inneren Auge zu leben.

Königsmörder!

Edward Whalley und William Goffe sind auf der Flucht. Sie gehörten einst zu den Männern, die das Todesurteil des englischen Königs Charles I unterzeichneten. Nach der kurzen und radikalen Zeit des Lordprotektors Oliver Cromwells, kommt Charles II an die Macht – der Sohn des einstigen Königs. Er verzeiht allen per Gesetz, außer den Männern, die damals die Hinrichtung seines Vaters im wahrsten Sinne des Wortes besiegelten – die Siegel und Unterschrift unter das Urteil zur Enthauptung des Königs setzten. Diesen Männern droht nun selbst die Todesstrafe. Aber eine Form der Todesstrafe, die in ihrer Brutalität fast nicht zu übertreffen ist. Eine Jagd beginnt! Von einer Seite der Welt auf die andere! Eine Jagd von England nach Neuengland – in die jungen Kolonien.

Mehr als eine Verfolgung

Robert Harris erzählt mehr als nur eine spannende historische Verfolgungsjagd des 17. Jahrhunderts. Es geht um Glauben an etwas, an Personen oder Religion, um das Fehlschlagen einer Demokratie, die durch Radikale zerstört wird. Es geht aber auch um Wut und Rache zwischen einzelnen Personen und ganzen Gesellschaftsteilen – um die Zerrissenheit eines Landes. Oder etwas, was ein Land sein soll und doch so verschieden ist. Wir erhalten eine spannende Geschichte und tiefe Einblicke in ein gespaltenes und nicht endgültig befriedetes Land. Oft haben wir nicht das Gefühl die Zerrissenheit Englands im 17. Jhrh. zu hören – nein, das erinnert sehr an die Gegenwart – sei es in England oder den USA. Selbst die Mächtigen vermögen nicht das Land – die Herzen der Bevölkerung – zu regieren. Die Gräben sind zu tief. Und eine zufriedenstellende Lösung für die ganze Bevölkerung ist nicht in Sicht.
Denn auf der anderen Seite der Königsmörder steht Richard Nayler, der neben dem Auftrag des Königs noch seinen ganz persönlichen Antrieb – seine ganz persönlichen Motive – hat, die einstiegen Verschwörer und protestantischen Fanatiker zu suchen, zu finden und ihnen möglichst den Tod zu bringen. 


Robert Harris überzeugt!

Ich bin der festen Überzeugung, dass Robert Harris in der Retrospektive auf die Literatur unserer Zeit als einer der wichtigsten Autoren eingehen wird, denn niemand beherrscht es so gut und geschickt, mit der Aufarbeitung historischer Stoffe, die aktuellen Themen unsere Zeit, zu kommentieren. Kein Thema in Harris Romanen ist zufällig zum Zeitpunkt der Veröffentlichung gewählt. Harris weist uns über historische Achsen auf Strukturen hin – gibt andere Perspektiven als die gewohnten. Das macht diese Romane genial, einzigartig und auch schon wieder zeitlos.

Nur sehr wenigen Autoren gelingt dies in dem weit überreizten und überfrachteten Genre der historischen Romane. Zumeist bleiben die meisten intellektuell auf Kitsch und Tiefstand und zeigen sich als schlecht recherchiert. Harris Romane sind da – wie auch in diesem Werk wieder bewiesen wird – von einem anderen Stern, Over-the-top! Auch diese Geschichte ist wieder akribisch recherchiert – so akribisch als wäre es ein Sachbuch zum Thema. Was auch wieder der Quellenteil zum Ende des Buches beweist!

Robert Harris hat wieder einmal sein Niveau gehalten – uns ein großes und wichtiges Werk beschehrt.

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