Krieg in Europa | Norbert Mappes-Niediek

Der Zerfall Jugoslawiens und der überforderte Kontinent 

Erschienen im Rowohlt-Verlag
(Rezensionsexemplar)

Wahrscheinlich das richtige Buch zum richtigen Zeitpunkt!

Ein bestialischer, brutaler Krieg voller extremer Gräuel, voller schlimmster Kriegsverbrechen! Wie konnte dies im Europa der Nachkriegszeit geschehen? Warum zogen Bevölkerungsgruppen, die jahrzehntelang friedlich miteinander lebten, geblendet durch Nationalismus in so einen barbarischen Krieg geraten?

Norbert Mappes-Niediek holt uns die Erinnerung in den Kopf zurück, dass Krieg nach dem 2. Weltkrieg Europa nicht verlassen hatte. Wir hatten vor dem Ukraine Krieg in Zentraleuropa etwas aus dem Blick verloren, dass Krieg immer noch möglich ist und ein großer verheerender Krieg gerade einmal vor 20 Jahren vor unseren Haustüren wütete. Ein Krieg der Ethnien, der Religionen, ein Krieg geboren durch Nationalismus, ein Krieg um Geschichtshoheit.

Es ist wahrscheinlich das richtige Buch zum richtigen Zeitpunkt, um uns vor Augen zu führen, dass man die Gefahr eines Krieges nie unterschätzen darf, aller Frieden (historisch gesehen) nur eine Zeit bis zum nächsten Krieg ist. Frieden ist nicht der Normalzustand der Weltgeschichte und sollte es doch sein! Und wir Menschen vergessen, verdrängen wahrscheinlich immer schnell die letztlich unbeschreibliche Schrecklichkeit des Kriegs.

Aufbau

Das Werk bietet eine sehr gute Übersicht einer – für den außenstehende Balkanbeobachter – komplizierten Situation. Diese gute Übersicht wird durch die Informationswahl und einen zumeist stringenten chronologischen Aufbau – mit kurzen Rückblicken im Werk – möglich. Der Aufstieg Milosevics, Tudjmans oder anderer Protagonisten des Krieges wird uns in einem guten Rahmen biographisch rückschauend kurz skizziert und vorgestellt, sodass der Leser die Personen und deren Handeln einschätzen kann. Gleiches geschieht auch z.B. als kurzer Rückblick bezüglich der Geschichte und dem Leben der Bevölkerungsgruppen in Bosnien-Herzegowina oder des Kosovo vor dem Krieg. 

Mappes-Niediek präsentiert so das historische Gefühl vor dem Krieg, dass die Eskalation sich dramatisch steigert. 

Sein Erzählstil ist plastisch, lebendig, aber nicht unsachlich. Die Geschehnisse und Auswirkungen werden uns zeitweise auch an konkreten beispielhaften Lebensgeschichten, schicksalhaften Auswirkungen exemplarisch verdeutlicht. Dies durch Personen, die nicht unbedingt zu den Mächtigen der Zeit zählen.

Ein aktuelles Buch!

Schon der Auftakt des Krieges, mit dem 10 Tagekrieg der jugoslawischen Truppen gegen Slowenien, was sich gerade unabhängig erklärt hatte, zeigt, was wir auch heute wieder sehen: Nicht unbedingt die militärische Stärke bringt den Sieg, sondern die Motivation der Kämpfer. Die slowenischen Soldaten kämpften für ihre Freiheit.

Es folgen Jahre der Grausamkeiten, der „ethnischen Säuberungen“, Terror gegen die Zivilbevölkerung. 

Das Buch macht uns in seiner Tragik über den inneren Konflikt auf dem Balkan hinaus klar, was passiert, wenn die Welt nur Zuschauer in einem Krieg in Europa ist. Es zeigt, dass die lange Zeit der Passivität, die Steigerung des Kriegswahnsinns erst möglich machte – ja, Schrecklichkeiten und Gräuel wie Srebrenica erst möglich machten. Dies ist die klare Botschaft an die Jetzt-Zeit: Wir müssen uns einmischen, Verantwortung übernehmen, wenn in unserer europäischen Nachbarschaft Unrecht geschieht. Vielleicht nicht unbedingt kriegerisch, aber mit klarer Haltung für oder gegen eine Seite! Nur so tritt man Nationalismus entgegen!

Das Buch ist sowohl für Menschen, die diese Zeit schon bewusst erlebten – denen die täglichen Nachrichten dazu noch in Erinnerung sind – denn es bietet einen guten Überblick über die Geschehnisse. Aber es bietet auch Einblick und Struktur für die Generation, die bewusst diesen Krieg nicht erlebt hat. 

Es ist Warnung für alle. Es fordert den Leser aushalten zu können! 

Aushalten zu können, wieviel Zeit unter dem Deckmantel einer unfähigen Diplomatie verstrich, bis endgültig den leidenden Menschen – z.B. in Bosnien-Herzegowina – wirklich geholfen wurde. Dieser Krieg ist ein Mahnmal – und dieses Buch auch!

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