Ravenna

Ravenna | Judith Herrin

Erschienen im wbg-Theiss Verlag
(Rezensionsexemplar)

Die Stadt

Es gibt Städte, die uns nur beim zweiten Nachdenken über wichtige Orte der Weltgeschichte einfallen. Die ehemalige römische Hauptstadt Trier könnte ein solcher Ort sein, der zeitweilige Papstsitz Avignon oder … Ravenna! 

Die Archäologin und führende Wissenschaftlerin zum Thema byzantinische Studien Judith Herrin holt uns Ravenna in unser historisches Gedächtnis zurück. Ein Buch, das Lust macht auf Antike, Italien und viel, viel Kultur!

Im Licht der Weltgeschichte

Schon Kaiser Diokletian verändert massiv das Römische Reich, welches durch Kaiser Konstantins Verlegung der Hauptstadt und die Einführung des Christentums ein neues Gesicht erhält. Doch der religiöse Versuch einer Vereinheitlichung funktioniert nicht. Diskussionen um Glaubensfragen spalten oft die Christenheit. Spaltung geschieht auch durch die Aufteilung 395 in West- und Ostrom – die Stadt Rom hat nun endgültig ihren Status verloren.

So endscheidet Kaiser Honorius sich für Ravenna als Hauptstadt. Diese Entscheidung ist zuerst rein militärisch zu verstehen: Die noch kleine Stadt kann mit einer Lage im sumpfigen Podelta gut verteidigt werden! Willkommen in der Weltgeschichte!

Unter der Schirmherrschaft seiner Schwester Galla Placidia – deren Leben einem Abenteuerroman ähnelt – blüht die Stadt im 5. Jahr auf, wird kulturell und ökonomisch zu einer Metropole.

Größer als „nur“ Geschichte!

Buch geht auch übers Thema hinaus. So erfahren wir viel über die theologische Diskussion der frühen Christenheit und die Rolle und Person der Gottesmutter Maria oder über den Zwist zwischen Arianern und katholischen Bischöfen. 
Neben der Weltpolitik, geht es aber natürlich auch um die führenden Familien, die in der Kurie quasi die Verwaltung und Kommunalpolitik der Stadt organisieren. Ravenna in der ausgehenden Antike wird für uns plastisch – vor allem sichtbar!

Nach der Absetzung des letzten weströmischen Kaisers, entscheidet sich auch Odoakers 476 für Ravenna als Hauptstadt. 493 Erobern die Goten die Stadt. Nach drei langen Jahren der Belagerung und vielen Verhandlungen, tötet Theoderich – wohl eigenhändig – Odoaker und wird Herrscher über ganz Italien. 

Historischer Rundgang

Das Buch funktioniert an manchen Stellen wie ein historischer Rundgang durchs antike Ravenna. Uns werden Orte, ihre Architektur und Funktionen vorgestellt. Wir erfahren die Intentionen ihrer Schöpfer.

Judith Herrin schafft es so, Licht in die oft als dunkle Zeit angesehene Phase des Übergangs von Antike zum Mittelalter zu bringen. Bedingt durch die Völkerwanderung und zeitweise nicht mehr funktionierende römische Verwaltung, gibt es doch an vielen anderen Orten immer wieder dunkle Flecken in der Historie. In diesem sehr gut recherchierten Buch sehen wir viel Licht im sonstigen Dunkeln! Wir sehen quasi Ravenna vor uns. Dazu hilft auch der Bildteil! Denn das Buch verfügt über einen fabelhaften Bildteil, der durch seine Visualisierung hilft, auch auf anderen Ebenen nochmals ins Thema einzutauchen.

Ein Buch, das bestimmt eine wunderschöne Vorbereitung für einen wunderschönen Urlaub in Ravenna sein kann. Aber – wie gesagt – es ist mehr! Es macht mit seiner Fülle und umfassenden Darstellung deutlich, wie sehr Ravenna im Schmelztiegel von Ost- und West und zwischen Antike und Mittelalter war. Nicht nur politisch, wirtschaftlich, sondern auch kulturell – sei es religiös und philosophisch, architektonisch oder künstlerisch und musisch. Ravenna kommt uns als Stätte von Kunst und Kultur nahe. Denken wir doch nur an die Gotische Bibel, bei deren Erwähnung das Herz eines jeden Sprachwissenschaftlers schneller schlägt!

Der historische Abstieg

Die Autorin schafft es, die Geschichte Ravennas gut in die „Weltgeschichte” einzubetten – wichtige Handlungsstricke werden zuvor erläutert, bevor ihre Auswirkungen auf die Stadt dargestellt werden. Wir lernen historische Personen (wie den Philosophen Boethius) und ihren Einfluss auf die Stadt (wie im Fall Gregor des Großen) kennen.

Nach Theoderich Tod, fällt auch das Königtum der Goten. Es folgen eine rund 200 jährige Herrschaft Konstantinoplers – Ravenna ist einflussreicher Arm Ostroms in den Westen.
Nichtsdestotrotz erobern die Langobarden 751 die Stad und langsam verschwindet Ravenna wieder aus der Öffentlichkeit der Weltgeschichte – im Dunkel der Geschichte!

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