Erschienen bei C.H. Beck
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Profane Selbstdarstellung, Genialität und Wahnsinn
Es ist das Leben eines Sonderlings. Und wenn man sein Leben unter 30 Jahren betrachtet, dann muss man bei Jean-Jaques Rousseau feststellen, dass es in dieser Zeit oft das Leben eines Hochstaplers ist, der sich die Welt in seinen späteren autobiografischen Darstellungen, den Confessions, oft schöngeredet hat. Aber gleichzeitig ist es das Leben eines genialen Menschen, dessen Werk viele große Denker – die ihm folgen sollten – beeinflusste, so wie Kant, Herder, Pestalozzi oder Montessori. Aber sein historisches Vermächtnis? Darüber kann man streiten – wie man in Volker Reinhardts Biografie über Rousseau bestens feststellt.
Sich diesem eigenwilligen Menschen und seinem zeitweisen fast bizarren und unsteten Leben zu nähern, bedeutet ein sehr genaues Hinschauen. Und genau dies beweist Reinhardt, und zwar kritisch, scharf – ja, vorzüglich.
Reinhard stellt Rousseau mit all seinen Verfehlungen, Selbsttäuschungen und Selbstbeweihräucherungen, mit seinen Schwächen und Naivitäten, sehr menschlich dar. Aber auch mit seinen seltsam genialen, individuellen, kreativen Anteilen, die er im Leben aber scheinbar erst entwickeln muss. Selbst zu Unrecht als Kind eines Diebstahls bezichtig, empfindet Rousseau sich Zeit seines Lebens als Verteidiger der Entrechteten. Was ihn aber nicht davon abhält, zeitweise das Leben eines Lügners und Hochstapler zu leben, der falsche Behauptungen und Namen über sich in Umlauf bringt, um sich eine höhere Herkunft zu attestieren.
Und trotzdem werden seine Werke die Philosophie, das politische Denken und die Pädagogik in vollkommen neue Wege leiten. Es ist vielleicht wieder einmal die Nähe von Genialität und Wahnsinn.
Eine etwas andere Biografie
Volker Reinhardts Biografie brilliert in filigraner, bildungssprachlicher Ausdrucksweise und sie ist zeitweise gespickt mit einem deutlichen Hauch an Ironie gegenüber den Selbstdarstellung Rousseaus. All das macht diese Biografie zu mehr als einem trockenen Sachbuch, sondern zu einem großen Lesevergnügen. Wir werden inhaltlich und sprachlich einfach sehr gut und niveauvoll unterhalten. Das Besondere an dieser Biografie ist wahrscheinlich, dass sie genau das Gegenteil ist von dem, was wir oft an Lobhudeleien bis fast zur Vergötterung in Biografien großer Denker finden. Reinhard entlarvt den – schon zu Lebzeiten von Rousseaus gegründeten – Rousseaukult. Er wirft ihn nicht „vom Sockel“ (denn so fest stand Rousseau dort nie), aber er wackelt schon oft beträchtlich daran. Darüber hinaus wird er nie ungerecht. Rousseau ist – und er wird es immer bleiben – eine umstrittene Person, lebte umstritten, handelte umstritten. Er wirkt psychologisch oft verkorkst. Ein Narzisst, der Zurückweisung und Verletzungen nicht ertragen kann. Rousseaus autobiografische Darstellungen sind voller ständiger Rechtfertigungen seiner wissenschaftlichen Behauptungen an sich selbst. Selbstzweifel scheint Rousseau nicht gekannt zu haben. Falls er Verfehlungen darstellt, so um zu zeigen, dass er durch die Gesellschaft seine Tugend verloren hatte.
Musiker, Philosoph, Pädagoge, Literat und was noch?
Basierend darauf, kommt es zu seinen pädagogischen Überlegungen, dem „Emile“ und der Überlegung des einstigen „Naturzustands“ des Menschen, den dieser Verlassen hat – verloren hat. Zwar sind zu Beginn seine pädagogischen Überlegungen noch keine wirklich revolutionären Überlegungen, aber schon dort wird klar, dass Kinder keine kleinen Erwachsenen sind und daher anders behandelt werden müssen. „Das Ziel, das man sich bei der Erziehung eines jungen Menschen setzen muss, besteht darin, sein Herz, seine Urteilskraft und seinen Geist zu Formen.“ Das ist schon weit weg von pädagogischer Härte, Entbehrung und körperlichen Strafen des Ancien Regimes.
Aber Rousseau ist eine vielfältige Person. Er ist Musiker, Philosoph, Literat und vieles mehr. Eine von ihm kreativ geschaffene Person, die sich stetig wandelt und neu erfindet.
Volker Reinhard hat uns ein intensives, gut recherchiertes Werk an die Hand gegeben, das sich zu lesen lohnt. Nicht nur für Neueinsteiger in das große Feld „Rousseau“, sondern auch für die, die glaubten schon viel über ihn zu wissen.