Erschienen bei C.H.Beck
(Rezensionsexemplar, also Werbung)
Geschichtsschreibung wie eine Netflix-Serie
Du findest Geschichte so ganz OK? Vielleicht auch etwas interessant? Dann wird Dan Jones dir zeigen, dass Geschichte fesselnd, aktuell, unterhaltsam, spannend, mitreißend und bildend sein kann. Während in vielen deutschen Buchläden die Geschichtsabteilungen schrumpfen, immer wiederkehrendem Kitsch und Gesellschaftsspielen weichen, wachsen diese in Großbritannien jährlich. Der Grund dafür sind Autoren wie Dan Jones, die den fabelhaften Spagat zwischen historischem Anspruch und Unterhaltung schaffen. Der Autor und BBC-Moderator, der vielleicht auch etwas ein Popstar unter den Produzenten moderner Dokumentationen in Europa ist, bringt Menschen zur Geschichte, die sich ansonsten dafür nicht interessieren würden. Das fehlt leider so in Deutschland und somit ist es fabelhaft, dass C.H.Beck seine Werke zu uns bringt.
Sein neuestes Werk „Kreuzfahrer“ ist erneut ein Beweis dafür, dass Jones es beherrscht, ein mittelalterliches Thema, das bei weitem nicht „hip“ wirkt, so zu erzählen, dass es einer Netflix-Serie als Buch gleicht. Und das alles auf einem anspruchsvollen Niveau. Das macht Spaß zu lesen – und geht (wie die Serie) viel zu schnell vorbei.
Ein anderer Ansatz
Jones stellt seine Geschichte der Kreuzzüge von vorne hinein perspektivisch sehr breit auf. Es ist nicht der klassische Start bei Papst Urban II, so wie wir es 100-mal gehört haben, mit der Ausrufung des Papstes zum 1. Kreuzung. Nein – er startet an vielen Orten Europas, um zu zeigen, dass der Auftakt des Kreuzzuges eine europäische Geschichte ist. Wir schauen nach Sizilien, in die Normandie, nach Spanien und Byzanz, um besser zu verstehen, wie die Gesamtsituation entlang des Mittelmeeres zwischen Orient und Okzident, zwischen Christen und Muslimen war. Allein diese vielschichtige Perspektive macht das eigentliche Phänomen „Kreuzzüge“ schon zu einem Phänomen der vielen Kulturen, Nationen und vor allem der Menschen. Ein Phänomen, was bis heute deutlich nachhallt.
Jones geht auf anderen Ebenen anders ans Thema heran. Nicht als Pauschalübersicht einer großen Masse, die in Richtung Jerusalem drängt, sondern meist in der Darstellung exemplarischer Einzelschicksale. Wunderbare, exotische Lebenswege werde da geschildert, die aber – trotz ihrer Individualität – die Grundmotivation dieser Menschen (sei es Ehrgeiz, Langeweile, Habgier, Abenteuer- und Mordlust, religiöser Eifer und mehr ist) und die daraus resultierenden menschenverachtenden und grausamen Auswirkungen der Kreuzzüge verdeutlichen.
Kreuzzüge bis heute
Jones ist es wichtig Mentalitäten zu erklären. Somit bringt er uns die Beweggründe näher. Er macht deutlich, wie z.B. die Kreuzfahrer es vollbrachten, im Namen einer Religion der Vergebung, der Nächstenliebe und der Gewaltfreiheit, auf bestialische Diebeszüge ziehen zu können. In einer ihnen eigenen Logik, selektierte man sowohl Texte aus dem Alten Testament, aber auch aus den Briefen des Paulus als Argumente dafür, für den Glauben auch den „Helm des Heils und das Schwert des Geistes“ anziehen zu dürfen.
Die moderne populärwissenschaftliche Geschichtsschreibung aus dem anglo-amerikanischen Raum ist fernab so mancher verstaubten Geschichtsschreibung unseres Landes, bei der man vielfach immer noch das Gefühl hat, dass Historiker unbedingt als „über der Welt schwebenden Halbheilige-Akademiker“ wahrgenommen werden wollen. Dan Jones geht es darum Geschichte zu schreiben, zu beschreiben, ja, spannend zu erzählen. So erreicht er viele Menschen, schafft einen Zugang zur geschichtlichen Bildung, nicht nur für die, die dies ohnehin lesen, sondern auch für vollkommen neue Lesergruppen. Gerade ein so unübersichtliches Thema, wie die Kreuzzüge, wird so für viele zugänglich. Ein Thema, das bis in den Extremismus unserer Zeit (z.B. der Terroranschlag auf der Insel Utøya, Trumpismus, Nationalismus in Polen und Ungarn, etc.) sichtbar und absolut aktuell ist, und somit dringend beleuchtet werden muss.