Die Geschichtsschreibung ist in den letzten Jahren sehr fleißig in den Bereichen Feminismus, Frauen in der Geschichte und/oder der Biografien von Frauen, die ganz besondere Leistungen vollbracht haben (solange wir dies aufgrund zeitweise schlechter Quellenlagen überhaupt sehen und bewerten können) gewesen. Es gab und gibt sehr viel aufzuholen. So ist es wirklich ein Gewinn, dass Bianca Walther uns nun einen aktuellen Überblick über die Entwicklung zur und innerhalb der Frauenbewegung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts in ihrem Werk mit dem vielsagenden Titel „Die Vorkämpferinnen“ schenkt. Walther schafft die gute Mischung aus sachlicher Darstellung der Strukturen und ihrer Entwicklungen der Organisationen, sowie die sehr persönlichen und sehr nahbar nachzuempfindenden Lebenswege und Lebensbedingungen ihrer mutigen Heldinnen. Ein Buch, das so weitaus mehr ist als eine schnöde Auflistung von Fakten, sondern einen tiefen Einblick in die schwierigen Umstände und Kämpfe dieser Frauen zeigt. Ziel war – mal mehr, mal weniger – irgendwann Gleichberechtigung gegenüber der Männerwelt zu erhalten und somit das Patriarchat zumindest zu schwächen oder es vielleicht auch irgendwann hinter sich zu lassen. Gleichzeitig ist „Die Vorkämpferinnen“ eine wunderbare Zusammenstellung besonderer Charaktere, voller Zivilcourage und Tatendrang. Frauen, die sich für die Gesellschaft einsetzen – oft ohne Lohn, sondern sehr viel Spott und Hohn, Arroganz und Verachtung erfuhren. Aber ihr Tatendrang hat die Welt in den letzten 200 Jahren deutlich verändert. Wir bräuchten auch heute – auf vielen Ebenen – diesen mutigen Einsatz für unsere Gesellschaft. Und zwar von Männern und Frauen. Das macht „Die Vorkämpferinnen“ plötzlich noch aktueller als es ihr Thema an sich schon ist.
Schlagwort: S. Fischer
Israel 7. Oktober | Lee Yaron
Über dieses Buch würde ich gerne viel schreiben, aber das hieße, dieses Buch nochmals zu schreiben! Es war für mich im Bereich aktuelles Sachbuch das wichtigste Buch in diesem Jahr, um die Welt 2024 etwas mehr und besser zu verstehen.
Der Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 wird historisch nicht nur ein neues Kapitel im nichtendenden Nahost-Konflikt sein. Nein, es ist jetzt – ein Jahr später – schon abzusehen, dass dieser heimtückische, bestialische Akt der palästinensischen Hamas Terroristen eine Zäsur in dem nichtendenden Krieg ist. Mit dem hinterhältigen Anschlag auf friedliche Familien, feierten jungen Menschen und andere – völlig harmlose Bürger Israels – wurde an den Grundfesten des Staates des jüdischen Volkes gerüttelt. Erstmals wurden israelische Bürgerinnen und Bürger in ihrem Alltag, in ihrem Land, hinterhältig, systematisch und geplant zu hunderten getötet, ja massakriert, gelyncht, vergewaltigt und verschleppt. Dies hat das Land Israel erschüttert und dieses Trauma wird nicht mehr fortgehen. Aber was ist wirklich wann geschehen an diesem 7. Oktober. Dies berichtet in zeitweiser atemberaubender und bitterer, schonungsloser Konsequenz nun die junge Journalistin Lee Yaron in ihrem Werk „Israel 7. Oktober“. Ein Must-Read für jeden sich bildenden Leser in unserem Jahr 2024!
Das Buch versteht sich nicht als umfassende Chronik des Tages. Es hat einen sehr eigenwilligen Aufbau. Alles passiert wie Schlaglichter. Wir lernen Menschen kennen, ihr vorheriges Leben und Schicksal und zeitweise Geschehnisse auch über den Tag hinaus, bevor wir uns einem anderen Ort und anderen Menschen zuwenden. Aber sie alle verbindet, dass sie zu den Opfern des 7. Oktober 2023 in Israel gehören.
Die fernere Zukunft | Adam Thirlwell
Welch ein eigenständiges und eigenwilliges Werk hat uns Adam Thirwell durch diesen Roman geschenkt! Kraftvoll, dynamisch, wortstark, in einer zeitlosen und zeitweise skurril verknüpften Umgebung. Wir sind in Frankreich der Vorrevolution und Revolution und werden auch ins revolutionäre Amerika geführt, aber gleichzeitig sind wir auch in unserer „Jetzt-Zeit“. Ein revolutionärer Erzählansatz über eine Geschichte aus einer stürmischen Revolution, über den gelebten (vor allem hier feministisch gelebten) Willen, frei von gesellschaftlichen Konventionen zu leben. Und dies fordert vollkommen überraschende Reaktionen. Es liegt Veränderung, der Wille nach mehr als dem bisherigen Leben, in der Luft. Daher sind die Personen direkt und alles hinterfragend. Thirlwells Schreibstil ist stark, wie seine Hauptperson Celine. Er inszeniert sie durchweg in den extremen Emotionen der Jugend, auch wenn sie älter wird. Diese sind voller Leidenschaft, Gedanken an Sex, Wut und Rache. Celines Auflehnen findet intensive Frauensolidarität in ihrem Kampf gegen ein Patriachat, das als natürlich gegeben um die Ecke kommt und das man nicht unterschätzen sollte.