Deutschland 1923 | Volker Ullrich

Erschienen im Verlag C.H.Beck

Rezensionsexemplar

2023 vers. 1923 

Wir steuern auf 2023 zu und da ist der Blick zurück zum Krisenjahr 1923 sehr gut. Haben wir heute das Gefühl, die Welt verliert ihre Fasson, so blicken wir in Volker Ullrichs Buch auf ein Deutschland im Chaos, am Rande von Anarchie, Fremdherrschaft, Faschismus und Kommunismus. Während der Lektüre ist die dauernde Frage: Wie konnte das Land dies überstehen?  

ODER: War dies schon der Anfang vom Ende?
Und so sehen wir Besetzung, Inflation und antidemokratische Bestrebungen auch heute in Europa und können vielleicht von der Hartnäckigkeit der Demokraten von damals lernen. Was damals die junge Demokratie Deutschlands traf, trifft zurzeit – in anderer Form – Europa als Ganzes! Zurzeit noch nicht in dieser extremen Form – aber wer weiß: 2023 steht erst noch vor uns!

Blicke in die Geschichte lohnen sich immer – dieser Blick zum jetzigen Zeitpunkt ganz besonders! 

Und was zerrt an der jungen Demokratie? 

Ullrich zeigt uns zu Beginn die Unerbittlichkeit Frankreichs! Ähnlich wie bei den Friedensverhandlungen in Versailles, ist die Wut und der Hass Frankreichs auf Deutschland Motor eines unfriedlichen Miteinanders. Dieser nicht nach links und rechts schauende nationalistische Kurs, führt zur Ruhrbesetzung – ein Schritt, der auch von den USA und England nicht gutgeheißen, aber akzeptiert wird. 
Frankreichs Vorgehen förderte vor allem damit auch wieder den deutschen Nationalismus und erst einmal einem Zusammenhalt zwischen allen politischen Lagern, wie es ihn seit 1914 nicht mehr gab. Frankreich ignorierte vollkommen diese Auswirkungen. Unverständnis, mangelnde Diplomatie auf beiden Seiten!

Dramatik und Spannung!

Das Buch verdeutlicht die riesige Turbulenz des Jahrs, indem es nicht nur die allgemeinen bekannten „großen Krisen“ des Jahres, wie die Ruhrbesetzung, Inflation und den Hitlerputsch ausführlich und umfassend darstellt…Nein, auch die Aspekte, wie den Dauerkonflikt der Landesregierung in Sachsen, Thüringen mit der Reichswehr, den Kommunistenaufstand in Hamburg oder die separatistischen Bewegungen im Rheinland und in der Pfalz- die oft in der allgemeinen Geschichtsschreibung etwas „unter den Tisch fallen“ – werden übersichtlich dargestellt. Und das alles zeitweise minutiös und voller Dramatik und Spannung! 

Es brennt an allen Ecken Deutschlands und der Leser fragt sich oft, wie es sich wohl für den – nicht so gut informierten – Menschen jener Zeit angefühlt hat. Ein wichtiger Aspekt! Denn man merkt immer mehr, wie die Menschen Heilsbringer suchen oder zum Beispiel eine Inflationsmentalität bekommen – Geldwertverlust wird alltäglich – Verelendung und Armut werden alltäglich.  

Menschen passen sich an die Krisen an und leben in Hoffnung auf andere Zeiten. Was erst einmal so positiv klingt, sind die Voraussetzungen dafür, den späteren Diktator förmlich zu erwarten. 

Die Person Gustav Stresemann 

Zentrale Person ist Gustav Stresemann, ohne dessen politisches Geschick, das Land wohl schon damals untergegangen wäre. Wir erfahren viel über seine Entwicklung als Politiker – sehen einen Mann, der reflektiert und gelernt hat. Einen Mann, der vom Kaiserreich zur Demokratie gefunden hat. Und einen Mann, der seine Aufgabe über sich selbst stellt – daran physisch zerbrechen wird.

Klarer Buchtipp! 

Auch wenn der Autor im Vorwort betont, dass er aufgrund der Coronazeit nicht in dem Umfang in Archiven recherchieren konnte wie gewollt, haben wir hier ein sehr gutes und umfangreiches historisches Werk vor uns.  

Volker Ullrich schreibt sachlich, unterhaltsam und sehr umfassend. Seine gewählte Struktur, im Gegensatz zu anderen Geschichtsbüchern, nicht chronologisch vorzugehen, sondern thematisch die Aspekte des Krisenjahrs zu präsentieren, gibt dem Leser Überblick. Wer vermutet, dass es so zu Situationen im Buch kommt, in denen er aus Sachzwängen vorgreifen muss, liegt falsch. Die Anreihung der Informationen wirkt sehr geschickt ausgewählt- alles ist verständlich zu dem Zeitpunkt, in dem es erwähnt wird. Große Erzählkunst in einem Sachbuch. 

Es macht Spaß das Buch zu lesen! Es schafft das, was ein gutes Geschichtsbuch schaffen soll: Wir tauchen ab, lernen Menschen kennen und leiden zeitweise mit ihnen in den Situationen, wenn irgendwie alles schiefläuft.  

Wir werden Zeugen von Intrigen und sehen, trotz des vorläufigen Überlebens der Demokratie, dass das Land immer mehr auf den Abgrund der Diktatur zu läuft. Deutlich wird, wie viele Verantwortungsträger dieses Schicksal sehenden Auges aktiv in Kauf nahmen. Und wir sehen aber auch, wie viele Menschen mit ganzer Kraft, hartnäckig versuchten die Demokratie zu retten.  

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